Erdbeben als Metapher

Nae Caranfils Filmkomödie „6,9 auf der Richterskala“ in den rumänischen Kinos

Sonntag, 12. Februar 2017

Laurenţiu Bănescu in Nae Caranfils neuem Film „6,9 auf der Richterskala“

Seit dem großen Erdbeben des Jahres 1977, das insbesondere die rumänische Hauptstadt Bukarest heimsuchte, ist die drohende Gefahr zerstörerischer Erderschütterungen ins Bewusstsein der Bevölkerung Rumäniens fest eingegraben. Periodisch wiederkehrende Erdbebenvorhersagen in den Medien, die immer wieder im Lande Angst und Schrecken verbreiten, zeugen ebenso davon wie die amtlichen roten Punkte (buline roşii) auf zahlreichen Bukarester Gebäuden, die erhöhte Einsturzgefahr insbesondere bei stärkeren Beben signalisieren. Auch Kinobesucher haben unter diesen Maßnahmen zu leiden: So sind innerstädtische Traditionskinos wie „Cinema Studio“ und „Patria“ seit Längerem aus eben diesem Grunde geschlossen.

Wenn nun ein Filmemacher wie der 1960 in Bukarest geborene Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor Nae Caranfil, der für seinen unnachahmlichen cineastischen Humor bekannt ist, ein schweres Erdbeben in den Titel seiner jüngsten Filmkomödie „6,9 pe scara Richter“ hebt, so ist damit nicht nur ein Wagnis verbunden, sondern auch die Frage nach dem Filmgenre gestellt: ein Katastrophenfilm als Komödie, kann das funktionieren? Die Cineasten können jedoch bereits vor dem Kinobesuch beruhigt aufatmen. Es werden in Nae Caranfils Film zwar verschiedene Erdbeben gezeigt, aber keines von ihnen findet wirklich statt. Es handelt sich bei ihnen ausnahmslos um Angstträume des Protagonisten Tony (Laurenţiu Bănescu), dessen Seismophobie Pendants in den Phobien, Neurosen und Angststörungen der anderen Filmgestalten findet: Tonys Frau Kitty (Maria Obretin) leidet an depressiven Verlustängsten und krankhafter Eifersucht, von Tonys nach Jahrzehnten urplötzlich wieder aufgetauchtem Vater (Teodor Corban) weiß man bis zuletzt nicht, ob dieser wirklich Tonys Daddy ist oder bloß ein Hochstapler, der obendrein an Pseudologia Phantastica (krankhaftem Lügen) laboriert, und Sugar-Daddys Freundin Bambi (Maria Simona Arsu) leidet an Agoraphobie und kann als Psychologiestudentin dem staunenden Tony auch gleich erklären, dass sich unter diesem Fremdwort nur der bekannte Begriff „Platzangst“ verbirgt.


Das Erdbeben wird so in Nae Caranfils Komödie zu einer Bewusstseinsmetapher, die von der untergründigen Bedrohung zeugt, welche den sozialen und psychischen Gegebenheiten der gegenwärtigen rumänischen Gesellschaft innewohnt. Damit dieses Thema filmisch nicht zu schwer und allzu sehr von Problemen beladen daherkommt, hat Nae Caranfil es durch seine wunderbar geschriebenen Dialoge und durch das komödiantische Talent seiner Filmgestalten – etwa Tonys Kollegen Robert (Adrian Văncică) und John (Constantin Florescu) – in eine humoristische Höhe gehoben, in der es schwerelos zu schweben scheint. Die Handlung ist dabei mitten aus dem großstädtischen Leben gegriffen. Tony und Kitty, ein junges, seit fünf Jahren verheiratetes Paar zieht in eine Eigentumswohnung, die es gerade gekauft hat, dummerweise in einem erdbebengefährdeten Wohnblock, was sich allerdings erst am Tage des Einzugs herausstellt. Zu Tonys hierdurch genährter Seismophobie gesellen sich dann weitere Angststörungen: die Angst vor Armut (Peniaphobie), denn wegen des am Eingang angebrachten roten Punktes hat die gerade erst erworbene Eigentumswohnung mit einem Mal stark an Wert verloren, und obendrein ist Kitty seit geraumer Zeit arbeitslos; Tonys Beziehungsängste manifestieren sich außerdem in der Angst vor Kindern (Paedophobie), die ihn unweigerlich an Kitty binden würden, von der er sich aber eigentlich doch trennen möchte. Tonys Erdbebenträume changieren allesamt zwischen Existenzangst und Wunscherfüllung und geben dabei Einblick in die abgründige Zerrissenheit seiner Seele.

