Erster Evangelischer Kirchentag im Banat

In Reschitza wurde er während der Deutschen Kulturdekade mit dem Trachtenfest gekoppelt

Montag, 23. Oktober 2017

Die teilnehmenden Priester: In ihrer Mitte der evangelische Landesbischof Reinhart Guip und der Generalvikar der römisch-katholischen Diözese Temeswar, Johann Dirschl, nach dem Pflanzen eines Apfelbäumchens im Hof der Reschitzaer evangelischen Kirche.

Fotos: Bischof Reinhart Guip bei der Predigt

Die evangelische Kirche von Reschitza, in unmittelbarer Nähe des Hüttenwerks gebaut.
Fotos: Werner Kremm

Reschitza – Es war einer der herrlichen Herbsttage, die Reschitza erleben durfte, nicht nur wegen dem blendenden Sonnenschein und der wohligen Wärme des Tages, sondern auch durch die Herzenswärme der Teilnehmer und durch erlebte Ökumene, wie sie die Seelsorger der evangelischen, römisch-katholischen, unierten, der ungarisch-reformierten und weiterer Glaubensgemeinschaften des Banats mit dem Bischof der evangelischen Kirche A.B. von Rumänien, Reinhart Guip, vorgelebt haben.

Der vor 500 Jahren ausgelöste Urprotest, der zur Gründung vieler Kirchenabspaltungen und letztendlich zur Schwächung der Stellung der nachweislich sündig gewordenen katholischen Universalkirche geführt hatte, war vergessen und diente 2017 als Gelegenheit zur Aussöhnung und zur interkonfessionellen Eintracht.

Zum reformatorischen Kirchentag von Reschitza waren viel mehr Menschen gekommen, als die Reschitzaer evangelische Kirche fassen konnte. So war Messe und Bischofspredigt vor allem den Honorationen, Organisatoren und ausländischen Gästen, aber auch einigen der Reschitzaer Stamm-Kirchenbesucher vorbehalten, während viele der Gäste und Teilnahmewilligen geduldig im Kirchhof und auf dem Gehsteig rund um die Kirche warteten, bis das Jubiläumszeremoniell der 500 Jahre Reformation sich ins Freie verlagerte und Bischof Guip, gemeinsam mit den anwesenden Priestern und den Gläubigen, ein siebenbürgisches Batull-Apfelbäumchen pflanzte.

Den Kern seiner Predigt auf der Kanzel im Kircheninnern wiederholte Bischof Guip in seinem „Grußwort“ vor dem Pflanzen des Bäumchens: „Durch die Wiederentdeckung der Heiligen Schrift und Jesus Christus als Quelle der Wahrheit und des Heils hat die Reformation aus dem 16. Jahrhundert die Welt verändert. Das dunkle Mittelalter wurde zurückgelassen und es wurde der Weg bereitet für die Würde des Menschen, die Freiheit des Glaubens, die individuelle und gemeinsame Verantwortung, die nationalen Sprachen, die Bildung, die Kultur, das sozial-diakonische Werk, die Arbeitsethik. Die Welt hat sich verändert, so wie die Menschen, die Gesellschaft, das Leben und die Kirche.“

Äußerst beeindruckend war die Daseinsdemonstration der Trachtenträger, die von der evangelischen Kirchs bis in den alten Stadtpark mit dem Denkmal für die Opfer der Russlanddeportation zogen, mitten unter ihnen, interkonfessionell, alle teilnehmenden Priester.

Erster Evangelischer Kirchentag im Banat

Predigt von Reinhart Guip, Bischof der evengelischen Kirche A.B. von Rumänien, gesprochen in Reschitza, zum gegebenen Anlass

Eure Hochwürden, Herr Generalvikar Dirschl,  eure wohlehrwürdigen Herren Dechanten und Pfarrer, werte Gäste aus Slowenien, Österreich, Deutschland, sowie aus Reschitza, Lugosch, Temeswar, Karansebesch und darüber hinaus, liebe Brüder und Schwestern in Christus, unserem Herren!

