Erstaufführung des „Tiroler Jubiläumsmarsches“

200-Jahr-Feier von Tirol/Königsgnad mit zahlreichen Heimgekommenen

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Der rüstige älteste Tiroler: Franz Rebejilă.

Die Tiroler Kaiserjäger, Ortsgruppe Jenbach/Tirol und die Pfarrer der Jubiläumsmesse um Erzdechant József Csaba Pál (links). Fotos: Privat

Er ist der älteste Mann im Dorf, der Tierarzt Franz Rebejilă, ein Kroate der perfekt deutsch spricht, wie alle Kroaten in Tirol/Königsgnad und auch wie viele der Rumänen, die schon lange hier ansässig sind. Denn Tirol im Banater Bergland war anderthalb Jahrhunderte lang ein dreisprachiges Dorf. Mit Umgangssprache deutsch. Am 29. September 2012 beging das Dorf Tirol im Banater Bergland sein 200. Einweihungsfest. Die Initiative dazu war vom Verfasser der jüngsten und bislang komplettesten Monografie des Orts, Günther Friedmann („Tirol in Rumänien. Gründung und Entwicklung. Geschichte eines Dorfes, das seine Existenz dem Tiroler Freiheitskampf von 1809 verdankt“), gleichzeitig Vorsitzender der HOG Tirol/Königsgnad, ausgegangen, dem sowohl die Leitung der Gemeinde Doclin – Tirol ist Doclin eingemeindet - als auch das Demokratische Forum der Banater Berglanddeutschen (DFBB) mit seinem Vorsitzenden Erwin Josef Ţigla und viele Helfer vor Ort und aus dem Herkunftsland der Erstsiedler zur Hand gingen.

Franz Rebejilă wollten die Mitglieder des Hilfsvereins "Tirol für Tirol" aus Anlass der 200-Jahr-Feier besonders ehren, vor allem, weil er "unser wichtigster Mann" im rumänischen Tirol sei, wie ihn Dr. Alois Leitner, der Vorsitzende des Hilfsvereins titulierte. Das hat Dr. Rebejil² abgelehnt: "Es ist das Fest des Dorfes. Ich selber werde erst am 28. Oktober 90 Jahre alt. Das ist was anderes." Der rüstige und immer noch rastlos tätige distinguierte Herr schaut dem für Tirol ungewöhnlichen Treiben auf der Hauptgasse, auf dem Kirchplatz und in der Kirche interessiert - und etwas distanziert – zu. Im Gespräch erweist sich der nicht nur als Tierarzt im Dorf angesehene Mann als bestens informiert über alles, was im Dorf geschieht, auch als leicht enttäuscht über die vielen Neusiedler in Tirol, welche Festgefügtes durch Haltung und Mentalität infragestellen. „Leider geht vieles verloren“, meint er, „und nicht nur Häuser, die niemand mehr pflegt und zusammenrumpeln lassen werden.“ Das sagt ein Neunzigjähriger, der sich täglich um die Inschusshaltung seines unbewohnten Geburtshauses bemüht und der täglich sein Zufußpensum gewissenhaft abspult – neben der Arbeit, die er sonst wie selbstverständlich verrichtet.

Die Kolonie Tirol entstand infolge der Freiheitskämpfe der Tiroler gegen die Napoleonischen Truppen und die mit ihnen verbündeten Bayern im Jahr 1809. Nach der Niederlage der habsburgischen Truppen und der Tiroler Freischärler unter Andreas Hofer flüchteten viele der Freiheitskämpfer aus Tirol nach Wien unter den Schutz Kaiser Franz I. Sie kamen u.a. aus Alpbach, Berwang, Bichlbach, Fügen, Galtür, Hall, Hopfgarten, Innsbruck (Monsignore Paul Lackner aus Reschitza und der langjährige Pfarrer von Tirol, Karl Tribus, hatten beide Vorfahren aus dem Raum Innsbruck), Rietz, Sterzing, Terfens und Schwaz. Auf Geheiß des Kaisers wies ihnen die Kameralverwaltung des Banats einen Platz zu, den ihre abgesandten begutachteten und zuletzt akzeptierten, Zwischen 1810 und 1812 hatte die entstehende Kolonie die Namen Tirol, Tiroler Dorf, Neu-Tirol, Tiroler Treue, Tyrol, um am 16. September 1812 mit eigenhändiger Unterschrift des Kaisers „Königsgnad“ genannt zu werden. Die Kolonie bestand aus 31 Häusern. Zwei Wochen darauf, am 29. September, wurde die neue Ortschaft offiziell eingeweiht. 1888 tauften die ungarischen Behörden die Ortschaft in Királykegye (=Königsgnade) um und ab 1927 hieß die Ortschaft unter rumänischer Verwaltung Tirol. Seit 2001 hat die Ortschaft ein zweisprachiges Ortsschild: Tirol-Königsgnad.

