„Erziehung ist ihre einzige Chance”

Die Stiftung Joyo unterstützt Kinder und Jugendliche aus armen Verhältnissen

Montag, 04. März 2013

Die Jugendlichen im Computerraum lernen, um ihren ECDL-Schein (ein europäisches Zertifikat zur Bedienung von PCs) zu erwerben.

Die Kinder im Florian-Haus haben ihre Hausaufgaben geschrieben und malen.

So sehen beispielsweise die Häuser aus, in denen die Kinder und Jugendlichen leben, die von der Stiftung Joyo unterstützt werden. Fotos: die Verfasserin (2), Fundaţia Joyo (1)

Laurenţiu ist ein 19-jähriger Junge mit buschigen Augenbraunen und einer traurigen Miene. Er horcht aufmerksam auf, als die Leiterin des Hauses, in dem wir uns befinden, über den Computerkurs spricht, an dem er und ein paar andere Jugendliche teilnehmen. Brav sitzt er vor dem Computer und wirft ab und zu einen milden Blick auf die Frau. Für sie gilt er als positives Beispiel – er nimmt gerade auch an einem Kurs für Kellner teil, um dessen Kosten er sich keine Sorgen machen muss. Seit vier Jahren besucht Laurenţiu das Florian-Haus der Stiftung Joyo in Bukarest und letzten Sommer hat er sogar die achte Klasse abgeschlossen. Hier wird alles für ihn besorgt – die Erziehung, das Essen und der Transport hin und zurück. All das, damit er selbstständig wird und seinen eigenen Weg gehen kann, erklärt Adriana Constantinescu, Leiterin des Hauses und Gründungsmitglied der Stiftung Joyo.

Als die Leiterin die Teilnehmer im Computerraum vorstellt, nähert sich EDV-Lehrerin Ileana einem Jugendlichen, um ihm etwas zu erklären. Ferdi ist 16 Jahre alt und zurzeit in der siebten Klasse. Ferdi hat vor Jahren die Schule verlassen und soll wieder integriert werden. Seit zwei Jahren kommt er täglich aus Mihăileşti, Kreis Giurgiu, ins Florian-Haus. Ileana geht durchs Zimmer von einem Jungen zum nächsten. In der anderen Ecke sitzt Marius, der auch fast 16 Jahre alt ist und vor fünf Jahren weder lesen noch schreiben konnte. Er stammt aus einer armen Familie und hat zehn Geschwister. Das sind nur ein paar der Jugendlichen, mit denen im Rahmen der Stiftung gearbeitet wird. Etwa die Hälfte der Kinder, die das Florian-Haus besuchen, stammen aus Roma-Familien. „Die Kinder sind sehr intelligent und talentiert und haben viel Potenzial”, verdeutlicht die Leiterin später in ihrem Büro.

Im Florian-Haus werden ungefähr 60 Kinder betreut. Das Haus ist nicht groß und jedes Plätzchen wird bestmöglichst genutzt: Im Erdgeschoss befinden sich eine Küche und der Multimediasaal, wo gerade eine Powerpoint-Präsentation zum Thema sexuelle Aufklärung gezeigt wird. Es gibt noch zwei andere, kleinere Räume für Kinder: In einem wird gerade in Ruhe an den Hausaufgaben gearbeitet und im anderen wurden die Hausaufgaben schon beendet – eine Gruppe macht gerade ein Quiz über die rumänischen Kreise und die andere Gruppe malt. Im ersten Stock findet ein Kunstkurs statt, tief konzentrierte Mädchen verschiedenen Alters sitzen an einem Tisch, der mit allerlei bunten Papieren völlig bedeckt ist. Unter den Mädchen befindet sich auch Georgeta, eine 16-Jährige aus einer Familie mit einem Elternteil, vom Vater wurden sie verlassen. Georgeta hat vor Kurzem den Großen Preis des Zeichenwettbewerbs gewonnen, der von der deutschen Botschaft und Romfilatelia organisiert wurde. Zusammen mit ihrer Mutter wird sie ein Wochenende in Berlin verbringen. Die weißen Treppen führen weiter zur Mansarde, wo es das Beratungszimmer (für Kinder, aber auch deren Eltern) und das Büro der Leiterin gibt, da hier keine Räume für Kinder ausgestattet werden durften. Der Lesesaal ist etwas schwieriger zu erreichen, wurde aber sehr modern eingerichtet.

