„Es fehlt an Solidarität“

Der Verein ARCEN kämpft um Bukarest, Bildung und Kultur

Mittwoch, 13. August 2014

Edmond Niculuşcă

Die Spaziergänge „Mit dem Stock durch Bukarest“ erfreuen sich offensichtlich großer Beliebtheit.
Fotos: ARCEN

Mit Fliegen. Mit Fernbedienungen. Mit Büchern und Lesungen, Debatten und Stadtrundgängen. Mit Ausstellungen und literarischen Treffen. ARCEN kämpft sich seit Jahren durch Unregelmäßigkeiten und Probleme in der rumänischen Kulturszene. Für die Bildung und Kultur hierzulande. Für die Denkmäler in Bukarest. Für Solidarität und die Veränderung der Mentalität. Über Schwächen in der Gesellschaft und die daraus resultierenden Probleme, sowie die Werte und Ziele des Vereins, sprach ARCEN-Leiter Edmond Niculuşcă mit ADZ-Redakteurin Aida I v a n.

Herr Niculuşcă, seit wann gibt es ARCEN?

Unter diesem Namen gibt es den Verein seit 2010, seit wir – diejenigen, die wir uns das Projekt ausgedacht haben – einen Verein leiten dürfen. Die Idee kam uns im Jahre 2006, als Rumänien noch nicht Teil der EU war. Zwei Kollegen und ich haben daran gedacht, uns in einem Verein für die Werte einzusetzen, die uns wichtig schienen: Kultur und Normalität.

Was bedeutet das überhaupt – Normalität?

Alle fragen das! Im Jahr 2006 war es noch ein ungewöhnliches Konzept, jetzt allerdings nicht mehr. Wir beziehen uns auf die kulturelle Normalität, das heißt, auf eine Gesellschaft, in der Werte eine natürliche Hierarchie haben; eine Gesellschaft, in der Institutionen die Bürger repräsentieren und die Bürger sich von diesen geschützt fühlen; eine Gesellschaft, in der Menschen konfliktfrei miteinander sprechen können. Alle unsere Projekte gehören zur Normalität. Normalität heißt nicht Mittelmäßigkeit oder die Norm der Mehrheit. Die Wahrheit, die Gerechtigkeit, das Gute und das Schöne – das sind universelle Werte. Normalität kann durch Kultur und Bildung erreicht werden. ARCEN glaubt, dass die rumänische Gesellschaft zwei Schwächen hat – Kultur und Bildung. Langfristig wird dies auch so bleiben. Denn solange diese beiden Bereiche nicht ernst genommen werden, werden wir große Probleme haben. Kultur und Bildung sind unterfinanziert. Bildung wurde nicht wirklich reformiert, auch wenn es seit 20 Jahren versucht wird. Erwähnen wir den Bereich der Kultur, haben wir es mit Institutionen zu tun, die entweder abgeschafft oder politisiert wurden.

Warum funktionieren diese beiden Systeme nicht so wie sie sollen?

Ich beginne mit dem kulturellen Bereich: der Vernichtung des Rumänischen Kulturinstituts (ICR)! In sechs Jahren wurde mit diesem eine Institution aufgebaut, die eine Vision, eine Organisationsform und dazu ziemlich wichtige Erfolge auf dem europäischen Kulturmarkt hatte. Sie förderte Menschen, die wertvoll durch ihre Werke waren. Dann wurde das ICR in etwas Anderes umgestaltet... Doch die Förderung nur etablierter Künstler ist ein Fehler: Kultur ist etwas Lebendes und Freies – man muss nicht die ganze Zeit dieselben Namen und Werke ans Licht bringen. Das aber ist die Rolle des ICR jetzt. Da haben eine ganze Menge wertvoller Menschen einfach keinen Platz mehr...

Und wie ist die Situation im anderen Bereich?