Schon 1813 verließen viele der Tiroler Siedler den Ort, 1818 folgten fast alle ihrem nach Temeswar versetzten Pfarrer Johann Matheus Stuefer, wo sie in der Josephstadt die Tiroler Gasse (Str. Ciprian Porumbescu) gründeten. Allein die Familie Zauner blieb in Königsgnad und hat auch heute noch ihre letzten Nachkommen vor Ort: die ehemalige Lehrerin an den deutschen Klassen der Schule, Stefania Rebejilă (die Frau des eingangs erwähnten Tierarztes) und deren Tochter, Nora Rebejilă, eine pensionierte Chemieingenieurin, die sich ihr Leben zwischen Temeswar (wo sie beim deutschen Forum DFDB aktiv ist) und ihren Eltern in Tirol teilen muss. Denn die „Steffi-Lehrerin“ ist wegen einem Beinleiden ans Bett gefesselt und braucht ab und an Hilfe.

Bei der Jubiläumsfeier trat Nori Rebejilă als Übersetzerin und Dolmetscherin, aber – neben ihrem Vater - auch als Vertraute und Betreuerin der Gäste aus Österreich und Südtirol auf.

Als nur noch die Familie Zauner in Tirol verblieb, stand die Banater Kameralverwaltung mit ihrem vom Kaiser verordneten Projekt Königsgnad vor dem Aus. Die Administration lockerte deshalb die Siedlungsvorschriften und gab den Weg frei für eine Neubesiedlung. Schon ab 1814 kamen Binnensiedler aus Dognatschka, Steierdorf, Jahrmarkt, Nitzkydorf, Moritzfeld, Temeswar, Werschetz, Zichydorf, Nitzkydorf und Bakowa nach Königsgnad, ab 1817 kam eine Gruppe Württemberger, ab 1823 Siedlergruppen aus Bayern, Böhmen, Mähren, Österreich und Schlesien und 1828 zahlreiche Kroaten/Kraschowäner aus Iabalcea, Klokotitsch und Rafnic, die einen eigenen Ortsteil bildeten. 1840 lebten in Tirol 943 Einwohner.

Die erste Jubiläumsfeier Tirols wurde im September 1912 veranstaltet, als der Dorfarzt Julius von Sayler auch die erste – für viele richtungsweisende und als unreflektierte Inspirationsquelle dienende – Dorfmonografie herausbrachte und im Lindenpark vor der Kirche die 100-Jahr-Stele aufgestellt wurde. (Diese Monografie konnte Günther Friedmann in vieler Hinsicht vervollständigen und durch Archivforschung korrigieren).

Im Jubiläumspark steht auch das Kriegerdenkmal zum ersten Weltkrieg (268 Männer dienten im k.u.k.Heer, 44 kamen nicht mehr wieder – Militärattaché Oberst Mag. Christian Smutek vom Verteidigungsministerium in Wien legte im Rahmen der Jubiläumsfeier am Gedenkkreuz einen Kranz nieder).

