Er spricht mit den Steinen, dem Holz und der Erde

Mit viel Hingabe rekonstruiert Viorel Moise die traditionellen Häuser für das Dorfmuseum

Montag, 02. Juli 2012

Steil führt der Weg über Serpentinen von Câmpina über die Berge ins Doftana Tal. Die Nacht ist schwarz und ein irrealer Vollmond blickt auf uns herab, als der schwere Geländewagen ächzend Kurve um Kurve erklimmt. Sind wir überhaupt noch richtig? Kein Schild, kein Dorf, kein Hirte, der uns den Weg weisen könnte. Nur sanft rauschende Bäume, schroffe Felsen, über uns das sternenübersäte Firmament. Dann sind wir auf einmal oben und blicken hinunter ins weite Tal. Vereinzelt blinken Lichtlein aus der Dunkelheit herauf. Hier unten irgendwo muss es sein. Wir kurven durch schlafende Dörfer, bis uns eine steile Schotterstraße den Hang hinauf führt. Als wir aussteigen, legt sich die Nachtluft kühl und frisch auf unsere Haut.

 Ein Mann wie ein Berg kommt uns entgegen. Man spürt, er gehört zu diesem Flecken Erde. Wie die Bäume in den Felsen ist er hier verwurzelt. Viorel Moise, eine Art Moses aus dem Doftana Tal. Er kennt die zehn Gebote des Holzes, das Geheimnis der Schindel- und Schilfdächer, er weiß, wie man mit Kuhmist Wände verputzt oder aus Lehm und Stroh ungebrannte „Chirpici“-Ziegel formt, die ein Leben und länger halten.

Wie die Häuser unserer Vorfahren, die kein Wellblech, kein Styropor und keine Rigipsplatten kannten. Wie Moses mit dem Herrgott, so  scheint er mit den Elementen zu sprechen. Sie zu überzeugen, sich zu verbinden, um Wind, Wetter, Schimmel und Holzwürmern zu trotzen. Unter seinen klobigen Händen entsteht noch heute, was anderswo längst Geschichte ist. Viorel Moise ist der Wiedererbauer und Restaurateur der traditionellen Häuschen aus dem Dorfmuseum in Bukarest.

Geschichte, aber nicht unbedingt passé. Denn es gibt immer mehr Menschen, die sich nach der natürlichen ländlichen Bauweise aus der Maramuresch, der Bukowina oder der Dobrudscha zurücksehnen, oder mit den traditionellen Häusern der Sachsen, der Hutzulen und der Daker liebäugeln. Lehmwände, kühl im Sommer, im Winter heimelig warm.

Lebendiges Holz, das ächzt und stöhnt und den Erschütterungen eines Erdbebens viel eher standhält als ein Klotz aus Ziegeln. Luftige Steinkeller, in denen Äpfel vom Herbst bis zum Frühling knackig bleiben, besser als in jedem Kühlschrank und ohne die schädlichen Radon-Emissionen von Beton. Doch es ist fünf vor zwölf, denn das alte Wissen ist beinahe ausgestorben.

Im ganzen Land musste Viorel Moise herumfahren auf der Suche nach Meistern der alten Kunst. Oft erntete er nur mitleidiges Lächeln. „Nein, heute macht sowas niemand mehr!“ Beim Abbau der traditionellen Häuser für das Museum fragte er oft alte Leute vor Ort nach Rat. Warum hat man das so gemacht? Wer kennt noch diese oder jene Technik? Wie ein Puzzlebild musste er sich sein heutiges Wissen zusammensammeln, vieles einfach nach Erzählungen ausprobieren, denn im Museum gab es kaum Dokumentation.

Kirchen, Zäune, Kellergewölbe, Mühlen und Bootshäuser hat er mittlerweile erbaut und die Eigenheiten jeder Region kennengelernt. „Es gibt allein unzählige Arten, wie man Balken miteinander verzahnt“, lacht Moise.

Ein Patrimonium an traditionellen Meistern

Sein Team aus etwa zehn Leuten ist handverlesen und selbst angelernt. Sie stammen alle wie er aus dem Doftana Tal. Manche der Älteren kennen sich eine Ewigkeit, andere sind erst 18 Jahre. Moise ist es gelungen, ein nahtlos funkltionierendes Team zu  schaffen, wo einer vom anderen lernt. Auch wenn jeder sein eigenes Fachgebiet hat – Maurer, Steinmetz, Holzarbeiter oder Ofenbauer – so muss doch jeder auch ein wenig von allem wissen. Seit sie für das Dorfmuseum arbeiten, musste jeder einzelne von ihnen Spezialkurse für Restauration in Bukarest absolvieren. Für sie ist ihre Arbeit heute - wie für Viotel Moise - nicht nur ein Job, sondern fast wie ein Gebet. Gelebte Liebe für die traditionellen Schätze deses Landes, mit ganzer, tiefer Seele....

Alte Bauweise langsam wieder gefragt

Am nächsten Morgen hoppeln wir in Moises Jeep über steinige Wege. Nur ein paar Kilometer von seinem Heim entfernt  liegt eine riesige Arbeitshalle. Hier trocknet das Holz für die Balken, die man in den Häuschen des Museums immer mal wieder ersetzen muss. Doch bei allen Nachbildungen hält er sich sowohl in der Verarbeitungstechnik als auch optisch strikt an die Vorlage. „Maximal 15 Prozent darf ein restauriertes Häuschen vom ursprünglichen Stil abweichen“, klärt er uns auf.

