„Erstmals in einer Sachsenscheune ...“

Sechste Haferlandwoche im Zeichen des 100-jährigen Jubiläums eines vereinigten, modernen Rumäniens

Montag, 13. August 2018

Internationale Gäste: Peter Maffay, Bernd Fabritius, Cord Meier-Klodt, Norbert Kartmann, Hans Klemm.

Blasmusik nach dem Gottesdienst.

Kinder bemalen Holzkästchen mit sächsischen Bauernmöbel-Motiven.

Der Violinist Alexandru Tomescu begeistert mit Bach.
George Dumitriu

Erstmals seit fast 900 Jahren treffen sich in einer Sachsenscheune: eine rumänische Vizepremierministerin, ein sächsischer Bischofsvikar, ein Beauftragter der deutschen Bundesregierung, vier Botschafter, drei Unterstaatssekretäre, ein Konsul, Schauspieler, Philosophen und Schriftsteller. So beginnt der rumänische Botschafter in Berlin, Emil Hurezeanu, seine Rede. Humorig fragt er in die Runde: „Wer ist eigentlich nicht da?“  Es ist die sechste Haferlandwoche, deren Haupttag am 4. August in Deutsch-Kreuz/Criț feierlich begangen wird. Nicht nur, dass die Anzahl der beteiligten Gemeinden – mittlerweile sind es zehn, die sich vom 2. bis 6. August mit kulturellen Beiträgen, Brauchtum und traditionellem Handwerk vorstellten – mit fast jeder Ausgabe stieg. Auch die Strahlkraft der Haferlandwoche reicht längst über  Siebenbürgen hinaus. Nach Bukarest und Berlin schon lange – diesmal auch nach London und Washington.

Erstmals in einer Sachsenscheune... durfte Bernd Fabritius, Beauftragter der deutschen Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, die Grüße von Bundeskanzlerin Angela Merkel überbringen. „Das gab es bei der Haferlandwoche bisher noch nicht“, freut sich dieser. Grund zum Feiern bietet auch das hundertjährige Jubiläum Großrumäniens, in dessen Zeichen die diesjährige Haferlandwoche steht. Immerhin waren die Siebenbürger Sachsen die erste Minderheit, die sich 1918 für die Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien entschieden hatte. Doch die Geschichte endet nicht hier: Seither hat die deutsche Minderheit das Land entscheidend mitgeformt. Eine vorwärtsgerichtete, aktive Rolle bescheinigt ihr der deutsche Botschafter in Bukarest, Cord Meier-Klodt. Schirmherr der diesjährigen Haferlandwoche ist Hessens Landtagspräsident Norbert Kartmann. Bewegt bekennt er sich zu seinen Wurzeln, die nach Hetzeldorf/Ațel reichen: „Ich bin ein Siebenbürger Sachse!“

Ein Dorf im Ausnahmezustand

Während ein Teil der Ehrengäste, noch unterwegs, am eigenen Leib erfährt, dass es in Rumänien an Autobahnen mangelt ... Während im Kirchhof Kinder auf Strohballen Pinsel in Farbtöpfchen stecken, um  hölzerne Brettchen, Tabletts und Spiegel mit Bauernmalerei zu verzieren … Während sich unter gleißender Sonne Bläser, Trachtenträger und Tanzgruppen schwitzend formieren … Während die gewaltigen Klänge der Deutsch-Kreuzer Orgel das Kirchenschiff erfüllen und Bischofsvikar Daniel Zikeli auf die Kanzel steigt, die Kirche voll wie einst, lächelt Sofia Folberth in ihrer Bank, die sie schon als kleines Mädchen drückte, still vor sich hin. Was mag die 96-jährige Sächsin aus Deutsch-Kreuz von all dem Rummel halten? Längst ist sie daran gewöhnt! Prominent ist sie geworden, die „Fichentant“, seit sie vor acht Jahren aus Deutschland angereist war, in ihr altes Heimatdorf, und allein auf Knien den Bretterboden der Kirche schrubbte. Seither führt sie jeden Sommer Touristen durch die Burg. Seit letztem Jahr ist sie sogar Heldin in zwei Büchern, die die Michael Schmidt Stiftung herausgegeben hat. Beherzt wird auch sie an diesem Tag das Wort ergreifen, nach all den illustren Rednern – dem hessischen Landtagspräsidenten Kartmann, der rumänischen Vizepremierministerin und Umweltministerin Grațiela Gavrilescu, dem Beauftragten der deutschen Bundesregierung Bernd Fabritius, den rumänischen Botschaftern in Berlin und in London, Emil Hurezeanu und Dan Mihalache, dem deutschen und dem amerikanischen Botschafter in Bukarest, Cord Meier-Klodt und Hans Klemm, den Initiatoren der Haferlandwoche, Michael Schmidt und Peter Maffay. Und auf hölzernen Stühlen lauschen auch ihr:  Hermannstadts Bürgermeisterin Astrid Fodor, Präsidentenberater Andrei Moraru, die Unterstaatssekretärinnen Christiane Cosmatu (DRI) und Irina Cajal (Kulturministerium), die Schriftsteller Andrei Ple{u und Iris Wolff – letztere hatte die Gäste kurz davor mit einer Lesung aus ihrem jüngsten Roman „So tun, als ob es regnet“ bezaubert – und viele mehr.  Auch dies passiert wohl  erstmals in einer Sachsenscheune ...

