Erlebte Schulgeschichte: die deutsche Nikolaus Lenau-Schule in Temeswar

Ronald Wiest vom Verein der ehemaligen Russlanddeportierten erzählt

Sonntag, 20. Mai 2018

„Mein Vater war Taxichauffeur und meine Mutter Hausfrau“, erzählt Ronald Wiest. Sowohl der Vater wie auch er selbst wurden nach Russland verschleppt – sie waren in verschiedenen Lagern und wussten nichts voneinander.
Foto: Zoltán Pázmány

Die Nikolaus Lenau-Schule in Temeswar feiert 2020 ihr 150-jähriges Bestehen. Gegründet 1870 als Königliche Ungarische Oberrealschule, wurde die Schule 1919 in ein deutsches staatliches Realgymnasium umgewandelt, wobei die ungarische Abteilung bis 1927 bestehen blieb. Zwischen 1920 und 1925 hieß die Schule Deutsch-Ungarisches Staatslyzeum, anschließend Deutsches Staatslyzeum und später Deutsches Staatslyzeum für Knaben. Den Namen Nikolaus Lenau-Schule erhielt die Bildungseinrichtung im Jahr 1942. Nachdem die deutsche Volksgruppe in Rumänien die Oberhand über den Unterricht in deutscher Sprache gewann, wurde die Nikolaus-Lenau-Oberschule in das Gebäude der Banatia verlagert. Zu den ehemaligen Nikolaus Lenau-Schülern gehört auch Ronald Wiest (89) vom Verein der ehemaligen Russlanddeportierten. Er war zwischen 1939 und 1944 an der „Lenau“ und erzählt im Gespräch mit ADZ-Redakteurin Raluca Nelepcu über seine Schulzeit.

 

Wo haben Sie die Grundschule absolviert?

Ich habe die ersten vier Grundschulklassen in der Elisabethstadt, an der dortigen Volksschule, absolviert. Die ersten beiden Klassen waren in deutscher Sprache, die dritte Klasse war auf Rumänisch und die vierte Klasse war gemischt, deutsch und rumänisch. Wir hatten nur wenig Ahnung von Rumänisch, denn zu Hause sprachen wir kein Wort Rumänisch. Auch die Kinder, mit denen wir damals gespielt haben, waren lauter Deutsche oder Ungarn.

 

Wann sind Sie zur Lenau-Schule gekommen?

1939. Die Schule hieß damals Deutsches Staatslyzeum und war mit Unterricht in deutscher Sprache. Wir waren zuerst in dem Gebäude untergebracht, wo auch heute die Lenau-Schule ist. Wir waren zwei Jahre lang oben, im dritten Stock, in der Mansarde. Dann sind wir zunächst zur Missionsschule in die Josefstadt übersiedelt, dort waren wir 1941 ein Trimester, weil hier eine Mädchenschule gebildet wurde. Wir hatten dort Nachmittagsunterricht – vormittags waren die größeren Klassen dran. Von dort sind wir wieder in das Gebäude an der heutigen Gheorghe-Lazăr-Straße gekommen, wo wir nur eine kurze Zeit waren, denn anschließend sind wir zur Banatia hinübergegangen. Das geschah im Jahr 1942. Dort waren wir von der Nikolaus Lenau-Schule und die Prinz Eugen-Schule. Wir hatten bestimmte Professoren, sie hatten wiederum andere. Aber dann kam es so, dass wir die Professoren auch teilten, denn es brach der Krieg aus, der eine oder der andere ist eingerückt, und so kamen Ersatzlehrer auch von der Prinz Eugen-Schule.

 

Wer waren Ihre Lehrer damals?