Die Bildung. Ich gehe von einer persönlichen Erfahrung aus: Ich bin schon bei meinem Zweitstudium und habe nicht das Gefühl, in einem universitären Umfeld zu sein. Nicht vom Gesichtspunkt der Strenge oder von dem meiner unvorbereiteten Kommilitonen. Die Menschen kommen nicht in die Uni, um Kenntnisse zu erwerben, die sie weiter vertiefen. Die Fakultäten sind zu Einrichtungen verkommen, wo Geld gesammelt wird. Es ist leider ein Geschäft. Die Qualität ist, meiner Meinung nach, eine der letzten Prioritäten. Ich glaube, man sollte an einer Fakultät die grundlegenden Werte der Menschheit erwerben. Danach sollte man weiter forschen und das ganze Leben lang studieren. Ich bin ein wenig empört.

Was war der Auslöser für die Gründung des Vereins?

Die Unzufriedenheiten ein paar junger Leute, die denken, dass all das, was geschieht, nicht in Ordnung ist. Wir hatten den Eindruck, dass man keine Rücksicht auf uns nimmt. Wir glaubten, eine Veränderung herbeiführen zu können. Wir haben noch Vertrauen, dass unsere Generation bestimmte Dinge verändern kann. Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Im Jahre 1918 wurde ein politischer Vertrag unterzeichnet. Die Generation der Zwischenkriegszeit verstand, dass sie keine politischen Pflichten mehr hätte, im Gegensatz zu ihren Vorfahren. Denn das politische Projekt war in Erfüllung gegangen - die Menschen mussten also eine neue Mission finden. Und haben sich gedacht, dass diese im kulturellen Bereich liegen sollte. 1989 passiert fast dasselbe: Wir sind nicht mehr in der Pflicht, gegen ein totalitäres Regime zu kämpfen, so wie die Generation unserer Eltern. Die politischen Ideale sind in Erfüllung gegangen, wir sind Mitglieder der EU, der NATO, es gibt keine Kriege in der EU – wir können uns also eine andere Mission suchen. 1989 wäre es daher nur natürlich gewesen, das 1948 plötzlich Unterbrochene wieder aufzunehmen. Doch dazu bräuchten wir Solidarität. Wir, die um 1989 geboren wurden, wurden in Freiheit ausgebildet und ich glaube, wir sollten davon profitieren.

Kommen wir zur Solidarität zurück. Was ist mit ihr passiert? Wo ist sie?

Schwer zu sagen. Sie ist nicht da. Was im Herbst 2013 passierte, ist ein Beispiel für Solidarität – wir beziehen uns auf die Proteste für Roşia Montană. Das ist aber schnell vorbeigegangen. Es war jedoch eine begeisterte Solidarität: Menschen mit verschiedenen Ideen und Zielen haben sich um eine Idee versammelt, um die Rettung von Roşia Montană. Auch wenn es dem Einzelnen um unterschiedliche Aspekte ging: die Rettung der Umwelt, des Kulturerbes oder anderer Dinge, die mit Politik und Wirtschaft verbunden sind.

War das nur eine Episode?

Die Menschen sind nicht lange genug solidarisch geblieben, um eine Lösung zu finden. Siegen würde bedeuten, zusammenzubleiben und eine nachhaltige Lösung zu finden. An Solidarität mangelt es auch im Bereich der Rettung des historischen Kulturerbes in Bukarest, das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

Worin besteht diese Erfahrung?

Wir versuchen durch unsere Projekte für Bukarest Mentalitäten zu verändern, aber das dauert lange und die Zeit drängt, denn viele Gebäude in Bukarest werden abgerissen. Die Krise hat allerdings manche dieser Projekte gestoppt.
Als wir die Şcoala Centrală 2008 gerettet haben, gab es nur drei Menschen, die die Aufmerksamkeit der Presse darauf fokussiert haben. Es gab keine  Unterstützung seitens der Schulleitung, nur ein paar Lehrer, die uns geholfen haben. Dabei geht es um ein historisches Denkmal von Ion Mincu. Deshalb versuchen wir, den Menschen zu zeigen, dass die Stadt faszinierend ist. Manche werden auf diese Weise aufgeschlossener gegenüber der Geschichte von Bukarest.
 
