Erstmals nach 1989: Keine Palmsonntagsprozession zum Hohen Dom in Temeswar

Sportveranstaltung nahm keine Rücksicht auf katholische Gemeinschaft

Freitag, 30. März 2018

Die Weihe der Palmkätzchen durch Bischof Martin Roos geschah in diesem Jahr in der Sankt-Georgs-Kathedrale und nicht im Hof des Bischofspalais, wie das schon seit Jahren üblich war.

Ein Anblick, der von Respektlosigkeit zeugt: Die mobilen Toiletten wurden direkt an der Hauptfassade des Doms angebracht. Darauf angesprochen, bezeichnete Bürgermeister Robu die Organisatoren des Großsportevents als „bescheuert“.

Mülltonnen in der Seitenstraße des Doms. Ob es erlaubt sei, sie da anzubringen, das hatte keiner beim Bistum nachgefragt.
Fotos: Römisch-Katholisches Bistum Temeswar

Palmsonntag in Temeswar. Im Hof des römisch-katholischen Bistums, in der Augustin-Pacha-Straße Nr. 4, findet, seit vielen Jahren schon, die traditionelle Weihe der Palmkätzchen statt. Die Gläubigen wissen das und kommen kurz vor 10 Uhr an, um sich an der Zeremonie zu beteiligen. Anschließend begeben sie sich, in Prozession, zum Hohen Dom, wo der römisch-katholische Bischof Martin Roos das Hochamt zelebriert. Das Szenario, das Jahr für Jahr ähnlich abläuft, konnte heuer nicht wiederholt werden. Dies, weil die Straße, die vom Bischofspalais bis zur Sankt-Georgs-Kathedrale führt, gesperrt war. Der Grund: In der Innenstadt fand am Palmsonntag die groß angelegte Sportveranstaltung „SportGuru Timișoara 21k“ statt.

An der Palmsonntagsprozession, die der römisch-katholische Bischof anführt, beteiligen sich jedes Jahr Hunderte von Gläubigen, Priester, Ordensmänner und Schwestern aus der Stadt. Doch bis zu ihnen war in diesem Jahr die Information, dass die Prozession ausfällt, nicht durchgedrungen, denn die Straßen in unmittelbarer Nähe des Hohen Doms wurden erst am frühen Sonntagmorgen für Autos und Passanten gesperrt. Die traditionelle Palmsonntagsprozession konnte also nicht gehalten werden, dafür versammelten sich die Gläubigen im Hohen Dom – auf Umwegen gelangten sie dorthin, denn schließlich war das gesamte Areal zwischen der Augustin-Pacha-Straße, dem Domplatz und der Radu-Negru-Straße für die Sportveranstaltung bestimmt. „Die Bewohner der Gegend und speziell die Glaubensgemeinschaften wurden in diesem Zusammenhang nicht konsultiert. Leider war es das erste Mal nach Dezember 1989, dass die traditionelle Palmsonntagsprozession zum Hohen Dom nicht stattfinden konnte. Darüber hinaus wurde der Gottesdienst durch die Lautsprecher, die bei der Sportveranstaltung im Einsatz waren, stark beeinträchtigt“, schrieben die Vertreter der Römisch-Katholischen Diözese Temeswar auf ihrer Facebook-Seite. Einen weiteren Grund zur Empörung bereiteten die mobilen öffentlichen Toiletten, die an der Hauptfassade der Sankt-Georgs-Kathedrale angebracht waren. Auch die Mülltonnen, die in der Radu-Negru-Straße standen, boten keinen schönen Anblick. Für die Intention, Dixi-Klos und Mülltonnen am Dom anzubringen, wurde das Bistum nicht um Erlaubnis gefragt. Mehr noch: Während der Messe gingen Vertreter des Organisationsteams der Sportveranstaltung in die Sakristei der Kirche, um vehement darum zu bitten, die Glocken auszuschalten. „Das Bürgermeisteramt Temeswar sollte sich schämen, dass es die Ereignisse der Gemeinschaft nicht richtig verwalten kann“, schrieb eine Gläubige auf Facebook. Ähnliche Kommentare gaben auch andere Gläubige, die der Palmsonntagsmesse im Dom beiwohnten, von sich: „Nur soviel zur religiösen Toleranz und zum Respekt für die Sitten und Bräuche der Minderheiten, mit denen sich einst die Stadt Temeswar gerühmt hat (manche haben den Anspruch, sich immer noch damit zu rühmen)“. Dagmar Beate Boss, Rechtsanwältin beim Bistum Temeswar, brachte es in einem Brief an die ADZ-Redaktion auf den Punkt: „Hier soll unterstrichen sein, dass Temeswar nur deshalb den Titel ´Europäische Kulturhauptstadt´ erhalten hat, weil hier viele Nationalitäten zu Hause sind, viele Religionen gepflegt werden, vielerlei Schulen in verschiedenen Sprachen vorhanden sind und alles in einer ganz besonderen Harmonie stattfindet. Doch am Palmsonntag hat die Stadt bewiesen, dass sie diesen Titel nicht verdient“. Der gerade sanierte Freiheitsplatz, der leer dasteht, wäre besser für den Marathon geeignet gewesen, so die Rechtsanwältin weiter.

