Erinnerungen, Freundschaften, Dankbarkeit

Sabine Brünigs achtjähriger Aufenthalt in Schäßburg ging zu Ende

Samstag, 04. August 2018

Sabine Brünig vor der Bergschule
Foto: E.A. Crișan

Der Schüler Andreas Bodnariuc bei seiner Rede zum Thema „Zukunft“, 2015 in der Aula der Bergschule
Foto: privat

Feierliche Verleihung der Deutschen Sprachdiplome in der Bergkirche
Foto: privat

Acht Jahre. So lang darf eine oder ein aus der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des Lehrerentsendeprogrammes (der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen) entsandte Lehrerin oder Lehrer in einem Land wirken. Nach acht Jahren gilt zu überlegen, ob man es wagt, zu lokalen Bedingungen am Einsatzort zu bleiben oder nach Deutschland zurückzugehen. Die meisten wählen Letzteres aus Gründen, die nicht weiter erläutert werden müssen. Diesen Schritt tat auch Sabine Brünig dieser Tage. Sie wäre gerne noch geblieben, aber eine Verlängerung wurde abgelehnt. Die Bergschule (Joseph-Haltrich-Lyzeum) verliert eine tatkräftige Lehrkraft, die Schäßburger deutsche Gemeinschaft ein lebensfrohes und engagiertes Mitglied.

Die Lehrerin

Sabine Brünig kam 2010 als Fachschaftsberaterin nach Schäßburg/Sighișoara. An der Bergschule unterrichtete sie die Klassen 9 bis 12 in Deutsch, Philosophie, Ökonomie und anderen Fächern. Zudem bereitete sie die Schüler und Lehrer für die Sprachdiplom-Prüfungen vor und das nicht nur am Joseph-Haltrich-Lyzeum, sondern auch am Papiu-Ilarian-Kolleg und am Bolyai-Farkas-Lyzeum in Neumarkt/Tg. Mureș sowie am Márton-Áron- und am Segitö-Mária-Lyzeum in Szeklerburg/Miercurea Ciuc. Dieser Einsatz war mit viel Fahrerei verbunden, die ihr jedoch nur bei Neuschnee zu schaffen machte.

Über Osteuropa-Erfahrung verfügte Sabine Brünig bereits, als sie aus Deutschland nach Rumänien zog. Wohl auch deshalb fühlte sie sich in Schäßburg sofort sehr wohl. 1956 in Osnabrück geboren und im evangelischen Pfarrhaus mit sieben Geschwistern aufgewachsen, hatte sie nach dem Abitur in Westberlin an der Freien Universität Germanistik und Politik studiert. Danach hat sie eine Promotionsarbeit zum Thema „Gewerkschaftliche Gegenstrategien gegen multinationale Konzerne“ begonnen, konnte diese aus familiären Gründen jedoch nicht abschließen. In der Zeit in Berlin engagierte sie sich politisch in der SPD, ein Engagement, das sie als „lehrreich“ bezeichnet, heute ist sie aber der Ansicht, gut daran getan zu haben, dass sie es beendet hat. 1992 trat sie in den Dienst des Landes Brandenburg ein und wurde Fachschaftsleiterin am deutsch-polnischen Gymnasium in Neuzelle und später am deutsch-polnischen Gymnasium in Frankfurt/Oder. Nach Frankfurt/Oder kehrt sie nun zurück.

Im kleinen, malerischen Schäßburg fand sie es gleich sehr angenehm und stellte fest, dass die Zeit etwas anders läuft. „Viel ruhiger, entschleunigter,“ meint sie. Wenn man aus dem Westen kommt, müsse man sich daran erst gewöhnen und Geduld aufbringen, bald aber lerne man die Vorteile der Gelassenheit und Spontaneität schätzen. „Von rumänischen Lehrkräften und Schülern habe ich viel gelernt“, sagte sie in einem Interview für die „zett“, die Zeitschrift des Zentrums für Lehrerfortbildung in deutscher Sprache (ZfL). An die erste Stelle setzte sie die Lockerheit, mit der Unterricht in Rumänien stattfindet. „Es ist alles sehr viel weniger mit überflüssigem Stress behaftet. Das Miteinander von Schülern und Lehrern ist deshalb sehr viel herzlicher und offener“, stellte sie fest.

Im Unterricht war sie bemüht, vom hierzulande leider immer noch allzu üblichen Vermitteln von Wissen anhand des Lehrstoffes Abstand zu nehmen und die „Kunst“ des Denkens und Diskutierens sowie des selbstständigen Arbeitens zu vermitteln. Unter Einsatz einer Mischung aus Freundlichkeit und Druck ist es ihr in den Deutschstunden gelungen, die Schüler zu motivieren, selbst schwere Stücke der Klassik zu lesen, diese auch zu verstehen und darüber diskutieren zu können. Als Hilfe verfasste sie Textbücher von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ mit Kürzungen und Erklärungen sowie von Fontane, wo „Effi Briest“ von 280 auf 44 Seiten zusammengefasst wurde, sodass den Schülern das Verständnis dieser „harten Kost“ erleichtert wird.

