Erstes Zentrum für Kinder mit Lernschwierigkeiten in Rumänien

Die Nichtregierungsorganisation „Edulier“ setzt sich für außerschulische Bildung und individuelle Förderung ein

Donnerstag, 21. April 2016

Die Gemeinde der Legastheniker war lange Zeit wegen Geldmangel und unzureichender Informierung benachteiligt. „Edulier“ setzt sich für die Bildung und individuelle Förderung der Kinder mit Lernschwierigkeiten ein; diese sollen nicht stigmatisiert werden.

Cristiana Ionescu, die Gründerin von „Edulier“, ist eine ehemalige Anwältin, die mit ihrem Job nicht zufrieden war.
Fotos: Aida Ivan

„Edulier“ ist eine Nichtregierungsorganisation (NGO), deren Schwerpunkt auf Bildung liegt. Die Initiative wurde ursprünglich in Corbeanca in der Nähe von Bukarest ins Leben gerufen. Die NGO stellte fest, dass viele Kinder Lernschwierigkeiten haben. Veranstaltet wurden im Rahmen von 10 Projekten viele Werkstätten für außerschulische Bildung. Ungefähr 50 Volontäre haben 10.000 Stunden Freiwilligenarbeit geleistet. Seit 2014 wurde die Aktivität der Organisation in verschiedene Ortschaften in den Kreisen Ilfov, Dâmbovi]a, Ialomi]a, Giurgiu verlegt. Heuer wurde das erste Zentrum für legasthenische Kinder in Rumänien in der Hauptstadt eröffnet.

In der Bukarester Lipova-Straße in der Nähe des Nordbahnhofs hört man eine freudige Stimme, die sagt: „Schließen Sie das Tor bitte, die Tiere könnten rausgehen! Wir brauchen sie.“ Vor dem Haus Nummer 23 haben sich viele Erwachsene versammelt, darunter mehrere Kinder und Haustiere, die hin- und herlaufen. Erwartet wird die offizielle Eröffnung des ersten Zentrums für Kinder mit Lernschwierigkeiten (Dyslexie, Dyskalkulie, Dysgrafie) durch Cristiana Ionescu, die Gründerin der Organisation „Edulier“. Nachdem sie das Mikrofon ergrifefn hat, ist sie eine Weile still. Ihre Lippen pressen sich zusammen, sie versucht, nicht zu weinen. Das neue „Edulier“-Zentrum setzt sich zum Ziel, die Kleinen zu unterstützen, ihre Schwierigkeiten beim Schreiben, Lesen, Lernen oder Rechnen zu überwinden. Die Zielgruppe besteht aus Kindern zwischen 3 und 14 Jahren. Eine wesentliche Rolle spielen Lernmethoden, die an Kinder mit Lernschwierigkeiten angepasst wurden, und Spezialisten.

Man will den Kindern helfen, indem zum ersten Mal alternative Lernmethoden sowie Therapie mit Tieren, digitale Interaktivität, Kunst- und Musiktherapie anwendet werden. Das neue „Edulier“-Zentrum soll der richtige Raum sein, wo Experten, Eltern und Lehrer lernen, wie man mit Kindern mit Lese- und Rechtschreibstörung (LRS) arbeitet. Jedes Jahr sollen 40 Kinder mit LRS unterstützt werden.  „Drei von 20 Kindern in einer Klasse haben eine spezifische Lernstörung in Rumänien. Die frühe Diagnose und ein Interventionsplan würden einen großen Unterschied machen – für das harmonievolle Aufwachsen des Kindes und seine Bildung als Erwachsener mit realen Entwicklungschancen im Vergleich zu einem Kind ohne LRS“, erklärte Ionescu.

Wie hilft man Kindern mit Lernschwierigkeiten?

Laut Studien erscheint Legasthenie bei 5 bis 12 Prozent der Kinder in der europäischen Bevölkerung. Seit Januar 2016 sieht das Gesetz vor, dass in der Grundschule Teste für die Evaluierung der Lernfähigkeiten der Kinder durchgeführt werden, damit die Lernstörungen möglichst früh diagnostiziert werden, angepasste Lehrmethoden angewendet werden und Therapie zur Verfügung gestellt wird. Zwischen Legasthenie und Intelligenz gäbe es keine Verbindung, die meisten Kinder mit Legasthenie scheinen in Bereichen wie Architektur, Ingenieurwesen oder Kunst zu brillieren. „Für die Kinder mit LRS ist die emotionale Wirkung der Störung sehr groß. Durch die Beseitigung des Stresses, durch Geduld und Konzentration kann man diese Störungen kontrollieren. Durch die Einführung  des ersten Saales für interaktives, digitales Lernen ins Zentrum möchten wir ein Modell für empfehlenswerte Vorgehensweisen fördern“, erklärte Ionescu.

Das vor Kurzem eröffnete Zentrum bietet zahlreiche Möglichkeiten für Kinder: Die Therapie mit Tieren sieht zum Beispiel vor, dass ein Tier in den Therapie- oder Lehrplan eingeführt wird. Der Umgang mit dem Tier soll eine positive Wirkung auf das Kind haben, wie die Verbesserung der sozialen Beziehungen, die Senkung des Stressniveaus, die Förderung der Geduld, emotionales Gleichgewicht u. a. Diese Art von Therapie soll die Aufholchancen auf 65 Prozent steigern. Vorbereitet wird auch eine Werkstatt für Kunsttherapie: So können die Kinder ihre Emotionen, Ängste und Wünsche unter der Koordinierung eines Psychologen ausdrücken, der die Kleinen ermutigt, das zu machen. Der interaktive, digitale Saal soll mit der Unterstützung einer multidisziplinären Mannschaft (Lehrer, Therapeut, Psychologe) benutzt werden. Auch die Eltern werden eingebunden und angeleitet. Hinzu kommt Musiktherapie, die den Stress, die Schmerzen und die negativen psychischen Zustände reduzieren und die Konzentrationsfähigkeit fördern soll. Weitere Informationen sind auf www.edulier.ro erhältlich.

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Was ist Legasthenie?

Legasthenie gilt als Entwicklungsstörung der Lese-Rechtschreib-Fertigkeiten bei normal entwickelter Intelligenz. Auch wenn Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche ebenso intelligent wie alle anderen sind, werden sie verspottet. Zu den Anzeichen der Legasthenie zählen u. a. häufige Fehler beim lauten Lesen oder Abschreiben, zahlreiche Selbstkorrekturen, langsames bzw. mühsames Erlesen von Wörtern, Verwechslung visuell ähnlicher Buchstaben und Verwechslung von Buchstaben, die ähnliche Laute repräsentieren, Auslassung von Buchstaben, verwaschene Artikulation, stockendes Sprechen, Wortschatzarmut, Wortfindungsstörungen, geringe auditive Merkfähigkeit, geringe visuelle Merkfähigkeit.


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