Die Aufgaben der Stiftung Joyo

Die Stiftung Joyo wurde vor zehn Jahren gegründet. Seither unterstützte sie mehr als 3000 Menschen. Gegründet wurde sie von drei Mitgliedern der Schweizer Familie Ebbecke, einer ebenfalls aus der Schweiz stammenden Ärztin, Juliane Neuss, sowie von Adriana Constantinescu aus Rumänien. Die Ebbeckes hatten ein paar Jahre zuvor einen Sohn namens Joyo verloren. Nachdem sie in Zürich eine Fotoausstellung über die Straßenkinder in Rumänien gesehen hatten, wollten sie unbedingt etwas tun, um diesen zu helfen. Danach folgte eine Reise nach Rumänien. Die späteren Gründer wollte die Lage der benachteiligten Kinder kennenlernen und besuchten verschiedene Nichtregierungsorganisationen und staatliche Institutionen. Damals konnten sie vor Ort sehen, wie viele Straßenkinder es gab und wie viele davon drogensüchtig waren: Zu sehen waren sie an Straßenkreuzungen, manchmal mit ihren ganzen Familien.

Daraufhin haben sie entschieden, ein soziales Projekt ins Leben zu rufen. Der nächste Schritt war, ein Sozialzentrum entstehen zu lassen, das bei null anfangen mußte: Anfangs gab es kein Geld und auch keine Infrastruktur. Man fand jedoch ein relativ kleines Haus, in dem für 20 Kinder gesorgt werden konnte, mit der Unterstützung von Freunden wurde Geld gesammelt. Die Stiftung konnte sich Jahre später ein größeres Haus leisten, in welchem zurzeit drei mal mehr Kinder ihren Alltag verbringen können. Die meisten Kinder stammen aus Familien mit einem einzigen Elternteil. Natürlich gibt es viel mehr alleinerziehende Mütter als Väter, die im Florian-Haus Beratung bekommen. Die Eltern sind arbeitslos oder arbeiten nur gelegentlich. Prioritär ist für sie das Überleben, Erziehung und Schule kommen in der Hierarchie der Bedürfnisse nicht unbedingt vor, da die Eltern selbst nicht ausgebildet sind und keinen Wert auf Erziehung legen, erklärt Adriana Constantinescu.

Die Stiftung kümmert sich um Kinder in allen Altersgruppen. Die Kinder im Vorschulalter ins Florian-Haus aufzunehmen, wäre jedoch zu kompliziert, denn dafür braucht man bestimmte staatliche Genehmigungen. Deshalb ist es einfacher, die Kosten für die Kindergartenbetreuung zu übernehmen. Wenn Firmen Lebensmittel, Kleidung oder Windeln spenden, dann werden sie an die Bedürftigen weitergegeben. Für die Älteren werden im Haus „in erster Linie Erziehung und Sicherheit garantiert, so wie in einer großen Familie”, meint die Hausleiterin. Die Stiftung organisiert zwei Hauptprojekte für die Kinder: Sie sollen einerseits davon abgehalten werden, die Schule zu verlassen, andererseits gibt es Integrationsprogramme für diejenigen, die bereits die Schule abgebrochen haben.

„Diese Kinder sollen verstehen, dass Erziehung ihre einzige Chance ist. Wir versuchen einen Weg zu finden, sie zu befähigen, alleine im Leben erfolgreich zu sein. Wichtig ist, dass diese Kinder und ihre Familien in geordneten Verhältnissen leben,” verdeutlicht Frau Constantinescu. Die Kinder kommen vor oder nach der Schule hierher, machen ihre Hausaufgaben, bereiten sich auf die Schule vor (meistens in den Fächern Mathematik, Rumänisch, Geschichte, Geografie, Englisch) und essen zu Mittag, „denn mit leerem Magen kann man nicht lernen”. Nachmittags nehmen sie an verschiedenen erzieherischen Aktivitäten teil. Es gibt einen EDV-Kurs, Gruppentreffen, Gespräche mit dem Psychologen, Lesungen oder Werkstätten. Die größeren gehen manchmal ins Kino und schauen sich Filme an. Für die Kinder werden an Wochentagen Aktivitäten im Haus geplant. „Wir feiern mit ihnen Geburtstage und manchmal bereiten sie eine Ausstellung oder einen Basar vor”, fügt die Leiterin des Hauses hinzu.

Die Schulabbrecher sollen auch nachholen: An jedem Wochentag haben sie Nachhilfeunterricht im Florian-Haus und am Wochenende besuchen sie die Schule, damit sie die achte Klasse abschließen können. Die Hilfskräfte der Stiftung versuchen, den Unterricht, der an den zwei Vormittagen des Wochenendes von den Schülern besucht wird, um verlorene Lehrinhalte zu ergänzen. Einigen der Kinder fällt es schwer, Schritt zu halten: Sie haben lange auf der Straße, fern von jedem Erziehungssystem gelebt. „Da gelten andere Regeln, der Überlebenskampf ist hart. Deshalb litt ihre geistige Entwicklung und ihr Benehmen war asozial”, erklärt Frau Constantinescu. Der Schulabschluss ist nicht der einzige Grund, warum sich die Kinder Mühe geben. Motiviert werden sie auch durch eine Belohnung, die sich ihre Eltern nicht leisten könnten: Jeden Sommer fahren hundert Kinder in ein sechstägiges Sommerferienlager.