Neben dem Deutschunterricht hat Sabine Brünig sich bemüht, den Schülern Verantwortung für sich, für das Schulleben, für das Miteinander und für das eigene Lernen beizubringen. Viele Eltern vernachlässigen eine Erziehung hierzu und pochen auf gute Noten. Acht Generationen, d. h. 240 Schüler „mussten lernen, dass es Regeln gibt, die von allen eingehalten werden müssen, haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu tragen. In unserer Gesellschaft leider keine Selbstverständlichkeit“, formulierte es eine Mutter. Die Lehrerin stellte mit Genugtuung fest, dass es den Schülern Freude macht zu erkennen, wie lernendes Handeln in der Schule nicht nur zu Notenerfolg, sondern zu einem persönlichen Zugewinn führt. Entsprechend waren die Schüler stets Feuer und Flamme, wenn „Frau Lärrerrin“ sie vor neue Herausforderungen stellte, zu Projekten oder Teilnahmen an Veranstaltungen aufforderte. So gab es Kostproben der Rhetorik-Künste der Schüler, wenn sie zum Beispiel bei Forums-Veranstaltungen oder beim Siebenbürgischen Lehrertag ihre Reden zum Thema Zukunft oder im letzten Jahr zu Luther und Reformation gekonnt und überzeugend vortrugen. Sehen lassen konnten sich auch die Ergebnisse der Prüfungen zum Deutschen Sprachdiplom, die in einem Jahr auf 100 Prozent anstiegen, was ein Rekord für das Haltrich-Lyzeum bedeutete. Sicher ist, dass die Schüler diese Examina ernst nahmen und nehmen, sich darauf intensiv vorbereitet haben und vorbereiten und innerlich daran wuchsen und wachsen.

In der Gemeinschaft

Besprochen werden Schulangelegenheiten und sie tangierende Vorhaben von deutschsprachigen Fachlehrern und sonst am Schulbetrieb Beteiligten oder Interessierten in Schäßburg jeden Freitagabend in einem Lokal beim „Stammtisch“. Da wird Sabine Brünig nun genauso fehlen wie im Kirchenchor, wo sie ohne stichhaltigen Grund nie abwesend war und zur musikalischen Gestaltung der Gottesdienste beitrug. Vor fünf Jahren initiierte sie, dass sich die Kirchenchormitglieder und andere Gäste nach dem Sonntagsgottesdienst gelegentlich in ihrer Mietwohnung in der Klostergasse zu Kaffee und Kuchen trafen. Seit sie vor drei Jahren in die Wohnung am Pfarrhof gezogen war, wurde das Kaffeeschwätzchen nach dem Gottesdienst zu einer regelmäßigen Einrichtung. Genauso wurde in der Adventszeit gemütlich bei Sabine zusammengesessen. Wichtig dabei sei, „dass wir uns neu zusammengefunden haben und uns die Gemeinschaft neu geschenkt wurde,“ stellte Chormitglied Annemarie Halmen bei der Verabschiedung von Sabine Brünig fest.

Ihre Hilfsbereitschaft und ihr Gemeinschaftssinn kamen vielen auch auf andere, kulinarische Weise zugute: Auf ihren Fahrten stellte sie fest, dass es in Szeklerburg einen besonders leckeren Käse gibt oder am Transilvania-Markt am Samstag in Hermannstadt/Sibiu von Bauern selbst gepresstes Öl, herrliche Würste, tolles Obst und Gemüse zu haben sind. Diese Tipps gab sie nicht nur weiter, sondern kaufte auch für Interessenten in Schäßburg ein. Sie erntete Äpfel, Johannisbeeren oder Nüsse im Pfarrgarten, verkochte das Obst zu Mus und Marmeladen und machte Nusslikör, der bei den Kaffeerunden mundete.

Die freien Wochenenden und Feiertage nutzte Sabine Brünig, um zusammen mit Helmine Pop, der vormaligen Deutschlehrerin am Papiu-Ilarian-Gymnasium sowie Vorsitzenden der Schulkommission des Siebenbürgenforums, die sie bei den DSD-Vorbereitungen kennengelernt und mit der sie da eng zusammengearbeitet hatte, die Sehenswürdigkeiten der näheren und weiteren Umgebung von Schäßburg sowie Rumäniens kennenzulernen. Sie waren fast überall!

Was sie mitnimmt nach Deutschland? Erinnerungen, Freundschaften, die andauern werden, sowie Dankbarkeit auch dafür, dass in Deutschland eine stabile Demokratie und eine konstruktive Streitkultur herrschen. Und viele Marmeladen und Nüsse…

Anekdoten

Schwere deutsche Sprache

In einem Beschwerdebrief mahnte der Schulleiter Sabine Brünig, das bei der Abitur-Prüfung für die Verköstigung der Prüfenden unnütz ausgegebene Geld unverzüglich zu „rambursieren“. Diese wies ihn darauf hin, das Wort gebe es im Deutschen nicht. Er darauf voller Zorn: „Das habe ich bei Fontane gelesen!“ Sie: „Vielleicht früher einmal?!“ Darauf er: „Dann nennen Sie mir aber bitte MINDESTENS zwei Synonyme!!!“

Einer der Schüler nahm die von der Lehrerin getragene Lederhose zum Anlass zu fragen, ob sie „geschissen“ hätte. Gemeint hatte er, ob sie ein Tier erlegt, d. h. geschossen habe. Schießen, schiss, geschissen...


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