„Erst durch unser Zusammenkommen und durch unser Zusammenwirken verleihen wir unserer Gemeinschaft ein Gesicht“

ADZ-Gespräch mit Peter-Dietmar Leber, dem Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft der Banater Schwaben

Mittwoch, 07. Juni 2017

Peter-Dietmar Leber hat den Vorsitz der Landsmannschaft der Banater Schwaben in Deutschland inne. Die Heimattage 2018 werden von der Landsmannschaft in Ulm veranstaltet.
Foto: Zoltán Pázmány

Am Wochenende ist es soweit: Die Heimattage der Banater Deutschen gehen in Temeswar und Lenauheim über die Bühne. Das Ereignis findet jedes Jahr statt – abwechselnd in Ulm, Deutschland und im Banat. Zu diesem Anlass zieht es zahlreiche ausgewanderte Banater Schwaben in die „alte Heimat“. Peter-Dietmar Leber (57) vertritt als Bundesvorsitzender der Landsmannschaft seit 2011 die Interessen der Banater Schwaben in Deutschland. Der aus Großsanktnikolaus/Sânnicolau Mare stammende Landsmannschaftsvorsitzende wird bei den Heimattagen der Banater Deutschen dabei sein. Welche Rolle die Landsmannschaft heute spielt, welche die Beziehungen zwischen den ausgewanderten und den in Rumänien gebliebenen Schwaben sind und vieles mehr erfahren Sie aus folgendem Gespräch, das Raluca Nelepcu mit Peter-Dietmar Leber geführt hat.

Wie wird die Landsmannschaft heute in Deutschland gesehen – welchen Zuspruch hat sie noch?

Das hängt vom Auge des Betrachters ab. Man sieht in der Regel nur, was man weiß. Wer uns näher kennt, schätzt unsere Arbeit. Wie so oft in ihrer nun bald 70-jährigen Geschichte hat sich unsere Landsmannschaft immer wieder neue Schwerpunkte gesetzt und neu ausgerichtet. Vor 30 Jahren hätte es kaum jemand innerhalb des Verbandes für möglich gehalten, dass wir mit verschiedenen Gemeinden im Banat zusammenarbeiten, um unser Kulturerbe zu bewahren oder fortzuentwickeln. Gleiches gilt auch für andere Kooperationspartner, egal ob im Banat oder sonstwo auf der Welt, wo Banater Schwaben leben. Unser Netzwerk ist nach wie vor stark und es trägt.


Wie hat sich die Zahl der Mitglieder im Laufe der Jahre verändert?

Unsere Höchstzahl hatten wir Ende der 1990er Jahre erreicht. Seitdem verlieren wir jedes Jahr aufgrund von Todesfällen mehr Mitglieder, als neue dazukommen. Es treten jedoch jährlich nach wie vor zwischen 350 und 400 Personen dem Verband bei. Oft stehen sie vor dem Renteneintritt, haben etwas mehr Zeit und engagieren sich dann auch im Verein. Das ist für uns ein sehr wichtiger Aspekt. Wir werden weniger, aber wir werden nicht schwächer.


Wie wird die Jugend heute von der Landsmannschaft angezogen? Was bietet die Landsmannschaft den Jugendlichen?

Viele Kinder und Jugendliche werden über die Tanzgruppen an den Verband herangeführt. Oft in der Schule, über Freunde. Es gibt jedoch auch Eltern, die mit ihren Kindern gezielt in eine solche Gruppe kommen, weil es ihnen aufgrund ihrer Bio-grafie ein Anliegen ist, dass ihre Kinder etwas von der Lebenswelt der Banater Schwaben mitbekommen sollen. Wir haben Gruppen, wo sehr viele einheimische Jugendliche dabei sind, was wir natürlich sehr begrüßen. Es ist ähnlich wie in den Jugendgruppen des Deutschen Forums im Banat. Weniger die Herkunft, als vielmehr das Interesse für unser Brauchtum führen sie heran und letztlich auch zusammen. Das ist ein interessantes Phänomen, was Unterstützung verdient. Unsere Landsmannschaft fördert unsere Jugendorganisation, die Deutsche Banater Jugend- und Trachtengruppen (DBJT), dort wird von Tanz, Sport, Zeltlager über Kinder- und Jugendseminare bis hin zu internationalen Jugendbegegnungen viel angeboten.

Inwiefern bekennen sich die Kinder der ausgewanderten Banater Schwaben noch zum Banat?

Das ist differenziert zu betrachten, das Elternhaus spielt dabei eine sehr große Rolle. Manche jungen Leute bekennen sich bewusst dazu, bei anderen ist das für die Eltern schon ein „Problem“. Das hat noch viel mit der unseligen Zeit bis 1989 zu tun, als der Begriff „Rumänien“ vor allem negativ besetzt war. Das hat sich mittlerweile gewandelt. Die jungen Leute, die sich als Banater Schwaben verstehen, wissen, dass sie „anders“ groß geworden sind. Für sie ist das aber eher unspektakulär. Sie wissen es, sie bekennen sich dazu und sie finden es gut, so wie es ist. Meine Söhne, beide in München geboren, sagen, dass sie Banater Schwaben sind. Als meine Frau und ich das erste Mal mit ihnen im Banat gewesen sind, tat sich für sie eine neue Welt auf. Auf der gesamten Heimfahrt mussten wir stundenlang Fragen beantworten. Die Eltern freut das, das Bekenntnis kam aber von ihnen.


