Es geht um Nachwuchs

Wort des Ehrenvorsitzenden Prof. Dr. Paul Philippi auf der Vertreterversammlung des DFDR am 15. April 2016 in Hermannstadt

Mittwoch, 20. April 2016

Zum Eröffnungswort aufgefordert, komme ich heute auf das zurück, wozu ich Euch im November schon aufgefordert habe: Wir sollten verstärkt „über Nachwuchs nachdenken“. Das will ich heute ein wenig weiterführen und zuspitzen: Wir sollten „um Nachwuchs werben“! Wir sind im Forum zurzeit noch gut aufgestellt: Die Leitungsmannschaft unserer Foren ist mit Personen der ersten und zweiten Generation besetzt. Die nicht ganz einfache Verwaltung unserer Organisation läuft kontrolliert und ordentlich. Wir sind im Parlament effizient vertreten. Von unserm Potenzial haben wir sogar etwas nach Cotroceni abgeben können. Aber wo sind bei uns im Forum die Reserven im zweiten Glied? Nämlich vorbereitete Reserven, die morgen antreten können, wenn im ersten Glied ein Wechsel nötig wird; wo sind sie? Hier klafft, scheint mir, eine Lücke. Es gibt freilich auch erfreuliche Beispiele, nämlich Foren, in denen schon die dritte Generation das Steuer in die Hand genommen hat und mit der Wahrung von Kontinuität auch das Aussenden neuer Impulse verbindet. Auch sonst gibt es erfreuliche Aspekte für die Zukunft: Die Zusammenarbeit mit den Heimatortsgemeinschaften unserer Ausgewanderten ist intensiver geworden. Die HOGs arbeiten an unseren Belangen stärker mit als früher.

Die Gemeinsamkeit unter uns ist weiträumiger geworden. Freilich, auch die Gefährdung unseres Kulturerbes ist größer geworden. Der Einsturz der Kirchtürme von Radeln und Rothbach hat Symbolkraft: Er hat gezeigt, wie bedroht unser Erbe im Ganzen ist und dass die bloße Berufung auf eine große Vergangenheit allein nicht auch Zukunft verbürgt. Aber der Schock, den diese Ereignisse ausgelöst haben, hat auch spontane Hilfsbereitschaft über die Grenzen hinaus wachsen lassen: Die Gemeinschaften der Ausgewanderten kehren ihre Blicke verstärkt zu uns Verbliebenen. Sie spüren, dass wir hier Lebenden nicht nur das Motiv für sie darstellen, „hier unten“ Hilfe zu leisten, sondern dass unsere gemeinschaftliche Existenz hier in Rumänien auch eine Legitimation ist für ihr Leben dort. Und nun zeigt sich auch der rumänische Staat bereit, unser Kulturerbe als auch sein Kulturgut anzusehen, nämlich als deutsches Kulturerbe, das zu Rumänien gehört, das als solches auch gewertet wird und erhalten werden soll. Das ist ein beachtlicher Schritt. Wir sollten ihn als solchen registrieren. Gewiss, es gibt im Untergrund auch nationalistische Gegenströmungen, auf die wir achten müssen. Aber unser Staat und seine Zivilgesellschaft bieten uns heute Entfaltungsmöglichkeiten, die besser sind als sie es je zuvor waren: Wir sind eine wohlgelittene, eine beachtete und geschätzte Minderheit.

Trübsal zu blasen, wäre verkehrt. Das Gegenteil ist angezeigt. Wir sollten unsere  Chancen entdecken und den Nachwuchs, den wir nach 1990 exportiert haben, ermutigen, sich wieder hier in der Heimat zu engagieren, ja zu integrieren. Wohl auch als Unternehmer, der seine privatwirtschaftlichen Chancen entdeckt, aber auch als Teilhaber der verbundenen und verbindlichen Gemeinschaft, die wir als Banater und Sathmarer Schwaben und als Siebenbürger Sachsen kollektive Bausteine Rumäniens nicht nur waren, sondern auch bleiben wollen. Wir sollten unsern Nachwuchs in erweitertem Rahmen suchen und ihn einladen, jetzt bei uns mitzuarbeiten. Mitteleuropa plagt sich heute mit der Flüchtlingskrise. Dort kommen zu viele in bereits übervölkerte Länder. Bei uns klagt man über entleerte Dörfer und über ungenutztes Potenzial. Ich denke, wir stehen zeitgeschichtlich an einem Wendepunkt, an dem sich weiträumig neue Entscheidungen anbahnen. Wer jetzt verschläft, verpasst das Angebot. Jetzt ist, glaube ich, der Moment, der KAIROS, an dem wir uns auch in der Frage nach unserm Nachwuchs einen Ruck geben sollten.

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