Ernsthaft mit Humor umgehen

Der Zeichner Dan Perjovschi füllt Wände mit … Freiheit

Freitag, 13. Januar 2012

„Gute Zeiten“ vs. „schlechte Zeiten“ in Dan Perjovschis „EU-Gruppenfoto“

Mehrheit und Minderheit: die Unterschiede liegen (nur) im Schatten.

„Dialog“, gezeichnet auf die Innenwände des EURAC-Turms in Bozen.

„Ossi Wessi Stressi.“ Oder: „Kommunismus ist schlecht, Kapitalismus ist schlecht, China ist gut.“ – Die kurzen, starken Aussagen von Dan Perjovschi, mal in Worten, mal ausschließlich in Form von Zeichnungen, sind nicht nur in Rumänien in der „Revista 22“, sondern weltweit in Museen und Kunsthallen – direkt an den Wänden - zu sehen.

Perjovschis ganz eigene Kunstform kommentiert mit beißendem Scherz aktuelle politische, soziale und kulturelle Themen. Umso interessanter ist es, die ausstellungsbegleitenden Vorträge des Künstlers anzuhören. Unlängst, anlässlich der Vernissage im Turm der Europäischen Akademie Bozen/Bolzano, Italien (EURAC), präsentierte er sich als „akademisch trainierter Maler, der sehr ernsthaft mit Humor arbeitet.“ Sein Werk sei „Kunst , die zum Lachen bringt.“

Die Zeit vor 1989 hat die Biografie und das Schaffen des Künstlers entscheidend geprägt. Er erinnert sich: „Mitten im Rumänien in dem alles fehlte, inmitten der größten Lügen sollte man also die ’Wahrheit’ ausdrücken. Wir wurden geschult, die Welt in einer bestimmten Art und Weise wiederzugeben. Die Realität sah jedoch ganz anders aus. Die Kunst, die resultierte, war ultra-langweilig.“

Für den Zeichner war Rumänien „fünfzig Jahre lang aus der Kunstgeschichte ausgeschnitten.“ Erst nach der Wende durfte Dan Perjovschi seinen eigenen Weg finden, und zwar in der „Revista 22“, dem ersten freien rumänischen Wochenblatt – „und vielleicht auch dem letzten“, wie er ironisiert. Dort schliff er als Illustrator seine künstlerische Sprache, dort führt er seit 1999 die Rubrik „Vis à vis”, in der er aufmerksam, fein und simpel – wie in seinen Zeichnungen – über das heutige Rumänien und die heutige Welt schreibt.


Für Wandzeichnungen entschloss er sich, „um die Transport- und Versicherungskosten sowie allerlei Schwie- rigkeiten zu vermeiden. So sind nur ich und ein Stift irgendwo unterwegs.“ Perjovschi „erobert Wände“, betrachtet sich jedoch nicht als „einfacher Graffitist“, der „Mauern besetzt“, sondern bevorzugt ein kulturelles Ambiente. Seine Projekte und Ausstellungen sind alle strikt zeitweilig, manchmal sogar in Kreide, denn „umso mehr darf ich alles sagen und zeichnen, was ich will!“ Er arbeitet mit etwa 200 Kern-Zeichnungen, die er je nach Situation und Aufgabe adaptiert.
Sie decken von EU-Problemen, modernen „Krisen“ und Minderheitenthematik bis Terrorangriffe, Arbeitslosigkeit und Identitätssuche alles, was in den Schlagzeilen der Welt steht. Und zwar unter ironischer, kritischer Nichtachtung von künstlich erstellten Regeln, Zwängen und Systemen. Der Betrachter wird mit einem „Aha-Erlebnis“ nicht nur zum lächeln, sondern ebenso zum „Aufwachen“ und Nachdenken angeregt. Oft sogar zum Mitmachen: er darf zum Stift greifen und seine persönlichen Meinungen hineinzeichnen.

Dan Perjovschi  ist 1961 in Hermannstadt/Sibiu geboren, wo er auch heute wohnt und arbeitet, wenn er nicht in der zweiten Heimat Bukarest oder anderswo in der Welt ist. Ausgestellt hat er (fast) überall: von Toronto und New York bis Novi Sad und Berlin, von Turin und Helsinki bis Basel und Hong Kong. Er wurde 2004 mit dem Kunstpreis „George Maciunas“ gewürdigt und ist seit 2009 Ehrenbürger von Hermannstadt. Man merkt es ihm nicht an, dass seine erste Auslandsreise „zugleich die erste Begegnung mit den 50er, 60er, 70er und 80er Jahren der europäischen Kunst“ war. Sein Vorsatz, „einen Teil der verlorenen Internationalität Rumäniens“ zu kompensieren, gelingt ihm vorzüglich.

Auch der Rahmen, in dem er im multiethnisch geprägten Bozen ausstellte, war maßgeschneidert: Das Projekt „Generating Trust“ (Vertrauen erzeugen), welches 2010 als Zusammenarbeit von Kulturorganisationen aus Ungarn, der Slowakei, Rumänien und Italien startete, versucht zu beweisen, dass ethnische Konflikte zwischen Minderheiten und Mehrheiten mit den Mitteln der Kunst dargestellt, ja sogar gemildert werden können. Das Projekt wird mit EU-Geldern finanziert und legt seinen Schwerpunkt auf die „neutralen, vermittelnden Zonen“ der Kunst und Kultur.

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