Welche sind die Schwierigkeiten, mit denen ARCEN sonst konfrontiert wurde?

ARCEN versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass sehr viele Gebäude abgerissen werden. In der Hauptstadt befinden sich Bauten mit historischem, kulturellem und touristischem Potenzial. Sie belegen insgesamt 14,6 Prozent der bebauten Fläche. In den offiziellen Listen sind ungefähr 2600 Gebäude eingetragen. Hier gibt es jedoch noch ein anderes Problem: Nicht alle Denkmäler sind auf diesen Listen. Wenn ein Gebäude abgerissen wird, das nicht auf der Liste ist, dann weiß keiner, dass ein wertvoller Bau verloren wurde. Und es gibt niemanden, der sich um das Problem kümmert. Wir haben unlängst erfahren, dass es eine einzige Person beim Bürgermeisteramt gibt, die sich mit diesen Gebäuden beschäftigt. In diesem Moment, in dem wir im Cişmigiu-Park sprechen, werden mehrere Projekte vorbereitet.

Es geht in einem um eine Immobilie aus den 20er Jahren, in einem anderen um ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert auf der Maria-Rosetti-Straße, aber auch um das Ştirbei-Schloss, neben dem ein Einkaufszentrum errichtet werden soll. Der Ştirbei-Palast wurde 1848 in einem Brief als „schönstes Haus in Bukarest“ erwähnt. Ich bin neugierig, ob die Menschen, die im Garten hinter dem Ştirbei-Palast ihre Zeit verbringen, protestieren werden. So wie nicht allzu viele Menschen um das Bukarester Literaturmuseum demonstriert haben: Wir haben „Requiem für das Museum“ im Juni organisiert. Nach unseren Zahlen glaube ich, dass wir ungefähr 200 Leute waren. Sehr wenig. Das Literaturmuseum hat kein Publikum, kein klares Image, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass es ein wertvolles Kulturerbe in diesem Museum gibt.  

Was ist mit den Gebäuden, die im Rahmen der von ARCEN organisierten Stadtrundgänge präsentiert werden? Wieso werden diese dem Publikum gezeigt und nicht andere?

Unsere Projekte gehören teilweise zur Sozialkunde. Sie sind eine Einladung zu sehen, was gewesen ist, was passiert und was sein könnte. Wir haben Rundgänge in Flămânda und Mătăsari organisiert – Stadtrandviertel, die wir als Identitätsinseln der Stadt betrachten. Das sind Zonen mit Potenzial, die von chaotischen Entwicklungen in der Stadt gefährdet werden. Sie wurden nicht mehr gepflegt. Wir wollen den Bukarestern auch diese interessante Seite der Stadt zeigen, die mit einem gewissen Lebensstil verbunden ist. Wir wollen zeigen, was die Stadtrandviertel im 19. Jahrhundert bedeuteten und was sie heute sind. Das sind isolierte Zonen, die einen bestimmten Charme und eine sehr reichhaltige Geschichte haben. Und diese werden verschwinden, dadurch wird auch die Identität der Stadt Bukarest verändert. Die anderen Stadtrundgänge, unter dem Titel „Mit dem Stock durch Bukarest“, beginnen neben dem Capşa-Haus und führen auf die Straße Constantin Mille (vormals Sărindar), wo sich das Zentrum der Presse in der Zwischenkriegszeit befand.