In Religion hatten wir den Professor Schmidt. Wir hatten ihn immer „Spiri“ genannt (lacht). In Naturkunde hatten wir einen gewissen Bäumler. Nach einer Zeit ist er eingerückt und dann hatten wir in Biologie/Pflanzenkunde den Professor Mauritz. Dann kehrte der Bäumler zurück. In Deutsch hatten wir den Prof. Kessler, der auch Latein unterrichtete. In Schönschreiben hatten wir auch einen Professor Schmidt – von dem hörten wir, dass er an der Front gefallen war. In Rumänisch hatten wir den Professor Pop – der besaß an der Schager Straße eine Farm. Er kam immer mit seinem Pony und einem Wägelchen mit zwei Rädern, das ließ er am Domplatz stehen – dort war ja früher Marktplatz gewesen. Nach den Stunden fuhr er mit dem Wägelchen wieder nach Hause. In Französisch (1939–1940) hatten wir ein sehr herziges Fräulein Opri{. In der zweiten Klasse ist Französisch ausgefallen, weil dann der Krieg mit Frankreich war und man meinte, die Deutschen bräuchten kein Französisch mehr. Wir bekamen das Fach Latein und dafür war Prof. Kessler zuständig. In Zeichnen hatten wir den Prof. Schmidt, der auch Schönschreiben unterrichtete. In Geografie und Geschichte hatten wir den Prof. Mihail Pfaff, den Vater von Erich Pfaff. Wenn der Vater Unterricht hatte, dann brachte er den kleinen Erich oft mit. Der ist dann in der Bank gesessen und hatte seinem Vater zugehört. Wir hatten längere Bänke, erst in der dritten und vierten Klasse hatten wir Tische. In Mathematik hatten wir den Prof. Hoffer. Das war ein Rumäne, der sehr gut Deutsch konnte. Er unterrichtete uns im ersten und zweiten Jahrgang, aber er wurde einberufen und wir hatten dann den Prof. Geier, der auch nicht lange blieb. Nach 1942 war es schon so, dass die Professoren ständig kamen und gingen. Der Lehrer kam in die Klasse und fragte: „Na, was hattet ihr in der letzten Stunde?“ Wir antworteten. Dann trug er vor, ging aber dann selbst wieder weg und dann kam wieder ein anderer. Es gab keinen Zusammenhang im Unterricht. Das war kein richtiges Schulleben mehr. Man wusste nie, wer kommt. In der dritten Klasse hatten wir den Prof. Knebel in Physik, der dann auch Direktor wurde. In den ersten beiden Schuljahren war der Direktor ein Rumäne: Topârceanu. 1940 setzten die Deutschen den Topârceanu ab und Mihail Pfaff wurde Schulleiter. 1942 setzten die Deutschen auch den Pfaff, dessen Frau, glaube ich, Jüdin war, ab, und Knebel wurde dann Direktor. 1944 hatten wir noch den Prof. Seiler in Mathematik. In Chemie hatten wir den Prof. Amberg. Zuletzt, 1944, hatten wir Prof. Pécsváry, der auch am Piaristengymnasium unterrichtete. Der hatte eine große Uhr mit einer Kette und die legte er immer auf den Tisch, um zu sehen, wann die Stunde zu Ende ging. Der sagte immer: „Na, Keibel, was habt´s heute zu lernen?“ Wir waren alle „Keibel“ (lacht).

 

Wie streng waren die Lehrer?

Sehr streng. Sie verlangten, dass wir gut lernen. In Deutsch hatten wir noch, im dritten Jahr, den Professor Binder, der war aus Siebenbürgen gekommen.

 

Wie viele Schüler waren damals in einer Klasse?

Zwischen 42 und 45. Die Klassen waren sehr groß.

 

Wie viel Prozent der Schüler waren Deutsche?

Mehr als 90 Prozent. Es kamen sehr viele aus den Dörfern in die Stadt, die waren entweder Pendler oder sie wohnten bei Verwandten oder im Internat. Unsere Schule hatte kein Internat, aber es gab andere Schulinternate in der Stadt. Die Pendler kamen mit dem Zug und manchmal, wenn dieser zu spät kam, kamen auch sie zu spät. Das hat dem Pfaff gar nicht gefallen! Der hat schon angefangen zu reden, da kamen noch vier-fünf rein (lacht).

 

Wie war die Atmosphäre an der Schule damals?

Die ersten beiden Jahre waren zum Kennenlernen. Die Leute kamen aus verschiedenen Schulen aus der Stadt oder vom Dorf. Wir haben uns sehr gut verstanden. Untereinander haben wir nur Deutsch gesprochen – Temeswarerisch. Als wir zusammen mit der Prinz Eugen-Schule unter einem Dach waren, da hatten wir den Prof. Schütz als Deutschlehrer, der sehr genau war. Bei ihm durften wir nur korrekt antworten. Wir mussten damals auch sehr viel auswendig lernen.

 

Worüber haben die Schüler untereinander gesprochen?

1940-1941 haben wir nur von den Deutschen gesprochen. Es wurde alles nationalsozialistisch. Wir hatten auch schon Bücher aus Deutschland bekommen, wie z. B. in Chemie oder Physik. Die hatten andere Ausdrücke als wir sie bisher gekannt hatten.

 

Waren alle Schüler Mitglieder der Deutschen Jugend?

