Erschütternde Selbstzeugnisse aus den Lagern der Deportation

„Lagerlyrik“ aus dem Schiller Verlag: Russlanddeportation 1945 in Texten und Bildern der Betroffenen

Dienstag, 02. Februar 2016

Das Lager Hazepetofka

Mutter und Tochter am Grab von Resi Frambach

Gut 70 Jahre nach Beginn dieser Rachemaßnahme ist die Deportation der Deutschen aus Rumänien zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion nach wie vor unvergessen, auch wenn immer weniger Betroffene überhaupt noch am Leben sind. Der neue Band „Lagerlyrik“ aus dem Schiller Verlag in Hermannstadt widmet sich Leben, Leiden und Überlebenswillen der deutschen Lagerinsassen in Russland, die vor allem im Donezbecken („Donbass“) unter unmenschlichen Bedingungen untergebracht waren und in den Kohleminen arbeiten mussten. Er versammelt bewegende und erschütternde Selbstzeugnisse der Deportation und des Lagerlebens und zeigt, wie die nach Russland verschleppten Volksdeutschen aus Rumänien ihr Schicksal in höchst persönlicher Form verarbeiteten. Im Januar 1945 wurden alle „arbeitsfähigen Deutschen“ – Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren, Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren –, die sich auf den von der Roten Armee eroberten Territorien Rumäniens, Jugoslawiens, Ungarns, Bulgariens und der Tschechoslowakei befanden, „mobilisiert“ und zum Wiederaufbau der Bergbauindustrie im Donezbecken eingesetzt. Dieser von Josef Stalin unterzeichnete Beschluss des sowjetischen Verteidigungskomitees vom 16. Dezember 1944 führte auch zur Deportation von rund 70.000 Volksdeutschen aus allen Teilen Rumäniens in die Sowjetunion.

Sowjetsoldaten und rumänische Polizisten gingen von Haus zu Haus und beorderten alle Deutschen im entsprechenden Alter in die vorgesehenen Sammelstellen. Viele Kinder blieben ohne Eltern zurück. Aus entlegenen Dörfern ging es zu Fuß zur nächsten Bahnstation. Das Einpferchen in spärlichst ausgestattete, beleuchtete und beheizte Güterwaggons überwachten sowjetische Offiziere. Die Fahrt ging in den Osten der Ukraine, das Gebiet um Donezk und Lugansk, und in den Ural.
Die Deportierten wurden in Lagern untergebracht, die von Stacheldraht umzäunt und streng bewacht waren. Sie selbst mussten die Lager erst einmal herrichten bis hin zum Graben der Latrinengruben. Die meisten mussten dann in den Kohleminen arbeiten, eine knochenharte Arbeit, bei der auch die Frauen nicht geschont wurden. Brutale Wärter, chronische Unter- und Mangelernährung, Lausbefall, Krankheiten und unzureichende medizinische Versorgung sowie massive Erschöpfungszustände und völlige Unsicherheit hinsichtlich Dauer und Überleben der Deportation bestimmten die Arbeit in den Bergwerken und das Leben in den Lagern fern der Heimat.

Für das vorliegende Buch, das diesen Leidensweg von der Verschleppung bis zur Rückkehr (im Idealfall) in vielen Selbstzeugnissen dokumentiert, sammelten die Herausgeber Günter Czernetzky, Renate Weber-Schlenther, Luzian Geier, Hans-Werner Schuster und Erwin-Josef Ţigla insgesamt 339 Gedichte, 132 Fotos und 113 Bilder aus vorliegendem Material und Zusendungen von Familien der Deportierten und Internierten. Die Angehörigen stellten Texte, Fotos, Karten und Skizzen aus Familienbesitz zur Verfügung, die meist unter abenteuerlichen Umständen oder manchmal auch unter den gnädigen Augen von Wärtern und Grenzern aus der Sowjetunion in die Heimat geschmuggelt wurden. Daraus haben die Herausgeber 70 Fotos, 70 Zeichnungen, Skizzen und Kunstwerke sowie 70 Gedichte ausgewählt, die als besonders aussagekräftig und typisch in die vorliegende „Anthologie des Erinnerns“ aufgenommen wurden und hier nun chronologisch präsentiert werden. Von der Aushebung zur Deportation und Verschleppung 1944/45 und der Ankunft in den Lagern bis zur Rückkehr der meisten Deportierten 1949 spannen sich die dokumentarischen Jahresringe dieses Gedenkbuchs, das für Historiker wie für interessierte Laien gleichermaßen eine ausgezeichnet aufbereitete und bestens dokumentierte Quellensammlung zum Thema zur Verfügung stellt. Das abschließende Kapitel bietet Äußerungen aus den Jahren 1955 bis 2015 zur Bewältigung dieser Erfahrungen.

