„Es ist egal, woher du kommst!“

Siebenbürgen-Finale des „Lesefüchse“-Wettbewerbs in Mediasch

Donnerstag, 24. März 2016

Fachberaterin Birgit van der Leeden (r.) und die Lesefüchse-Finalisten (v.l.): Teodora Banu (Honterus, Kronstadt), Michael Gross (Meşotă, Kronstadt), Isabela Opriş (Doamna Stanca, Fogarasch), Damaris-Andreea Azoicăi (Şaguna, Hermannstadt), Teodora Mihu (Brukenthal, Hermannstadt), Vlad Frăţilă (Roth, Mediasch), Kiki Panţiru (Coşbuc, Klausenburg), Sara Ecedi (Rebreanu, Bistritz).
Foto: die Verfasserin

Das Siebenbürgen-Finale des „Lesefüchse“-Wettbewerbs wurde am Freitag, den 18. März, in Mediasch ausgetragen. Neun Schulen hatten sich am Wettbewerb beteiligt, hatten Schülerinnen und Schüler vier Jugendbücher lesen und diskutieren lassen und acht Sieger zur Endausscheidung entsandt. Nun stellten die Schüler die Bücher vor und berieten gemeinsam über ihre Eindrücke und die in den Büchern behandelten Probleme. Dass dabei über philosophische Fragen der Toleranz und der Solidarität debattiert wurde, fand tosenden Beifall.

Das Siebenbürgen-Finale fand im Rahmen eines ZfL-Seminars für Deutschlehrer statt und wurde von der deutschen Fachberaterin Birgit van der Leeden eröffnet. Sie betonte, wie intensiv sich die etwa 70 Schülerinnen und Schüler der beteiligten Schulen mit den zum Teil schwer zu lesenden und zu verstehenden Jugendbüchern auseinandergesetzt hätten. „Lesefüchse“ sei ein internationaler Wettbewerb mit 10 beteiligten Ländern vor allem aus Osteuropa, veranstaltet von der deutschen Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, durch den Deutsch lernenden Schülern Leselust und Debattierfreude vermittelt werden könnte. Und genau diesen Eindruck bekamen auch die atemlos lauschenden Zuhörer, denn die Schülerinnen und Schüler stellten die vier Romane klug und verständlich vor, hatten passende Zitate parat und arbeiteten heraus, welche Themen in den Werken angesprochen werden. 

Besonders gefallen hat „Die besseren Wälder“ von Martin Baltscheit, eine Erzählung und ein mehrfach preisgekröntes Theaterstück, das das Leben eines Wolfes namens Ferdinand beschreibt, der als Schaf erzogen wird und sich erst langsam eine eigene Identität schaffen muss. Alle Figuren beobachten sich selbst und die anderen, wägen ab und schreiben sich bestimmte, klar definierte Rollen zu und lehnen Andersartigkeit ab, aber die Schüler erkannten blitzgescheit, dass es in dem Roman vor allem um die Frage geht, was man ist, denkt und wie man handelt: „Das ist viel wichtiger als die Frage, woher du kommst!“, meinte die Hermannstädter Brukenthal-Schülerin Teodora Mihu. Auch Kirsten-Iulia Panţiru (Coşbuc-Lyzeum/Klausenburg) warf ein, dass die Lebensweise der Schafe viel strenger geregelt sei als die der Wölfe und dabei kaum Spielräume für Individualität lasse.

Nicht nur der Wolf Ferdinand, sondern auch die Schafe, die sich doch für so vorbildlich halten, würden manipuliert. Isabela Opriş (Doamna-Stanca-Lyzeum/Fogarasch) fand dieses Buch am interessantesten, denn es zeige, wie zum Beispiel ein Flüchtling in eine Gesellschaft integriert wird, in der er sich selbst fremd bleibe. Einig waren sich alle, dass jeder Wolf, jedes Schaf und jeder Mensch die Freiheit haben müsse, sich selbst zu entwickeln. Als dann mehrfach als Parallele Lessings Drama „Nathan der Weise“ genannt wurde, das ja ebenfalls zeigt, wie man mit Toleranz und menschlichem Handeln auch unterschiedlich denkende Menschen vereinigen könne, staunte das Publikum, wie weit reichende Schlussfolgerungen die 15- bis 18-jährigen Schülerinnen und Schüler zu ziehen fähig sind.

Auch „Vakuum“ von Antje Wagner, das eine still stehende Welt und einen bedrohlichen Nebel als Symbol für fest sitzende Ängste und Schuldgefühle von verschiedenen Jugendlichen schildert, kam bei den Schülern gut an. „Es war für mich das beste Buch“, meinte Isabela Opriş. „Es zeigt, wie man mit Zusammenhalt und gegenseitiger Hilfe seine Ängste überwinden kann.“ Vlad Frăţilă (Roth-Lyzeum/Mediasch) gefiel „Die Zeit der großen Worte“ von Herbert Günther am besten, weil es einem die grausame Realität eines Krieges am Beispiel der Familiengeschichte aus dem Ersten Weltkrieg sehr nahe bringe. Während der Buchvorstellung von „Seefeuer“ von Elisabeth Herrmann schätzte Teodora Banu (Honterus-Lyzeum/Kronstadt) diesen Roman als ein wenig flach, wenngleich äußerst spannend zu lesen ein.

Bemerkenswert war die Intensität des Gesprächs zwischen den acht Schülern, die das Publikum sehr beeindruckte. „Davon könnten sich die Politiker eine Scheibe abschneiden!“, meinte eine Zuhörerin. „Alle haben den anderen ausreden lassen, sind aufeinander eingegangen und haben die Gedanken zusammen weiter entwickelt.“ Entsprechend schwer fiel es der Jury, in der dankenswerterweise der stellvertretende Konsul Hans Schebesch für die erkrankte Konsulin Judith Urban eingesprungen war und in der auch der Vorjahressieger, Alexandru Badea, sachkundig mitdiskutierte, die Sieger des Wettbewerbs zu küren. Nach fast einstündiger Debatte entschied sie, Teodora Micu den ersten, Kirsten-Iulia Panţiru, genannt Kiki den zweiten und Isabela Opriş den dritten Preis zuzuerkennen.

Die Siegerin darf am Endausscheid des diesjährigen Lesefüchse-Wettbewerbs in Berlin teilnehmen und Siebenbürgen dort vertreten. Stehender Applaus für die so engagierten, sachkundigen und ein hervorragendes Deutsch sprechenden Schüler beendete die Veranstaltung, allerdings schloss der Abend erst mit vielfältigen Gesprächen im Publikum. Viele Lehrkräfte kamen zu dem Schluss, dass man Schüler viel öfter so herausfordern müsse, denn erst eine so schwierige Aufgabe wie die Teilnahme an den „Lesefüchsen“ könne herauskitzeln, zu welchen Glanzleistungen die Schüler imstande sind.

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