Neben Tonys Lebenswelt inszeniert Nae Caranfils Komödie auch dessen Arbeitswelt. Tony ist von Beruf Theaterschauspieler, der sich als Orpheus gemeinsam mit seiner Schauspielerkollegin Lorena alias Eurydike (Miruna Bilei), dabei eifersüchtig belauert von seiner Ehefrau Kitty, auf die Premiere einer Musicalproduktion vorbereitet, die die Geschichte von Orpheus und Eurydike in der Unterwelt zum Gegenstand hat. Die Theaterproben, die vom Regisseur des Musicals (Gelu Colceag) und von der Figur des Hades (Ovidiu Niculescu) humoristisch bereichert werden, bringen gleichsam einen Film im Film hervor, der die komödienhafte Leichtigkeit und humoristische Schwerelosigkeit des Geschehens noch mehr steigert. Man erinnert sich hier gerne auch an Nae Caranfils letzten Film „Closer to the Moon“ (Mai aproape de lun˛), wo ebenfalls aus der cineastischen Brechung der Wirklichkeit, aus der Inszenierung eines Films im Film, humoristisches Kapital geschlagen wird. Je lustiger die Ereignisse in der ästhetischen Kunstwelt erscheinen, desto tragischer sind sie in der realen Lebenswelt. Tony glaubt, Kitty betrüge ihn mit dem Immobilienspekulanten Relu (Alexandru Papadopol), und wird schließlich von Kitty sogar verlassen, Daddy erleidet einen Infarkt und muss ins Krankenhaus, und Bambi verschwindet mit einem ausländischen Studienstipendium gänzlich von der Bildfläche. Am Ende steht Tony vor den Trümmern seiner Existenz, die wie nach einem Megabeben völlig in sich zusammengestürzt scheint. Wäre da nicht, neben der Richterskala, auch die Lichterskala!

Denn im Finale seiner Komödie „6,9 pe scara Richter“ blendet Caranfil sämtliche Spotlights voll auf und rückt die gesamte Filmhandlung, also den Film wie den Film im Film, auf eine dritte, noch höhere und lichtere Ebene: auf die Ebene eines Films im Film im Film. Die Komödienhandlung, die noch unter dem Zwiespalt von Schein und Sein, von Traum und Realität litt, wird am Ende zum Musical, das zu Texten von Nae Caranfil alle Probleme vergessen macht und auch Personen wie Bambi, die sich im Filmplot in Luft aufgelöst haben, ins Musicalgeschehen zurückholt und sie dort singen, spielen und tanzen lässt. Das Leben ein Traum, das Leben ein Tanz, das Leben ein Song: So verwandelt Nae Caranfils finales Musical, wie übrigens auch die jüngst in die Kinos gekommene Hollywoodproduktion „La La Land“, den Alltag in Show, das Leben in eine Musiknummer und jegliches Leid in Tanz, auch wenn in der Schlusseinstellung des Films Tony auf dem einsturzgefährdeten Balkon seiner Eigentumswohnung steht und unter dem Kopfschütteln der Bewohner des Wohnblocks seinen Musicalsong in den Hinterhof hinausschmettert, um die drunten stehende und ihm ungläubig lauschende Kitty doch noch zurückzugewinnen, während zwei Buben mit dem vom Eingang abmontierten roten Punkt Frisbee spielen. Nicht, wer zuletzt lacht, lacht hier am besten, sondern, wer überhaupt lacht! Und wer Nae Caranfils Film zu sehen beabsichtigt, muss sich auf einen deutlich höheren Wert als 6,9 auf der Gelächterskala einstellen.

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