„Es ist die Einstiegsdroge“

Interview mit Jonas Bolle, Poetry Slammer aus Stuttgart

Mittwoch, 10. Dezember 2014

„Das ist bei ganz vielen Poetry Slammern so: Sie fangen mit Poetry Slam an und schreiben dann Romane, veröffentlichen Gedichtbände oder sie schreiben Theaterstücke.“ - Der Poetry Slammer Jonas Bolle.
Foto: Der Verfasser

In Deutschland ist Poetry Slam inzwischen eine ganz große Sache. Nun scheinen sich auch Temeswarer von diesem Virus anstecken zu lassen. Das Deutsche Kulturzentrum Temeswars veranstaltete im Frühjahr mehrere Poetry Slams in einer Lokalkneipe und Ende November organisierte die ifa-Regionalkoordinatorin Monica Kovats eine Poetry Slam-Werkstatt für Jugendliche aus dem ganzen Land. Dafür holte sie sich einen Experten aus einer der Hochburgen der deutschen Poetry Slam-Szene als Workshop-Leiter. BZ-Redakteur Robert Tari sprach mit Jonas Bolle über das Phänomen „Poetry Slam“.

 

Wie würdest du Poetry Slam Nichteingeweihten erklären? 

Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit, bei dem es darum geht, eigene Texte auf einer Bühne zu präsentieren. Alle möglichen Farben und Formen von Texten können präsentiert werden. Das können Gedichte, Kurzgeschichten, Raps usw. sein. Auf einem Poetry Slam haben die Leute sieben Minuten Zeit diese Texte zu präsentieren. Das Publikum ist die Jury, das heißt es bewertet die vorgetragenen Texte und entscheidet, welcher Text der beste war, durch ihren Applaus. Meistens gibt es zwei Runden und meistens gewinnt man nicht viel.

 

Was muss denn ein guter Poetry Slammer leisten können?

Ein guter Poetry Slammer muss kreativ mit der Sprache umgehen können. Er muss experimentieren und immer dort ansetzen, wo sprachlich mehr geht. Er muss an der Stelle weiter versuchen und forschen, was ist noch möglich mit der Sprache. Ich glaube, dass das eigentlich jeder von uns kann. Ich glaube, es geht nur darum Zugang dazu zu finden und seine Art darin zu finden. Das ist aber auch Übung. Schreiben ist wie alles andere auch eine Übungssache. Es ist noch niemand als Genie vom Himmel gefallen.

 

Wenn du es so beschreibst, klingt das ganz einfach nach Gegenwartslyrik.

Auf jeden Fall, darum geht es beim Poetry Slam. Das sind alles Poeten, die neue Formen ausloten. Allerdings keine neuen literarischen Formen. Es wird viel über diesen Unterschied gesprochen. Viele Leute sagen immer, dass das ganz neu in der Literatur  ist und da muss ich persönlich widersprechen. Was neu ist, ist die Art und Weise, wie man es präsentiert. Aber geschrieben haben die Leute schon immer.

 

Das heißt, beim Poetry Slam geh es mehr um die Präsentation. Die persönliche Vermarktung sozusagen.

Es ist schon so, dass es Leute gibt, die besser auf der Bühne performen können und natürlich ist eine Performance interessanter, wenn sie interessant gestaltet ist. Aber man darf keine Hilfsmittel verwenden beim Poetry Slam. Man darf nicht Requisiten haben oder Theater spielen. Es geht einzig und allein um den Menschen, der auf der Bühne steht. Dadurch wird es erst so spannend. Man schaut sich immer andere Slammer an, wie sie ihren Text auf der Bühne vortragen und man macht sich natürlich auch selber viele Gedanken darüber, wie will ich meinen Text präsentieren, was ist mir wichtig daran.

 

Seit wann machst du Poetry Slam?

Ich habe vor zehn Jahren angefangen zu schreiben und dann habe ich viele Hip Hop-Sachen gemacht. Ich habe mit Rapmusik angefangen und da Texte geschrieben. Dann gewann Poetry Slam an Deutschland an Fahrtwind. Es wurden die ersten Veranstaltungen organisiert und Poetry Slam wurde immer größer. Ich habe so vor fünf Jahren damit angefangen. Ich besuchte eine Veranstaltung und traute mich auch auf die Bühne, seitdem trete ich immer wieder auf verschiedenen Slams auf. Nebenher schreibe ich auch. Das ist bei ganz vielen Poetry Slammern so: Sie fangen mit Poetry Slam an und schreiben dann Romane, veröffentlichen Gedichtbände oder sie schreiben Theaterstücke. So ist es bei mir auch. Ich bin auch beim Hip Hop geblieben, schreibe besonders Theaterstücken und das inzwischen mehr, als auf Poetry Slams aufzutreten.

 

Das heißt Poetry Slam stellt eine Gelegenheit dar, in die Literatur einzusteigen.

Genau, es ist die Einstiegsdroge. (lacht)

 

Junge Schreibende haben es heute oft nicht leicht. Die Lesekultur wandelt sich, das Internet spielt keine unwesentliche Rolle dabei. Noch nie war Selbstvermarktung so wichtig. Besonders in Deutschland, wo der Markt so groß ist, muss man Wege finden, sich von der Mehrheit hervorzuheben. In Anbetracht dieser Entwicklung, wo siehst du persönlich den Poetry Slam?

Poetry Slam stellt da eine ganz große Chance für die Literatur dar. Poetry Slam in Deutschland ist mittlerweile ganz groß. Es wächst seit Jahren. Einmal im Jahr gibt es die Deutschen Meisterschaften und die finden in den größten Hallen statt. In Hamburg vor etwa zwei Jahren besuchten vier bis fünftausend Menschen das Finale. Das ist eine riesige Veranstaltung in den größten Hallen der Städte, wo unfassbar viele Leute hinkommen. Es gibt in Stuttgart allein pro Monat vier Slams und die sind jedes Mal ausverkauft. Außerdem stellt Poetry Slam eine ganz große Chance dar, Leute an Literatur heranzuführen. Viele Slammer wie ich gehen auch an die Schulen und vermitteln so Literatur. Das mit der Einstiegsdroge, das ist gar nicht so falsch. Viele Leute fangen eben an zu schreiben und kriegen so einen neuen Zugang zur Literatur. Sie lesen vielleicht auch mehr, weil sie es mehr wertschätzen können, wenn sie es selber ausprobiert haben.

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