Kulturprogramm

Mit Sinnsprüchen befasst sich die Ausstellung „Rosturi și rostiri“ (Sinn und Sprüche) im Nebenraum unter dem Bering, erstellt vom ASTRA-Museum in Hermannstadt. Ob auf Schürzen, Tischdecken oder Tüchern, die gestickten Leitsätze spiegeln das Empfinden und Denken der einfachen Dorfleute wider. Ihre Werte: Fleiß, Häuslichkeit, Glauben, Familie und Gemeinschaft. Paneele erzählen von der Bedeutung festgelegter Formeln, die zur Taufe, bei der Konfirmation, zur Brautwerbung oder  Beerdigung aufgesagt wurden.  Im Kirchhof zeigen Stände Beispiele lokalen Handwerks, dem Motto der diesjährigen Haferlandwoche: bestickte Ledermäntel, bemalte Möbel, kleine Holzarbeiten.

Nach dem Gottesdienst bezauberte der Kinderchor „Cantus Mundi“ des Kronstädter Nationalkollegs „Andrei [aguna“ mit einer gelungenen Melange aus fröhlichen und schwermütigen Stücken – ein Highlight das mehrstimmig gesungene Klagelied von Maria Tanăse, „Cine iubește si lasă“ (Wer liebt und verlässt). Von den akustischen Eigenschaften der Kirche profitierte auch Starviolinist Alexandru Tomescu, der sich vorgenommen hatte, die Stradivarius nach Deutsch-Kreuz zu bringen. Das Konzert „Bach to Basics“ endete mit Standing Ovations.

Bleibende Botschaften

Während in den übrigen Gemeinden, die an der Haferlandwoche teilnehmen – Arkeden/Archita, Radeln/Roadeș, Keisd/Saschiz, Hamruden/Homorod, Reps/Rupea, Meschendorf/Meșendorf, Klosdorf/Cloasterf, Bodendorf/Bunești und Deutsch-Weißkirch/Viscri – entspannte Gemütlichkeit vorherrscht, Freiwillige vor Kirchenburgen Hanklich verteilen oder Gulasch und Sarmale aus riesigen Töpfen ...  Während Pferdewägen Besucher auf holprigen Wegen durch die sanfte Hügellandschaft schunkeln, vorbei an blühenden Wiesen, Herden und schlammigen Büffellöchern ... Während Biker im Sportdress über geschotterte Dorfsträßchen rattern und man hier und dort bei einem Bierchen mit alten Bekannten zusammen hockt, ist der Tag von Deutsch-Kreuz stets jenen bestimmt, die die übergeordnete Botschaft der Haferlandwoche ins Bewusstsein der Menschen bringen. Was also bleibt?

Vom „Prinzip Haferland“ schwärmt Botschafter Cord Meier-Klodt: „Hier ist das Dorf der Nabel der Welt.“ Hier lebt das Erfolgsprinzip des rumänischen Tourismus: nicht Bettenburgen, im Sommer übervoll, im Winter ausgestorben, sondern „die individuelle Erfahrung gelebter Geschichte in überschaubarem Rahmen und naturverbunden.“ Was man von den Siebenbürger Sachsen lernen könne: „Auch bei Kontroversen zusammenfinden, das Interesse der Gemeinschaft im Blick – im Gegensatz zu ideologischer Erhöhung und Zuspitzung von Einzelinteressen.“

Das dörfliche Kulturerbe steht auch in der Rede von US-Botschafter Hans Klemm im Mittelpunkt: An drei Kirchenburgen wurde mit amerikanischen Geldern restauriert, altes Handwerk wiederbelebt und lokalen Kräften vermittelt. Man fördert Ökotourismus, Landwirtschaft und nachhaltige Unternehmen.

Fabritius bezeichnete die Haferlandwoche als „Fenster, um einen Blick auf Tradition, Brauchtum, Handwerk, Geschichtsverständnis und die integrative Wirkung der Siebenbürger Sachsen in ihrem Umfeld in Rumänien zu werfen.“ Werte, die auch der deutschen Bundesregierung wichtig seien, betont er. „Deshalb fördert sie die deutsche Minderheit jährlich mit über 2,2 Millionen Euro.“ Doch staatliche Förderung kann Selbstverantwortung nie ersetzen: Erst Stiftungen, Vereine und Initiativen von Privatpersonen multiplizieren die staatliche Verantwortung. Den Dank der Bundesregierung übermittelt er daher auch an die Stiftungen  von Michael Schmidt und Peter Maffay, die mit Infrastruktur- und Förderprojekten in Dörfern des Haferlands für die Minderheit der Roma Inklusionswirkung erzielten. An Gavrilescu richtete er die Worte: „Ich wünschte mir, Sie wären auch Ministerin für gesellschaftlichen Zusammenhalt – mit einem erweiterten Familienbegriff, der nationale Minderheiten und die Mehrheitsgesellschaft umfasst.“ Ähnlich hatte es Pfarrer Zikeli in seiner Predigt ausgedrückt: „Wir, unabhängig von Volkszugehörigkeit und Konfession, sind alle Teil des Familienbaums Gottes.“

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*