Erntedankfest in Großsanktnikolaus

Umzug zur Blasmusik lockte alle Blicke auf sich

Samstag, 14. Oktober 2017

Ein Blickfang ist der bunte Umzug beim traditionellen Erntedankfest in der Temescher Kleinstadt.

Sprachdiplomverleihung vor dem Rathaus mit Bürgermeister Groza, Dietlinde Huhn und Birgit Söldenwagner
Fotos: Zoltán Pázmány

Es entstand als Alternative zum Kirchweihfest und bringt heute die Deutschen aus Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare – und nicht nur – zusammen: Das Erntedankfest gehört zu den bedeutendsten Veranstaltungen in der Temescher Kleinstadt, es ist jedoch schon seit Jahren keine rein deutsche Angelegenheit mehr. Immerhin machen mit Freude sowohl deutschstämmige, wie auch Kinder anderer Ethnien mit, die allesamt die deutschen Abteilungen des Kindergartens und der Schule im Ort besuchen. Am zweiten Sonntag im Oktober war es wieder soweit: Groß und Klein zogen ihre Trachten an und begaben sich in die römisch-katholische Kirche, wo Pfarrer Attila Andó die Heilige Messe zelebrierte. Das Fest wird jedes Jahr von dem Demokratischen Forum der Deutschen in Großsanktnikolaus veranstaltet.

Jede Menge Körbchen mit Obst und Gemüse reihten sich entlang des Wegs, der zum Altar führt. Die Mädchen trugen Dirndl, die Jungen hatten den Kirchweihanzug an. Nach dem Gottesdienst, im Rahmen dessen die Teilnehmer Gott ihren Dank für die reiche Ernte aussprachen, zogen die Beteiligten zur Musik der Rekascher Blaskapelle bis zum Rathaus. Der bunte Umzug lockte alle Blicke auf sich. „Nach der massiven Auswanderung der Deutschen haben wir nach einer Alternative zum traditionellen Kirchweihfest gesucht. Alles auf einmal aufgeben – das wollten wir nicht. So sind wir auf das Erntedankfest gekommen, das einmal auch traditionell in den schwäbischen Gemeinden gefeiert wurde“, erklärte Dietlinde Huhn, die Vorsitzende des Deutschen Forums in Großsanktnikolaus. Die Verbindung zur Kirche ist auch bei dem Erntedankfest da, doch auch eine pädagogische Komponente hat das Fest. „Den Kindern und Jugendlichen sollte man beibringen, mindestens einmal im Jahr daran zu denken, dass im Leben nicht alles selbstverständlich ist“, sagte die Forumsvorsitzende. „Wir tragen heutzutage nicht mehr die schwäbische Tracht beim Erntedankfest, sondern das Dirndl. Auch weil wir sehr viele sind und es recht kompliziert ist, unsere schwäbische Tracht für diesen Anlass herzurichten. Die Jungs sind bei der schwäbischen Tracht geblieben“, erklärte sie.

Mehr als 200 Beteiligte gestalteten auch in diesem Jahr das Erntedankfest mit. Es war zwar etwas kühl draußen, dafür aber blieb der Regen der Feier fern, sodass die Kinder und Jugendlichen auch ein kleines Kulturprogramm auf dem Platz vor dem Rathaus darbieten konnten. Es traten die Kindergartenkinder und Grundschüler wie auch die deutsche Volkstanzgruppe „Buntes Sträußchen“ unter der Leitung von Tanzlehrer Hansi Müller auf. Mehr als zehn Paare bilden das Ensemble aus Großsanktnikolaus, das sich immer mehr festigt, weiß der Tanzlehrer. „Die Mitglieder kommen von der deutschen Schule. Die Schüler sind zwischen 11 und 16 Jahre alt. Ich unterrichte sie ausschließlich auf Deutsch“, sagte Hansi Müller.

Das Kulturprogramm rundete in diesem Jahr die feierliche Verleihung der Sprachdiplome vor dem Rathaus ab. Anwesend waren der Bürgermeister der Stadt Großsanktnikolaus, Dănuţ Groza, der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat, Johann Fernbach, und die Fachberaterin seitens der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, Birgit Söldenwagner, die die Sprachdiplome überreichte. „Die Schülerinnen und Schüler waren ausgezeichnet, wie im letzten Jahr auch. Man merkt, dass sie vom Kindergarten bzw. von der Grundschule an Deutsch lernen und dass die Lehrerinnen und Lehrer hier eine sehr gute Arbeit leisten“, sagte die Fachberaterin. 15 Sprachdiplome auf dem Niveau A2/B1 wurden in diesem Jahr verliehen. „Ich habe mich wie in meiner Heimat gefühlt. Ich komme aus München und dort ist die Tracht noch durchaus üblich. Mich freut es sehr, dass sich das hier erhalten hat“, sagte Birgit Söldenwagner.

„Es ist nicht leicht, die Schülerinnen und Schüler für die deutsche Kultur zu begeistern. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Sinne die Schule. Wenn man den Kindern etwas bietet, kann man sie schon begeistern. Wir versuchen immer wieder, auch die Eltern einzubinden“, sagte Forumsvorsitzende Dietlinde Huhn, die eine Ehrung seitens der Stadt Großsanktnikolaus für ihren Beitrag zur Förderung der Kultur und Traditionen im Ort entgegennahm. Die deutsche Gemeinde spielt immer noch eine wichtige Rolle im Leben der Stadt. „Es ist eher eine unsichtbare Rolle. Ich kann hier das Beispiel eines ehemaligen Schülers nennen – ein Rumäne, der heute in Kanada lebt. Nachdem die Blaskapelle zu spielen begonnen hatte, versuchte er zu tanzen, sich zu erinnern, wie man früher beim Kirchweihfest getanzt hat. Einiges ist bestimmt von den Deutschen geblieben. ´Integration´, worüber man im Westen heutzutage so viel diskutiert – das war hier nie ein Thema. Man hat einfach zusammengelebt, den anderen akzeptiert, respektiert und von dem anderen das übernommen, was gut war“, so Dietlinde Huhn.

Das traditionelle Erntedankfest endete am späten Nachmittag am Forumssitz: Dort fand die bei den Kindern so beliebte Rallye „Großsanktnikolaus im Herbst“ mit lustigen Spielen auf Deutsch statt.

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