Er hebt eine Dachschindel auf und erläutert die verschiedenen Formen und ihre Verwendungen, deutet auf die leicht erhabene, längsseitige Holzmaserung. „Schindeln darf man nie schneiden, nur entlang der natürlichen Maserung spalten“, erklärt er, „sonst perlt der Regen nicht ab.“

Ein Tabu sind Metallnägel, klärt er uns auf, denn dort dringt bald Wasser ein oder Moos setzt sich fest. Deshalb halten moderne Schindeldächer bloß ein paar Jahre. Auch der Zeitpunkt der Holzernte ist wichtig. Am besten ist eine Vollmondnacht im Winter, denn dann zieht sich der Baumsaft tief in die Wurzeln zurück, das Holz ist härter und weniger anfällig für Schädlinge.
Früher verbaute man in jeder Region, was man dort vorzugsweise fand: Stein oder Holz, Eiche, Buche oder Weide, und wo auch Holz selten war, wurden Ziegel aus „Chirpici“ geformt. 

Schindeldächer in der Bukowina, Schilfdächer im Donaudelta. Doch wer heute ein traditionelles Häuschen möchte, hat zu fast allen Materialien Zugang. Die Nachfrage nach naturnaher, traditioneller Bausweise steigt langsam wieder, vor allem in der gebildten Schicht, freut sich der Meister und nennt als Beispiel einen Schauspieler, für den er am Ufer des Snagov Sees ein lehmverputztes Holzhäuschen errichtet hat. Seine Aufträge bekommt er über Mundpropaganda von zufriedenen Kunden. Das sind nicht  nur einfache Menschen, die sich kein modernes  Haus leisten können, sondern oft gutsituierte Bukarester, die der Großstadt entfliehen möchten. „Wer Interesse hat, braucht nur ins Dorfmuseum zu gehen und sich ein Exemplar auszusuchen“, lacht Moise. Auf  den Einbau eines Bades muss man natürlich trotzdem nicht verzichten...

Steiniger Weg zum ersehnten Ziel

Moise liebt seinen Beruf, das bestätigt auch Ehefrau Mihaela. Lachend erklärt sie, „wenn mal drei Feiertage aufeinanderstoßen, wird er ganz kribbelig vor Unruhe.“ Schon als Schüler hatte der Junge stets mehrere Jobs nebeneinander, oft am selben Tag: mähen, Holz hacken, bei der Ernte helfen, Steine klopfen oder auf den Markt fahren. Obwohl er aus einfachen Verhältnissen stammte, hatte er so stets ein paar Groschen in der Tasche.  
Seine Mihaela lernte er mit 24 kennen - und es war Liebe auf den ersten Blick.

Nur dreimal trafen sich die jungen Leute in der Disco, als das Mädchen bei einer Cousine im Doftana-Tal zu Besuch weilte. Dann war zwischen den beiden alles klar. Obwohl ihre Eltern gegen die Heirat mit einem Habenichts waren, packte sie kurz entschlossen zwei Taschen und zog heimlich zu ihm. „Anfangs waren wir bettelarm, wir wohnten in einem Hinterzimmer bei seinen Eltern“, erzählt Mihaela.

Obwohl auch sie als Buchhalterin arbeitete, reichte das Gehalt hinten und vorne nicht aus. „Wir wälzten ständig Träume  – doch oft fragte ich mich, ob sie denn jemals realisierbar wären?“ Als  sie  auch noch gebeten wurden,  ein noch ärmeres, befreundetes  Paar zu trauen, sagten sie dennoch zu. Von da an ging es auf mysteriöse Weise bergauf. „Auf einmal zeigte sich der Herrgott“, meint Mihaela, die seither noch sieben Paare traute und mehrere Kinder taufte. Viorel arbeitete damals im Steinbruch, handelte mit Granit und Basalt, und erhielt einen größen Auftrag.

Schrittweise etablierte er sich auf dem Bausektor in der Region, wo die traditionelle Bausweise noch üblich  war.  Vor sieben Jahren kam dann das Angebot des Dorfmuseums. Heute lebt die Familie in gutsituierten Verhältnissen. Doch die positive Einstellung zur Arbeit ist geblieben. Sowohl Mihaela als auch Sohn Mihai teilen Viorel Moises Liebe fürs Landleben. Neben ein paar Kühen, die er erst vor Kurzem gekauft hat, betreibt er unweit von seinem Heim eine Sennhütte. Spontan lädt er uns ein, gemeinsam die Schäfer zu besuchen.

Die Sennhütte - ein Familienhobby

Wieder springen wir in den Jeep. Nach einer holprigen Fahrt durch den modrig duftenden Blätterwald springt Mihai aus dem Wagen, klettert den Hang hinauf und weist seinem Vater den Weg, der das Fahrzeug langsam über dicke Wurzeln bis zur Sennhütte steuert. Wir folgen Mihaela zu Fuß und sind bald von wuscheligen Hirtenhunden umringt. Die Schäfer freuen sich über die Abwechslung und warten mit geröstetem Bulz und Ţuica auf. Dann darf der Junge die Schafe zum Melken in den Pferch treiben. Wie eine Boje leuchtet er aus dem wogenden Wollemeer heraus. Über unseren Köpfen ziehen sanfte Wattewölkchen dahin. Welch Paradiesische Idylle auf Moises Berg.

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