Meine Seele ist froh und dankbar, bei der 27. Auflage der Deutschen Kulturdekade im Banater Bergland mit einer Delegation unserer Kirchenleitung, mit Landeskirchenkurator Philippi mit Gattin und Hauptanwalt Gunesch, eingeladen worden zu sein und teilnehmen zu können. Herzlichen Dank dem Hauptveranstalter, dem Kultur- und Erwachsenenbildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ sowie allen Mitveranstaltern, dem Deutschen Forum, der röm.-kath. und ev. Kirche vor Ort, den österreichischen und slowenischen Freunden, die sie alle beitragen zu diesem großen Fest der Gemeinschaft.

Heute begehen wir einen einmaligen Tag in den letzten 500 Jahren – wir feiern den Ersten Evangelischen Kirchentag im Banat.  Liebe orthodoxe, römisch-katholische, griechisch-katholische, reformierte Brüder und Schwestern in Christus, wir danken Ihnen für die Ehre, heute mit uns Evangelischen zu feiern. Was uns damals trennte, will uns heute einen. Das Reformationsfest ist ein Christus gewidmetes Fest. Somit kann niemand anders in unserer Mitte sein, als Christus selbst. Er schlägt Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Gott und Menschen, zwischen mir und dir. Dieses Predigtwort ist eine Einladung, eine Aufforderung, auch heute Jesus Christus ohne jede Angst zu bekennen, so wie es vor 500 Jahren Martin Luther tat.  

Am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angebracht, und somit gegen die unchristliche, materialistische Praxis der damaligen Katholischen, also der Allgemeinen Weltkirche protestiert und eine Kampagne begonnen, die das Ziel hatte, den christlichen Glauben aufgrund der klaren Heiligen Schrift und Jesus Christus, als einziger Heiland, ohne menschliches Werk, zurückzubringen. Diese hatte eine revolutionäre Auswirkung in Europa und in der Welt. Ohne sie hätten wir heute gar keine oder eine ganz andere Demokratie und Freiheit, religiöse Toleranz, Muttersprache und Bildung, soziale und politische Verantwortung, Presse und Kritik u.v.a.m.

Die mutigen reformatorischen Schriften, die den Glauben an Christus, den einzigen Heiland, bezeugen, kamen nach kurzer Zeit in Siebenbürgen an, einerseits über die Handelsleute, andererseits über die siebenbürgisch-sächsischen Studenten, immatrikuliert in Wittenberg, Wien, Krakau. Johannes Honterus aus Corona, dem heutigen Kronstadt, wurde durch seine Schriften und Karten von Siebenbürgen und dem Kosmos nicht nur bekannt und berühmt, sondern wurde von Luther selbst für sein Reformationsbuch, das er 1543 in Kronstadt drucken lies, gelobt. Dieses wurde dann später zur Grundlage der Reformation, zunächst in Schule und Bildung, und danach in der Kirche.

Die protestantische Reformation, die wir heute mit Recht gemeinsam feiern, hat einen europäischen wie ökumenischen Charakter. Die von Luther ausgegangene Reformation wurde von anderen Reformatoren wie Melanchthon, Zwingli und Calvin in ganz Europa verbreitet und durch Mathias Hebler, Caspar Helth, Franz Davidis in Siebenbürgen. Somit hatte die Reformation mehrere geistige Väter und hat zur Gründung der Protestantischen Kirchen in Siebenbürgen geführt: der Evangelischen Kirche Augsburger Bekenntnisses (der deutsch-lutherischen), der Evangelisch-Lutherischen Kirche (der ungarisch-lutherischen), der Reformierten Kirche und der Unitarischen Kirche, und auch später zur Reformierung der Katholischen Kirche. Selbst die Orthodoxe Kirche, zu jener Zeit weniger ausgeprägt, hatte von der Reformation einen Nutzen, in dem Sinne, dass sie zum ersten Mal toleriert wurde, wobei die Protestantischen Kirchen und die Katholische Kirche als akzeptierte Konfessionen anerkannt wurden.

In Thorenburg haben wir im Oktober des Vorjahres das erste Apfelbäumchen in der Reformations-Gedenkreihe „12 Apfelbäumchen für ein klares Wort“ in Rumänien gepflanzt. Weil hier die erste Verkündigung der religiösen Toleranz und des freien Gewissens in Europa aus dem Jahr 1568 stattgefunden hat. Selbst wenn wir das gefeiert haben, dürfen wir nicht vergessen, dass im Laufe der Jahrhunderte die rumänischen, ungarischen und deutschen Völker eher nebeneinander, manchmal auch gegeneinander und weniger miteinander gelebt haben. Seit 1918 versuchen die drei Ethnien, in Rumänien zusammenzuleben und die Folgen des Zweiten Weltkrieges und der kommunistischen Ära zu überbrücken, und in bestimmten relevanten Bereichen, wie jene des Sozialen, Gesundheitswesens, de Bildung, Kultur, der christlichen Moral, des Umweltwesens zusammenzuarbeiten.