Hier zeigen wir den Adevărul-Palast, den ersten Redaktionspalast, der nach dem Modell von „Le Figaro“ in Paris errichtet wurde. Die Straße ist jetzt leer, der Palast sieht sehr schlecht aus und hat keine Fassade mehr. Auch der Cişmigiu-Park sieht nicht mehr wie früher aus. Danach betrachten wir das Bürgermeisteramt. Wir zeigen verschiedene Zonen, damit die Bukarester über ihr eigenes Leben in der Stadt nachdenken. Direkt sagen tun wir nichts. Heuer beginnen wir auch mit Führungen entlang der Calea Victoriei. Alle Denkmäler aus dem diesjährigen Rundgang haben ein bestimmtes Problem – man weiß nicht, was mit ihnen passiert: die Weiße Kirche, der Stirbei-Palast, die Amzei-Kirche, das Haus von Miţa Biciclista (Miţa, die Radfahrerin), das ehemalige Museum der Rumänischen Literatur und das Institut für Archäologie...

Was wurde bis jetzt verändert?

Ich weiß nicht, ob wir damit zu tun haben, aber im Jahre 2010 gab es nicht so viele Projekte, die der Stadt gewidmet waren. Vielleicht wurden die anderen durch uns ermutigt, etwas zu machen. Vielleicht wird in ein paar Jahren eine Bewegung gegründet, damit eine Lösung für die Stadt gefunden wird. Die derzeitigen Resultate sind aber offensichtlich noch minimal. Es gibt ein paar Vereine, die versuchen, Bukarest zu retten, indem sie Immobilienfirmen verklagen. Die ARCEN-Projekte haben auch Bukarest im Visier, aber eher die Entwicklung einer Gemeinschaft und bestimmter Beziehungen unter den Mitgliedern dieser Gemeinschaft.

Was ist Ihr Eindruck nach den Protesten mit Fliegen und Fernbedienungen und dem „Requiem für das Museum“?

Denken wir nur an das unmittelbare Ziel der Proteste, dann wissen wir, dass alle gescheitert sind. Aber die Tatsache, dass sich vor dem Rumänischen Kulturinstitut 1000 bis 2000 qualitätsvolle Menschen versammelt haben, ist bereits wichtig. An der Rettung von TVR Cultural haben nicht so viele Leute teilgenommen.

Hoffte der Verein, dass diese Probleme gelöst würden?

Beim Rumänischen Kulturinstitut hatten wir tatsächlich Hoffnung – leider vergeblich. Es war aber gut, dass es Druck gab und die Dinge debattiert wurden. Da gab es reale, authentische Diskussionen. Es wurde ein paar Tage lang diskutiert. Vielleicht hätte man ja länger darüber gesprochen, wenn damals die bekannte Festnahme von Adrian Năstase in der Zambaccian-Straße nicht stattgefunden hätte...

Was ist mit dem Literaturmuseum passiert?

Da gab es keine Debatten, denn sehr wenige Leute wissen, dass es überhaupt eines gibt. Das Museum ist auch schuld daran, nicht nur das Bürgermeisteramt. Es gibt mehrere Museumsdirektoren, die zwölf Jahre nach der Rückerstattung des Gebäudes nichts gemacht haben.

Welche sind die zukünftigen Projekte Ihres Vereins?

Wir wollen Geld sammeln und kostenlose Apps mit den Bukarest-Rundgängen veröffentlichen, die bisher organisiert wurden. Die Rundgänge werden in mehrere Sprachen übersetzt, das Projekt kostet zwischen 80.000 und 100.000 Euro. Wir möchten auch eine Web-Seite mit Studien und Interviews über Bukarest machen. Auf dem Programm stehen zudem Vorträge über Bukarest, um die Leute zu „verführen“, ihre Mentalität gegenüber der Stadt zu verändern. Veranstaltet werden zudem Debatten über die rumänische Bildung, mit Bildungsministern, Professoren und Lehrern, Vertretern verschiedener Institutionen und Studenten. Ein ununterbrochener Dialog soll entstehen, damit Lösungen gefunden werden. Außerdem sind heuer 70 Jahre vergangen, seitdem das Tagebuch von Anne Frank beendet wurde, auch aus diesem Anlass veranstaltet ARCEN ein Event.

Vielen Dank für die Ausführungen.

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