„Es ist eine wahrlich europäische Ausstellung“

Gespräch mit Christian Glass, dem Leiter des Donauschwäbischen Zentralmuseums (DZM) in Ulm

Mittwoch, 27. März 2013

Der Leiter des DZM, Christian Glass, kam zur Vernissage nach Temeswar.
Foto: Zoltán Pázmány

Christian Glass findet es faszinierend, durch die Donauländer zu reisen. Der Leiter des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm kam vor Kurzem nach Temeswar/Timişoara, um die Ausstellung „Migration im Donauraum. Die Ansiedlung der Deutschen im 18. Jahrhundert und ihre Folgen“ in der Theresien-Bastei zu eröffnen. Die Ansiedlung der Donauschwaben ist das zentrale Thema der Ausstellung, die noch bis zum 15. April in Temeswar zu sehen ist. Sie entstand durch die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von sieben Museen – aus Deutschland, Ungarn, Serbien und Rumänien. Raluca Nelepcu traf den Museumsleiter und Projektkoordinator Christian Glass und führte mit ihm folgendes Gespräch.

Am 7. März wurde die Ausstellung über die Migration der Donauschwaben in der Temeswarer Theresien-Bastei eröffnet. Was ist das Besondere dieser Ausstellung?

Das Besondere ist einmal, dass diese Ausstellung das Produkt von mehreren Museen ist. Wir haben dafür mit unseren Partnermuseen zusammengearbeitet. Das sind vier Museen aus Rumänien, eines aus Ungarn und eines aus Serbien. Es ist eine wahrlich europäische Zusammenarbeit. Zum anderen ist es das Thema selbst. Die Auswanderung im 18. Jahrhundert begann vor 300 Jahren, als die ersten Ulmer Schachteln die Donau hinabfuhren. Es gibt heute eine ganze Reihe neuerer Forschungsergebnisse, über die Historiker in Büchern und Untersuchungen geschrieben haben, und wir wollen sie einem breiten Publikum bekannt machen und haben deshalb eine hoffentlich auch optisch interessante Ausstellung entworfen.

Was wären denn neue Erkenntnisse in der „Migration der Donauschwaben“?

Bisher ist man davon ausgegangen, dass im 18. Jahrhundert etwa 200.000 Menschen ausgewandert sind. Die Zahl kam daher, dass man vor allem die Habsburger Archive in Wien durchforstet hat und es dann hochgerechnet hat. Es ist sowieso relativ schwierig, es hochzurechnen. Jetzt hat sich gezeigt, dass es auch viele private Grundbesitzer gab, die gar keine Archive geführt haben und trotzdem Menschen auf ihren Gütern angeworben haben, damit diese dort Landwirtschaft betreiben, oder Handwerker, sodass wir heute von einer fast doppelt so großen Zahl ausgehen. Etwa 400.000 Menschen sind aus Deutschland und den angrenzenden Gebieten hierher gekommen. Eine andere Besonderheit ist, dass oft gedacht wurde, die Leute waren arme Schlucker, die hatten nichts, das waren arme Leute, die hierher gekommen sind. Es hat sich dann doch gezeigt, dass die Leute ihre Passage selber zahlen mussten, dass sie ein gewisses Vermögen haben mussten, um überhaupt hier angesiedelt zu werden. Das waren beileibe nicht nur arme Leute, sondern es waren Handwerker, es waren Bauern, die mit ihren Familien hierher gezogen sind, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen.   

Die Ausstellung kam sehr gut in Brüssel an und wurde auch großzügig von der EU unterstützt. Woran liegt das denn?

Ich glaube, dass das Thema „Donau“ in Brüssel heute einen ganz großen Stellenwert hat. Es gibt ja auch die europäische Donauraumstrategie. Wenn man sich die Donau ansieht, dann ist sie vor allem auch ein reicher Kultur- und Geschichtsraum. Wenn Museen aus vier Ländern zusammenarbeiten, dann ist das auch etwas Neues. Wir waren ja 40 Jahre lang durch den Eisernen Vorhang getrennt, und da ist vieles leider untergegangen.

Die Ausstellung ist zurzeit in der multikulturellen Stadt Temeswar zu sehen, einer Stadt, in der viele Leute Deutsch sprechen. Warum sind die Ausstellungstexte ausschließlich auf Rumänisch?

Wir haben ja die Ausstellung zunächst in Ulm gezeigt, in einer deutschen Version. Wenn wir sie jetzt zweisprachig gemacht hätten, wäre die schöne Grafik kaputt gegangen und deswegen hätte es nicht funktioniert. Wir haben uns also entschieden, die Ausstellung in der Landessprache vorzustellen. Wir werden sie in Ungarn in Ungarisch zeigen und in Novi Sad in Serbisch. Aber wir haben einen deutschsprachigen Katalog, wo man alle Texte auch auf Deutsch nachlesen kann.

Woran liegt es denn, dass Rumänien in dieser Ausstellung nicht so gut vertreten ist, wie zum Beispiel Ungarn?

Wir haben bei der Ausstellung nicht in nationalen Kategorien gedacht. Wir haben geschaut, wo können wir welche Objekte herbekommen und da haben wir recherchiert und da sind vielleicht jetzt aus Rumänien ein paar Dinge weniger. Das darf man nicht durch die nationale Brille sehen, sondern wir haben diesen gesamten Raum im Auge. Auch bei uns im Donauschwäbischen Zentralmuseum, in unserer Dauerausstellung, haben wir nicht proportional Banater Schwaben, die Deutschen aus der Schwäbischen Türkei und aus Budapest, sondern wir haben alles zusammen, wir haben den ganzen Raum im Blick.

Wer sollte sich diese Ausstellung ansehen?

Möglichst viele Menschen. Menschen natürlich, die an Geschichte interessiert sind, und die auch von der Geschichte lernen wollen. Zum Beispiel das multiethnische Zusammenleben. Das ist ja in Europa heute ein Top-Thema. Hier im Banat kann man es leibhaftig erleben und über 300 Jahre ist es hier praktizierter Alltag gewesen, sodass die Ausstellung ein breites Publikum anspricht, wenn man natürlich auch ein gewisses historisches Interesse hat.

Mit den rumänischen Museen pflegt das Donauschwäbische Zentralmuseum eine langjährige Partnerschaft. Wie sieht die Zukunft dieser Zusammenarbeit aus?

All diese Museen, die zusammenarbeiten, planen schon die nächsten Schritte. Nächstes Jahr ist es 100 Jahre her, dass der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist – ein Riesenthema in Europa. Wir wollen als Museen auch etwas dazu beitragen: Eine kleine Ausstellung 2014 und dann eine große Ausstellung 2018, weil das der entscheidende Punkt war – das Ende des Ersten Weltkriegs und der Zerfall der Habsburgermonarchie. Unter anderem wollen wir fragen, wie hat sich der Zerfall der Habsburgermonarchie auf die Menschen ausgewirkt, wenn sie auf einmal Bürger eines Nationalstaates sind. Das sind die Fragen, die wir dann in naher Zukunft beantworten wollen.

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