Die Stiftung führt auch ein Projekt gegen Schulabbruch in Zusammenarbeit mit den Bukarester Lokalbehörden durch. Treffen mit Schülern, bei denen ein großes Risiko besteht, dass sie die Schule verlassen, werden in Schulen organisiert. Dort treffen sie auf Jugendliche, die den Schulabbruch hinter sich haben. Sie erzählen den anderen, wie es sich anfühlt, wenn man vor dem Nichts steht und keine Perspektiven oder Chancen hat. Zugleich gelten diese Jugendlichen auch als gute Beispiele, sie haben es geschafft, Jahre später die Schule trotzdem abzuschließen und in einem Beruf zu stehen. Sie sollen den Kindern zeigen, dass es ohne Schule nicht geht. „Im Leben macht man nicht nur das, was einem gefällt, sondern was notwendig ist”, meint die Leiterin des Florian-Hauses. „Manche haben ihre erste Arbeitsstelle verloren, aber sie waren sehr gut erzogen und haben danach eine andere gefunden, sie faulenzen nicht. Unser Zweck ist nicht, die Jugendlichen nur für einen bestimmten Beruf auszubilden, sondern sie für die Arbeit vorzubereiten”, gibt sie zu verstehen. Die Kinder sollen bereit sein, sich neu zu orientieren, wenn der Fall des Verlustes der Arbeitsstelle eintritt. Sie sollen jede Art von Arbeit respektieren, auch wenn sie dafür überqualifiziert sind. Es ist notwendig, dass sie ein anständiges Leben führen, meint Adriana Constantinescu.

Die ständige Suche nach Sponsoren

Die finanzielle Unterstützung kommt hauptsächlich von Joyo-Vereinen in der Schweiz und in Deutschland. Aber das reicht nicht aus. Auch die Organisation „United Way” finanziert die Joyo-Stiftung in Rumänien. „Seit ein paar Jahren bekommen wir auch eine Finanzierung vom Arbeitsministerium. Das gilt als Anerkennung der qualitativen sozialen Dienste, die wir leisten”, sagt Adriana Constantinescu. Unterstützung kam auch seitens der deutschen und der schweizerischen Botschaften. „Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Sponsoren und für europäische Gelder brauchen wir Partner, da wir eine mittelgroße Organisation sind. Mit der Bürokratie kann man sehr viel Zeit verschwenden und wir sind eine Organisation, die Auge in Auge mit den Leistungsempfängern arbeitet. Diese Zeit schenken wir besser den Kindern”, verdeutlicht sie. Die Joyo-Stiftung hat sich seit der Gründung ständig entwickelt. Aus dem Wunsch heraus, mehreren Kindern und Jugendlichen zu helfen, versucht sie auch, ein größeres Gebäude für das Zentrum zu finden.

Es ist eine Arbeit, die reich belohnt wird. Am anderen Ende der Bemühungen der Hilfskräfte bei Joyo stehen Menschen, die sich verändert haben: Ein Abschlusszeugnis der achten Klasse haben sie in der Tasche, dazu haben sie noch einen Qualifikationskurs abgeschlossen, damit sie eine erste Arbeitsstelle finden können. Wünscht man sich mehr als das, dann kann man ein Lyzeum besuchen, später sogar an einer Fakultät studieren. Wir bereiten sie hauptsächlich darauf vor, ihren Lebensunterhalt auf eine korrekte Weise zu verdienen”, erklärt die Leiterin des Florian-Hauses.

Ausgebildet wurde Frau Constantinescu als Psychologin und als Pädagogin. Mit ihrer Rolle ist sie sehr zufrieden. „Es ist das, was ich mir wünschte: Mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Jedes einzelne Kind ist eine Herausforderung”, erläutert sie. Zugleich bedeutet diese Rolle auch eine sehr große Verantwortung – dass man immer wieder Gelder findet, die nötig für die Weiterführung der Projekte sind. „Man kann den Kindern nicht einfach sagen ‘Geht nach Hause. Es gibt kein Geld mehr’. Wenn es finanziell nicht so gut läuft, dann spielen wir mit den Kindern und werden dadurch wieder motiviert, weiterzumachen. Mit den anderen Schwierigkeiten können wir uns zurechtfinden. Wenn Kinder ihre Hausaufgaben nicht machen wollen, dann wissen wir, was wir machen können, aber die Sponsoren können wir nicht beeinflussen”, erklärt sie. 

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