Ja. Sie mussten es. Ab1941 mussten wir im Sommer Landarbeit verrichten. Die Schule war vom 1. Juli bis zum 1. September geschlossen, dann mussten wir die Leute, die eingerückt waren, auf dem Feld ersetzen. Ich war zwei Jahre im Sommer in Jahrmarkt/Giarmata auf zwei Bauernhöfen, wo ich bei der landwirtschaftlichen Arbeit half. Wir mussten, wie die Bauern, schon um fünf Uhr auf dem Feld sein. Das war dann so: Der Mann war in den Krieg gezogen, zu Hause geblieben war die Frau und vielleicht noch der Großvater – wir drei mussten dann die Arbeit verrichten. Nach einem vollen Monat erhielten wir eine Bestätigung, um uns in das nächste Schuljahr einzuschreiben. Wer Glück hatte und dessen Eltern ein Geschäft besaßen, der erhielt die Bestätigung vom Vater. 1942, als sich die Deutschen freiwillig für die deutsche Armee gemeldet haben, war ich in einem Büro in der Fabrikstadt, wo ich mit einem gewissen Erwin Lessl zusammengearbeitet habe – der war Redakteur bei der deutschen Zeitung in den 60er Jahren.

 

Worin bestand die Nazi-Propaganda an der Schule?

In der ersten Klasse hatten wir an der Wand, hinter dem Professor, den König Karl II. Nachdem er geflüchtet war, 1940, hatten wir ein Kreuz gehabt. 1942 sind die Nationalsozialisten aufgestiegen und dann haben sie das Kreuz runter genommen, denn die waren ja nicht so mit der Religion... An die Wand kam dann der Hitler. Wir hatten ihn ständig vor uns. Früh morgens sind wir aufgestanden und mussten plötzlich „Heil Hitler“ sagen und den rechten Arm heben. Das hat einigen Professoren gar nicht gefallen, überhaupt den älteren, dem Pfaff oder dem Mauritz. Sie haben nichts gesagt, aber man hat es ihnen am Gesicht ablesen können. „Setzt euch“, sagten sie kurz. Es waren aber auch solche, die sehr fanatisch waren. Manche sind in schwarze Hosen gekleidet gekommen, mit schwarzer Krawatte. Ohne „Heil Hitler“ konnte man gar nicht in den Direktorensaal gehen. In den letzten zwei Jahren gab es kein Turnen mehr, sondern Leibeserziehung, mit militärischen Übungen, Kämpfen, Handgranaten-Werfen, usw. Auf dem Rapid-Sportplatz, gegenüber der heutigen Olympiahalle, haben wir diese Übungen gemacht – das war ein Sportplatz für die Deutschen. Bei großen „Feiertagen“, wie zum Beispiel am 9. November, der Reichskristallnacht, kamen wir um 19 Uhr in Uniform zusammen und marschierten mit Fackeln durch die Stadt, von hinter der Prinz-Eugen-Schule und stadtauswärts, bis vor Jahrmarkt. Nur Kriegslieder mussten wir singen. Nachts kamen wir dreckig und müde zu Hause an.

 

Wie wurden die deutschen Schüler von den rumänischen angesehen?

Es war keine Freundschaft. Sie bezeichneten uns als „die Nazis“. Wir sind auch nicht in Kontakt gekommen. Wir stiegen an der Prinz Eugen-Schule in die Straßenbahn ein und an der nächsten Station kamen schon die Loga-Schüler. Öfters gab es kleine Meinungsverschiedenheiten, aber man hat sich nicht gerauft. Dann stiegen an der Lloyd-Zeile die Piaristen ein – die waren auch wieder anderer Meinung, aber dann doch auf unserer Seite. Wir trugen eine rote Kappe mit einem schwarzen Band und Silberstreifen – je einer für die erste, zwei für die zweite Klasse, usw.. Die Prinz Eugen-Schüler hatten auch eine rote Kappe, aber mit einem orange-gelben Zwischenraum und schwarzen Streifen.

 

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Die deutschen Schulen im Banat wurden 1944 als direkte Konsequenz der Auflösung der Deutschen Volksgruppe aufgelöst. Ronald Wiest blieb zu Hause und half ab Herbst 1944 in der Lithografie und Typografie der Firma Pregler am Freiheitsplatz mit. Im Januar 1945 wurde der damals 16-Jährige zur Zwangsarbeit in die ehemalige Sowjetunion deportiert, von wo er im Dezember 1949 nach Temeswar zurückkehrte. Nach seiner Rückkehr war er u.a. an der Electromotor-Fa-brik, am Institut für Energetische Studien und Projektierungen sowie 35 Jahre lang an der „Tehnometal“ tätig, von wo er in Rente ging.


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