In den 1920er-40er Jahren „erlebte das Dorf eine hervorragende Entwicklung“, schreibt Friedmann. Bei 1223 Einwohnern (1930) gab es „neun Kaufläden, drei Fleischer, zehn Rasierer, sechs Maurer, fünf Schmiede, fünd Schneider, sechs Schuster, fünf Wagner, sechs Tischler, sechs Zimmerleute, vier Wirtshäuser (zwei mit Kegelbahnen, zwei mit Ballsälen), einen Bauernverein, eine Milchgenossenschaft, eine Mühle, eine Bauholzniederlassung, eine Ziegelfabrik, zwei Schnapsbrennereien, zwei Sodawasserabfüllanlagen“, Seidenraupenzucht, Imkerei, und natürlich Weinbau, sowohl in den UDR-Weingärten, als auch privat. „Seither ist der Wein ein Aushängeschild des Dorfes.“

Liederkranz, Musikkapellen und Tanzgruppen prägten das kulturelle Leben.

Die jetzige 200-Jahr-Feier wurde mit einer zweiten Gedenkstele im Kirchpark markiert. In einem streng auf den Anlass konzentrierten Text wird deutsch und rumänisch der Anlass vermerkt (eigentlich sollte das auch kroatisch hier stehen...).

In seiner Predigt zur Jubiläumsmesse zitierte der Erzdechant des Banater Berglands, József Csaba Pál, ausführlich aus der Kurzfassung von Günther Friedmanns Chronik, nicht ohne aber zu unterstreichen, dass das Dorf von Beginn an eine überwiegend römisch-katholische Ortschaft war und dass die Kirche nicht nur räumlich im Zentrum der Ortschaft steht.

Die Ordensschwestern, die seit 1993 aus dem ehemaligen Pfarrhaus ein geistig-kulturelles und Bildungszentrum des Dorfes gemacht haben (das schönste Ergebnis ihrer Arbeit war während der Messe zu sehen und zu hören, die Mädchen-Singgruppe „Amadea“ unter Carmen Cserski und mit der Solistin Oana Mari{escu). Wer kennt in Tirol nicht die Schwester Gertrud und ihre Mitschwestern!? Sie haben das Römisch-Katholische hier auf eine ökumänische Ebene erhoben, die beispielhaft ist.

Die 200-Jahr-Feier von Tirol/Königsgnad hatte zwei Fokusse: die Jubiläumsmesse in "einer der größten Kirchen des Banater Berglands" und das Kulturprogramm auf der Plattform neben der Kirche, die vom Rathaus Doclin hingezaubert wurde. Allerdings: die Honorationen aus Reschitza – Präfekt Hurduzeu, Abgeordneter Mocioalcă, der Reschitzaer Vizebürgermeister Ioan Crina und ihr Troß waren mit üblicher Verspätung eingetrudelt – und kamen nicht mehr zu Wort... . Zum Kontrast: Ex-Präfekt Nicolae Ştefănescu war pümktlich erschienen und marschierte brav in der Kolonne der Teilnehmer mit.

Die Gäste aus Österreich – Botschafter Dr. Schwarzinger mit Gattin, Verteidigungsattaché Oberst Mag. Christian Smutek mit Gattin, die Musik- und Tanzgruppen aus Tirol und Südtirol, der Vertreter Deutschlands (Attaché Siegfried Geilhausen vom Deutschen Konsulat Temeswar), aber auch die deutschen Tanzgruppen aus Tirol, Bokschan („Freundschaft“) und Reschitza („Enzian“) sowie die rumänischen Tanzgruppen aus Tirol und vor allem jene aus Bokschan („Bocşeana“, Choreograph Octavian Pieptenar) waren nicht nur pünktlich, sondern fielen auch durch Disziplin und Improvisationsbereitschaft, durch Temperament und Ausgeglichenheit auf.

Ein Sonderlob der unermüdlichen Blaskapelle aus Karansebesch, die u.a. den „Tiroler Jubiläumsmarsch“ von Günther Friedmann erstaufführte (mit dem Komponisten und Kapellmeister am Akkordeon).

Franz Rebejilă war zum Kulturprogramm am Nachmittag nicht mehr gekommen. Seine Freunde und Bekannten aus dem Land Tirol besuchten die Familie zuhause, um auch mit der „Steffi-Lehrerin“ ein Wort zu wechseln. Der Reporter wird diesen Besuch nachholen.

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