Es sind gezeichnete Menschen, die hier auf zahlreichen Fotos zu sehen sind, Gruppenfotos, Einzelfotos und auch Fotos Trauernder an Gräbern fern der Heimat. Die Zeichnungen zeigen die bedrückenden Geschehnisse aus der Sicht der Deportierten, von der Sammlung und der Trennung von Kindern und Familie über den Abtransport und die Güterwaggons bis hin zur Ankunft im Lager. Skizzen und Bilder illustrieren die Lager und den Alltagstrott des Lagerlebens zwischen Stacheldraht und Wachtürmen von Entwanzungsaktionen (S. 91) bis zum Marschieren zwischen Lager und Minen (S. 212). Viele kamen zu Tode – auch dies festgehalten in traurigen Bildern (z. B. „Tod im Bergwerk“, S. 116).
   
Hoffnungslosigkeit und Leid werden hier immer wieder sehr eindrucksvoll deutlich – ob auf den Farbbildern oder den Schwarzweißskizzen. Auch die Minen selbst und die beschwerliche Arbeit unter mühevollsten Bedingungen werden in Bildern festgehalten. Bei all dem wirken die Schwarzweißskizzen noch düsterer und bedrohlicher als die Farbbilder. Die Zeichnung „Es  ruhet in Frieden in Russland Peter Maurer“ (S. 41) bringt Lager und Tod in direkte Verbindung, wird doch das frische Grab direkt neben dem Lager dargestellt. Am schmerzlichsten war wohl die Sehnsucht nach der Heimat zur Oster- und Weihnachtszeit. Auch hier sind eindrucksvolle Bilder zu sehen, etwa von Weihnachten 1945 in Almasnaja (S. 57)
Dieser Einblick in Deportation, Lageralltag und Leid macht den Leser so sprachlos wie die Verschleppten, die das Erlebte in Bildern verarbeiten. Aber auch die hier versammelten sensibel und klug ausgewählten Gedichte und Texte berühren zutiefst, kleiden sie doch das Grauen von Zwangsarbeit und Sklaverei in Sprache und Versform. Hunger und Hygienemangel, Heimweh und Hoffnungslosigkeit, Kälte und Krankheiten, Tod und Trauer, Erschöpfung und Rechtlosigkeit, ja selbst die „Wanzenplage“ (S. 90) werden hier auch literarisch verarbeitet. Der vorliegende Band bietet eine mehr als beeindruckende Dokumentation der Deportation der Deutschen aus Rumänien. Der Leser wird einmal mehr frösteln bei dem Gedanken, was Menschen anderen Menschen antun können, und kann sich umso mehr wundern, wie wenig die Menschheit aus der Geschichte gelernt hat.

„Lagerlyrik – Gedenkbuch: 70 Jahre seit der Deportation der Deutschen aus Südosteuropa in die Sowjetunion“. Gedichte, Fotografien, Zeichnungen, Lieder, Verse, Reime, Sprüche, hg. Günter Czernetzky, Renate Weber-Schlenther, Luzian Geier, Hans-Werner Schuster und Erwin-Josef }igla, Schiller Verlag 2015 Bonn/Hermannstadt, 250 S., zahlreiche Fotos und Abbildungen, ISBN 978-3-944529-73-8, 19,90 Euro/75 LEI

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 03.02 2016, 14:26
ich habe einige Betroffene noch kennen lernen dürfen und ihre Geschichten, die in keinem Buch stehen, erzählt bekommen. Was mich überrascht hat war, dass fast alle gesagt haben, die Arbeit war hart, aber die "Russen" waren eigentlich korrekt und anständig. Es gab keine sadistischen Bestrafungen, keine Vergewaltigungen (Einzelfälle ausgenommen). Die Arbeiter erhielten sogar einen kleinen Lohn, mit dem sie ausserhalb der Lager was einkaufen konnten. Die Toten sind vor allem der katastrophalen Situation in der Ukraine unmittelbar nach Kriegsende geschuldet. Dort ist ja zwei Mal eine unglaubliche Dampfwalze der industrialisierten Zerstörung drübergerattert, einmal 1941 von West nach Ost und 1943/44 von Ost nach West. In der Ukraine war praktisch alles kaputt und zerstört, es herrschte Hunger und Not bei allen Menschen, nicht nur bei den Zwangsarbeitern. Und wie in jedem Krieg, wo Millionen hin und herflüchten, haben sich Infektionskrankheiten und Parasiten ausgebreitet, unter denen die ausgemergelte Bevölkerung litt. Mit der ersten Friedensernte 1946 ging es dann langsam bergauf mit der Ernährungssituation. Die meisten Toten waren deshalb auch im ersten Jahr. Wer das überlebt hatte, kam dann auch meist heil wieder nach Hause. Ziel der Zwangsarbeit war schlicht der Wiederaufbau der Industrie im Donbas, nicht "Vernichtung durch Arbeit" wie bei den Nazis. Deshalb haben auch mehr als 80% überlebt.
Karl, 02.02 2016, 20:44
Da wird wieder einmal zum x.-Male sentimentalisiert.