Dass das Bürgermeisteramt keine Rücksicht auf die Palmsonntagsprozession der Katholiken nahm, indem es eine Sportveranstaltung am selben Tag und am selben Ort genehmigte, ist peinlich. Schließlich ist in einem Reglement zur Veranstaltung von Handelsaktivitäten unter freiem Himmel, das auf der Internetseite des Bürgermeisteramtes steht, nachzulesen, dass die Stadt auf das Programm des serbisch-orthodoxen Vikariats und des römisch-katholischen Bistums Rücksicht nimmt. Während der Messen und religiösen Prozessionen dürfte, laut Regelung der Stadtverwaltung, keine Musik gespielt werden. Das rumänische Gesetz Nr. 422/2001 zum Schutz von historischen Denkmälern drückt es sogar deutlicher aus: Laut Art. 9 (5) dürfen in unmittelbarer Nähe von historischen Gebäuden, in denen Kirchen funktionieren, keine Veranstaltungen organisiert werden, die durch Lärm oder visuell die Gottesdienste beeinträchtigen. Dennoch dürfen – mit Einwilligung der Vertreter der Glaubensgemeinschaften – derartige Veranstaltung organisiert werden. Um Erlaubnis beim Römisch-Katholischen Bistum nachzufragen, daran hatte wohl keiner aus der Kommunalverwaltung oder aus dem Veranstalterteam des Großsportevents gedacht. Im Nachhinein meinte der Temeswarer Bürgermeister, Nicolae Robu, das Bistum hätte sich für die Palmsonntagsprozession eine Genehmigung vom Ausschuss für öffentliche Ordnung einholen müssen. „Die mangelhafte Kommunikation war an der ganzen Situation schuld. Unsere Beziehung zum Römisch-Katholischen Bistum ist exzellent und ich bin überzeugt, dass sie trotzdem so bleiben wird“, so Robu weiter.

Dass die Toiletten und die Mülltonnen direkt an der Domfassade angebracht wurden, ist dennoch bedauerlich und zeugt von Respektlosigkeit. Man bedenke nur eines: Bei Sport- oder Kulturveranstaltungen am Opernplatz wurden nie solche in der Nähe der Oper oder des Theaters angebracht. Der römisch-katholische Dom ist und bleibt das bedeutendste barocke historische Gebäude in Temeswar. Eine engere Zusammenarbeit und eine bessere Kommunikation zwischen der Kommunalverwaltung und der Römisch-Katholischen Diözese Temeswar ist entschieden notwendig, um ähnliche Episoden, die einen Schatten auf die multiethnische und multikulturelle Hauptstadt des Banats werfen, künftig zu vermeiden.

Kommentare zu diesem Artikel

Martin, 30.03 2018, 12:29
Temeswar als Kulturhauptstadt schein immer mehr eine Fehlentscheidung gewesen zu sein.
Aber dann kann man ja demnächst Sportveranstaltungen vor der "Catedrala Mântuirii Neamului Românesc" abhalten. Bravo!

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