Eröffnung der Konzertsaison mit dem Rumänischen Rundfunkorchester

Werke von Tschaikowsky und Mahler im Bukarester „Mihail Jora“-Saal

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Valentin Răduţiu hat bereits mehrere CDs mit Cellosonaten eingespielt, darunter mit dem Pianisten Per Rundberg sämtliche von Enescu.

Nachdem das Nationale Rundfunkorchester beim erst vor Kurzem zu Ende gegangenen Internationalen Musikfestival „George Enescu“ im Bukarester Großen Palastsaal mit Mahlers Achter zu hören gewesen war, war es nun bei der Eröffnung der Konzertsaison 2015/2016 ebenfalls mit einer Mahler-Sinfonie zu vernehmen. Im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks brachte das Bukarester Ensemble unter der Leitung von Julien Salemkour Mahlers Erste zu Gehör. Außerdem standen Tschaikowskys Tondichtung „Der Woywode“ (op. 78), eine sinfonische Ballade, auf dem Programm sowie die berühmten „Variationen über ein Rokoko-Thema“ (op. 33) des russischen Komponisten, bei denen der Violoncellist Valentin Răduţiu den Solopart spielte.

Das erste Werk des Bukarester Konzertabends war die 1890/1891 entstandene Tondichtung „Der Woywode“, die auf Alexander Puschkins Übersetzung des Gedichts „Czaty“ (Die Uhr) des polnischen Poeten Adam Mickiewicz beruht. Die diesem Gedicht zugrunde liegende ukrainische Ballade schildert die Eifersucht eines alten ukrainischen Woywoden, der aufs Zimmer seiner Gattin eilt, dieses aber leer vorfindet. Gemeinsam mit dem Kosaken Naum macht er sich auf die Suche nach der Ehefrau, die er schließlich im Garten antrifft, wo sie gerade die Avancen eines liebestrunkenen Verehrers heftig zurückweist. Verblendet von Eifersucht befiehlt der Woywode dem Kosaken, seine Gattin zu erschießen, während er den Liebhaber aufs Korn nimmt. Doch der Kosak – so das plötzliche und unerwartete Ende der Ballade – erschießt nicht die Frau, sondern deren Mann, seinen Herrn.

Wie in allen programmmusikalischen Tondichtungen Tschaikowskys widerspiegeln sich die darin zum Ausdruck gebrachten Emotionen auch in der Instrumentierung. Die Bassklarinette bringt das zornige Drängen des Woywoden angesichts des verlassenen Zimmers zum Ausdruck:  „Wo sind die Wachen? Keine Hunde? Hol zwei Gewehre!“ Harfe und Celesta erklingen in der Laubenszene (wie später auch in Tschaikowskys „Nussknacker“-Ballett), wo sich die Gattin des Woywoden des ungestümen Liebhabers zu erwehren sucht. Die Blechbläser versinnbildlichen dabei den Widerstand der treuen Gattin, während Bratschen und Fagotte mit gesanglicher Expressivität dem Drängen des Werbers Ausdruck verleihen. Erneut erinnert die Bassklarinette an den Woywoden, der plötzlich die Szene betritt und dem Kosaken befiehlt „Du zielst auf sie. Den Liebhaber lass mir. Ich schieße zuerst.”

Tschaikowsky war mit dem kompositorischen Resultat seiner sinfonischen Ballade äußerst unzufrieden. Dieses Gefühl der Unzulänglichkeit ging bei dem impulsiven Komponisten so weit, dass er die Partitur seines Werkes nach der Uraufführung vernichtete. Da die Orchesterstimmen aber erhalten geblieben sind, konnte die Gesamtpartitur später wieder rekonstruiert werden, und so war dieses Werk voller dramatischer Kraft auch im Bukarester „Mihail Jora“-Saal beim Saisoneröffnungskonzert in seinem ganzen musikalischen Glanz zu vernehmen.

Im Anschluss daran erklangen die berühmten „Variationen über ein Rokoko-Thema“ für Violoncello solo und Orchester (op. 33). Der Widmungsträger dieses Werkes, der deutsche Violoncellist und Professor am Moskauer Konservatorium Wilhelm Fitzenhagen, spielte bei der Moskauer Uraufführung unter dem Dirigat Nikolaj Rubinsteins im Jahre 1877 auch den Solopart, wobei er stark in den Tschaikowskyschen Notentext eingriff und eine Version schuf, die sich allgemein durchsetzte und bis heute gespielt wird, auch wenn Tschaikowskys Originalversion in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nachträglich publiziert wurde.

Der 1986 in München geborene Valentin Răduţiu, der in Berlin Musik studiert hat und im Jahre 2012 beim Internationalen Musikwettbewerb „George Enescu“ in Bukarest einen Preis errang – Valentin Răduţiu hat inzwischen auch sämtliche Cellosonaten George Enescus eingespielt –, war der Solist dieser heiteren, eleganten und geistvollen sieben Variationen über ein Rokoko-Thema, das der russische Komponist selbst erfunden hat, freilich im leichten und galanten Stil des musikalischen Rokoko. Mit feinem und strahlendem Ton ließ Valentin Răduţiu das heitere und beschwingte Rokoko-Thema erklingen und der beherrschte und kultivierte Geist dieser Epoche war auch in der Darbietung der einzelnen Variationen spürbar, die allesamt hohe Ansprüche an die Virtuosität des Solisten stellen. Valentin Răduţiu genügte diesen in einer soliden Interpretation, die auf expressive Wildheit und manierierte Showeffekte verzichtete und den von Tschaikowsky beschworenen Geist der Mozart-Zeit atmete.

Als Zugabe des Solisten war dann das alte katalanische Volkslied „El cant dels ocells“ (Der Gesang der Vögel) zu hören, mit dem der im Exil lebende Cellist Pablo Casals, dessen Vorname auf Katalanisch Pau lautet, seine Konzerte und Musikauftritte gerne beschloss und dessen schwermütige Melodie seinerzeit zum Lied der heimwehkranken spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge wurde. Mit den zu Herzen gehenden melancholischen Klängen dieses Volksliedes endete der erste Teil des Bukarester Saisoneröffnungskonzertes.

Im zweiten Teil war dann Mahlers Erste zu hören, die ebenfalls musikalisch auf die Welt der Volkslieder und Volkstänze zurückgreift, man denke etwa an das Lied eines fahrenden Gesellen „Ging heut morgen übers Feld“ im ersten Satz, den Ländler im zweiten Satz, die zum Trauermarsch verfremdete Bearbeitung des französischen Volkslied-Kanons „Frère Jacques“ (Bruder Jakob) im dritten Satz oder an das Selbstzitat der „Lindenbaum“-Passage aus dem letzten der Mahlerschen „Lieder eines fahrenden Gesellen“ ebenfalls im dritten Satz der Sinfonie. Besonders beeindruckend war das Finale der Sinfonie, bei dem die acht Hornisten des Orchesters beim Erklingen des choralartigen Schlussthemas sich erhoben, um das ekstatisch-hymnische Ende der Sinfonie optisch wie akustisch zu unterstreichen.

Der Dirigent Julien Salemkour, Sohn einer deutschen Mutter und eines algerischen Vaters, gab den aufbrandenden Applaus ganz an das Orchester weiter, das sich seinerseits für das aufmerksame und einfühlsame Dirigat des auch als Pianisten wie als Operndirigenten gefeierten Gastes bedankte. Wer Mahlers Erste noch vom Enescu-Festival her in den Ohren hatte (mit dem San Francisco-Sinfonieorchester unter Michael Tilson Thomas), konnte den Bukarester Konzertabend im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks doppelt genießen.

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