Es ist im 21. Jh. dringend nötig, als Christen verschiedener Konfessionen, in Frieden und Einverständnis zu leben, gemeinsam Gottesdienste zu feiern, gemeinsame Handlungen zu begehen, um unseren christlichen Lebenswillen, offene, freundschaftliche und seelische Beziehungen zu bezeugen.

Das panorthodoxe Konzil in Kreta mit den Vorstehern von zehn orthodoxen Kirchen, im Juni 2016, und das ökumenische Treffen zwischen den Kirchenhäuptern der lutherischen und römisch-katholischen Kirche in einem gemeinsamen Gottesdienst am 31. Oktober 2016 in Lund/Schweden sind nur zwei Beispiele auf internationaler Ebene. Sie wollen Signalwirkung haben und die Christen aller Konfessionen zur Annäherung, Einheit und Gemeinschaft in dem einen Herrn ermutigen. Versöhnung unter Christen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene ist so wichtig wie notwendig.

Die Einladung, der Aufruf Christi zum mutigen Bekenntnis gründet auf seinem Heilswerk, seinem Leiden, Sterben und Auferstehen für uns. Diese Einladung hat auch heute nichts an Motivation und Aktualität verloren. Die Christen aus jener Zeit hatten sich von den christlichen und humanen Werten, von der Heiligen Schrift, der Freiheit und Gerechtigkeit, dem Glauben an Gott und der Nächstenliebe, der Gemeinschaft und Teilnahme der Weltlichen, der Beteiligung am sozialen und Bildungsbereich entfernt. Auch heute noch werden diese Werte bezweifelt, belächelt und mit Füßen getreten. In unserem Land, in Europa und in der Welt. Auch heute will das Böse - die Bibel nennt das Sünde - uns beherrschen: durch den aufgekommenen Nationalismus und Populismus, durch Radikalisierung und Intoleranz, Säkularisierung und Materialismus, Vetternwirtschaft und Korruption, die sich unter Politikern, dem einfachen Volk, Regionen, Völkern und Ländern breit machen.

Lernen wir aus der Geschichte, liebe Geschwister in Christus! Eine Kirche ohne Reformation, eine Gesellschaft ohne mutige und christliche Reformen ist dem Untergang geweiht. Christus sagt: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“

Christus lädt uns ein und  fordert uns auf, das menschlich Alte, das uns trennt, hinter uns zu lassen, evangelisch zu sein, also dem Evangelium von Jesus Christus treu zu bleiben, uns zu reformieren, also den Glauben in den einigen Heiland Christus zu erneuern, orthodox, also rechtgläubig zu sein in Wort und Tat, gut katholisch zu sein, also bewusst, dass der Glaube universell ist und wir ihn mit vielen anderen teilen, und Protestanten zu sein, dort, wo die Wahrheit und der Glaube mit Füßen getreten wird. Die Wahrheit, die durch die Reformation entdeckt wurde – die vier soli: sola scriptura, solus Christus, sola gratia, sola fide (nur die Heilige Schrift, nur Christus, nur die Gnade, nur der Glaube) lädt uns auch heute ein, die heilige Schrift zu ehren, in dem wir sie befolgen, den einen Herrn und Heiland Jesus Christus zu preisen, die bedingungslose Liebe Gottes anzunehmen und das Geschenk des Glaubens wertzuschätzen, in dem wir es mit unseren Mitmenschen teilen.

Liebe Gläubige! In diesem Jahr feiern wir als Evangelische, ja, vielmehr als Christen überhaupt und als Gottes Kinder, gleich welcher Konfession, das wichtigste Ereignis seit Pfingsten – 500 Jahre seit der Reformation. Lasset uns staunen, dass auch heute, 500 Jahre danach, Christus unter uns ist, wenn wir furchtlos sind, unseren christlichen Glauben an Ihn, den Heiland, bekennen und die Gemeinschaft mit unseren christlichen Geschwistern suchen. So helfe und segne uns Gott.

Amen.

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