An der ganzen unschönen Sache stört, dass niemand konkrete historische Zusammenhänge herzustellen wagt und nur Herzischmerzigeschwafel verzapft.

Die Deportation der Rumäniendeutschen hatte wohl 2 Gründe:

1. Handfeste Umerziehung und Gefügigmachen für ein weiteres (aus der Sicht der neuen Macht "konstruktives", und das funktionierte bekanntlich prächtigst) Verbleiben in Rumänien, das als einziges "kleines Siegerland" seine Deutschen weder vertreiben noch straflos abmurksen durfte - beides hätten "die Rumänen" sicher ebenso gerne praktiziert wie alle anderen "kleinen Sieger" (CSSR, Polen, Jugoslawien, Ungarn) im Sowjetmachtbereich. Ganz im Gegenteil: Auch über den Rumäniendeutschen ruhte die schützende Hand der damals allmächtigen Kommissare der siegreichen Sowjetmacht, ebenso wie über allen anderen Minderheiten Rumäniens, man brauchte die Minderheiten einfach um auf längere Sicht Besatzeraufwand zu sparen ... Ein Beweis dafür ist u.a. das damals auf sowjetische Anordnung hin geschaffene autonome ungarische Gebiet Rumäniens.

2. Handfeste "Revanche" jener, die jetzt (anfangs 1945) das Sagen im Lande Rumänien hatten und natürlich dem weisen Väterchen Stalin bereits während ihres Exils in Moskau und anderen Sowjetstädten ins Ohr flüsterten wie am besten mit den Rassehochmütigen (wie viele rumäniendeutsche Frauen kehrten denn geschwängert oder mit Kind an der Hand aus den Sowjet-KZs zurück?) und Faschistischen umzuspringen sei um ihnen ihre Marotten auszutreiben und sie gefügig zu machen, was bekanntlich ja bestens funktioniert hat! Ob es auch „nur“ eine "kleine Retourkutsche" sich auserwählt Fühlender gewesen sein hätte können? "Menschlich verständlich" wäre es ja gewesen ...

Der Zusammenhang zwischen Deportation 1944 ("Evakuierung") großer Teile der Rumäniendeutschen durch das NS Regime, dem Verschwinden Phlepsens, das Weiterziehen von Teilen der 1944 Deportierten aus dem Sowjeteinflussbereich ins amerikanische, die Rücksendung 1944 vom NS-Regime deportierter Rumäniendeutscher aus Niederösterreich nach Rumänien durch die sowjetische Besatzungsmacht (Stichwort Weilau), etc., sollte man da "gedanklich integireren". Was wusste die deutsche Abwehr über die geplante "Sonderbehandlung" der Rumäniendeutschen nach dem unvermeidbaren Zusammenbruch der deutschen Macht? Konnte Phleps da etwas für "seine Leute" ganz am Ende noch "herausholen"? NS-Kapazunda setzte sich gegen Kriegsende zu bekanntlich gezielt aus dem zukünftigen Sowjeteinflussbereich ab, man wusste schon ...

Traut sich´s wer unter solchen Gesichtspunkten in Archiven herumzustochern und allfällige Ergebnisse gar zu publizieren?
Klaus, 02.02 2016, 18:03
besonders die letzen sätze sind es die mich bewegen.-Wie können menschen anderen menschen all dieses nur antun?ß eine frage die mich bis in die heutige zeit begleitet.--Wahrlich die menschheit lernt es nie und die methoden werden immer schlimmer und grausamer.--
Über allem schwebt dann a) die religion b) seltsame weltanschauungen.
Frieden für alle menschen?? Wohl eine illusion für menschen auf diesem planeten.

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