Welches ist die Beziehung der ausgewanderten Banater Schwaben zur „alten Heimat“?

Sie bewegt noch immer sehr viele. Unabhängig davon, ob sie sich nostalgisch an Kindheits- und Jugendtage im Banat erinnern oder ob sie mal über die Politik in Rumänien schimpfen, sind das Zeichen, dass sie die Region und die Menschen dort nicht unberührt lassen. Unsere Aufgabe muss es sein, dieses „Bewegt-Sein“ in eine Mitarbeit münden zu lassen, zumindest entsprechende Möglichkeiten anzubieten. Ich bin zuversichtlich, dass da noch vieles möglich ist, vor allem wenn sie auf ein entsprechendes Pendant vor Ort stoßen. Eine interessierte Lokalverwaltung, ein Deutsches Forum vor Ort, eine aktive Kirchengemeinde, ein engagierter Lehrer – wir können schöne Beispiele vorweisen, wo Emotion und Vernunft Projekte gedeihen ließen, die früher niemand für möglich gehalten hätte.


Könnten Sie das an einigen Beispielen verdeutlichen?

Weil im Rahmen der Heimattage der Deutschen im Banat auch an den 250. Jahrestag der Ansiedlung unserer Vorfahren in Lenauheim und Großjetscha erinnert wird: Die Heimatortsgemeinschaft Lenauheim hat die in Deutschland erschienene Ortsmonografie ins Rumänische übersetzen lassen und für die Gemeinde zum Selbstkostenpreis gedruckt. Diese stellt sie gegen eine geringe Schutzgebühr den heutigen Bewohnern des Ortes zur Verfügung, damit diese ehemals deutsche Geschichte des Ortes vermittelt werden kann. Der HOG-Vorsitzende von Großjetscha ist in die rumänische Schule gegangen und hat mittels einer von der HOG ins Rumänische übersetzten Geschichte des Ortes den Schülern über die Geschichte der Deutschen im Ort berichtet. Nur durch die Kenntnis dieser Geschichte weckt man auch das Verständnis für das kulturelle Erbe der Banater Schwaben.


Wie läuft die Zusammenarbeit der Landsmannschaft mit den Organisationen der Banater Schwaben in Rumänien, mit den deutschen Kreis- und Ortsforen?

Aktive Gliederungen, egal auf welcher Seite, finden immer zusammen. Dort funktioniert die Zusammenarbeit auch sehr gut. Wir müssen dabei das Machbare, das konkrete Projekt im Blick behalten sowie Schritt für Schritt vorgehen. Verbesserungswürdig ist sicher die Kommunikation untereinander. Das gilt für beide Seiten. So wäre es sicher gut, wenn ein Vertreter des Forums an Sitzungen der Landsmannschaft und umgekehrt, ein Vertreter der Landsmannschaft an Forumssitzungen teilnehmen würde. Per Skype/Internet wäre das leicht umzusetzen. Synergieeffekte könnten sicher auch bei Buchpublikationen erzielt werden. Die Zusammenarbeit mit unserer Heimatkirche, mit den Medien im Banat ist sehr gut, aber auch hier kann ich mir noch einen Ausbau der Zusammenarbeit vorstellen.


Wie eng sind Ihre eigenen Beziehungen zu Großsanktnikolaus? Zu wem pflegen Sie noch den Kontakt?

Das ist immer ein Auf und Ab, mir war aber stets wichtig, dass wenigstens einige Verbindungen erhalten bleiben. Zu meiner ehemaligen Nachbarin Dietlinde Huhn, Forumsvorsitzende, und meinem Schulfreund Erwin Becker besteht ein regelmäßiger Kontakt. Im vergangenen Jahr habe ich auf Einladung des Bürgermeisters D²nu] Groza mit meiner Frau zum ersten Mal an den „Tagen der Stadt Großsanktnikolaus“ teilgenommen. Ich ging durch die Straßen und habe keinen einzigen Menschen mehr erkannt. Nach der Heiligen Messe traf ich vor der katholischen Kirche zum ersten Mal nach 40 Jahren einen ehemaligen Ministranten aus meiner Zeit, mittlerweile ergraut. Sein Sohn ist Stadtrat, mit ihm war ich während der Kulturtage unterwegs, sein Neffe ist katholischer Pfarrer in Lippa. Das war dann wieder alles sehr vertraut und natürlich auch sehr interessant, eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Es gab auch berührende Begegnungen mit mir fremden Leuten, die sich aber an meine Eltern erinnern konnten.


In einigen Tagen finden in Temeswar die Heimattage der Banater Deutschen statt. Welche sind denn die Unterschiede zwischen den Heimattagen in Rumänien und den Heimattagen in Deutschland, was Veranstaltung, Atmosphäre, Teilnehmer usw. angeht?

Ich beginne lieber mit den Gemeinsamkeiten: Erst durch unser Zusammenkommen und durch unser Zusammenwirken verleihen wir unserer Gemeinschaft ein Gesicht. Das ist in Ulm wie in Temeswar der Fall. Ebenso die Freude über das Wiedersehen. Gut finde ich, dass in Temeswar auch das Deutsche Konsulat und der Deutschsprachige Wirtschaftsclub eigene Zeichen setzen, das Angebot an deutschsprachigen und kulturellen Veranstaltungen im Zeichen dieser Heimattage erweitern. Da entsteht etwas Neues und Zukunftweisendes und wir haben die Möglichkeit, dabei mitzuwirken. Das spornt an!

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