Es ist nicht leicht, ein Kind zu sein

Erste Studie über Bullying in den Schulen Rumäniens veröffentlicht

Donnerstag, 26. Mai 2016

Brav und glücklich hier in den Bänken. Jedoch: Schüler haben es oft nicht leicht, mit Altersgenossen zu kommunizieren.
Foto: Zoltán Pázmány

Wenn drei Viertel der Schüler aus Rumänien erklären, dass sie mindestens einmal einer Einschüchterungsaktion unter Altersgenossen an ihrer Schule beigewohnt haben, dann ist die Alarmstufe rot. Das empfinden auch die Vertreter des Vereins „Salvaţi copiii!“ so, der die erste landesweite Studie über Bullying an rumänischen Schulen durchgeführt und jetzt herausgegeben hat und damit zum ersten Mal zu einer öffentlichen Diskussion zu dem Problem aufruft, das den Zahlen zufolge bereits ein gefährliches Phänomen geworden ist. „Mobbing“ ist vielleicht ein Wort, das hierzulande eher bekannt und verstanden wird, auch wenn diesbezüglich in Rumänien noch Nachholbedarf in der Aufklärung besteht. Unter „Mobbing“ versteht man die Schikanen seitens des Vorgesetzten, des Chefs. Weniger bekannt ist, dass die Schikanen auch unter Seinesgleichen, unter Kollegen vorkommen können und dass dies nicht erst am Arbeitsplatz, sondern bereits im Kindesalter anfangen kann. Es hat nichts mit einem bösen Wort hie und da zu tun, sondern mit der gezielten und wiederholten Aktion. Das ist „Bullying“.

Allein vergangenes Jahr hat der Verein „Salvaţi copiii!“, der auch eine Telefonlinie für Kinder betreibt (Tel. 116111), über 105.000 Anrufe von Schülern erhalten, die Schikanen und Einschüchterungen erlitten haben. Zirka 3000 Anrufe kamen aus dem Banat. Die Zahlen sind nur der Gipfel des Eisbergs, denn die meisten Opfer schämen sich oder haben Angst, mit ihren Problemen an die Öffentlichkeit zu treten.
Das Problem wird auch nicht als solches wahrgenommen, denn viele der Lehrer schauen daran vorbei: Nicht gestört wollen sie sein und meinen, „das sollten die Kleinen unter sich klären“. Mit Kindern arbeiten, mag nicht leicht sein, aber an ihren Problemen vorbeisehen ist keine Lösung. Auch Eltern können das Problem oft nicht richtig handhaben: Manchmal folgt auf die Belästigungen des Nachwuchses ein heftiger Besuch der Eltern in der Schule und dann fliegen die Fetzen. Die des Peinigers. Und damit hat man auch eine Spirale des Bösen und der Gewalt. Aber: „Die Gewalt jeder Art beeinflusst die körperliche Gesundheit und Gemütslage der Kinder“. Unter diesem Motto wurde die Studie, an der Soziologen, Psychologen, Sozialassistenten und Psychotherapeuten gearbeitet haben, veröffentlicht. Worte können wehtun, Schläge sowieso. Es stellt sich die Frage, wie viele Menschen dies in einem Land verstehen, in dem es im Volksmund heißt, dass „die Schläge ein Stück vom Himmelreich“ sind.

Die Ergebnisse der oben genannten Studie sind aufrüttelnd: „Eins von vier Kindern wurde vor den Augen anderer Kinder eingeschüchtert. Immer wieder werden drei von zehn Schülern aus den Gruppen von Kollegen ausgeschlossen. Drei von zehn Kindern klagen, dass Kollegen ihnen mit Schlägen gedroht haben“. Dies sind nur einige der Zahlen, die für sich sprechen. Auch andere Zahlen, die der Verein veröffentlicht hat, sind besorgniserregend und belegen eigentlich nur, dass sich die Gewaltspirale noch steigern kann: „In einer Gesellschaft, in der Ende 2013 63 Prozent der befragten Kinder erklären, dass sie zu Hause von ihren Eltern geschlagen werden, und 87 Prozent der Schüler offenbaren, dass sie mindestens einmal von einem Lehrer Schimpfworte gehört haben, ist es nicht überraschend, dass das Niveau des gewalttätigen Verhaltens, bei dem die Kinder als Opfer, Aggressoren oder Zeugen einbezogen sind, stetig steigt und sich diese Verhaltensmuster diversifiziert haben, bis hin zu dem, was die Wissenschaft Bullying nennt, nämlich ein gewollt aggressives Verhalten, das Unbehagen oder Schmerz verursachen soll und das von einem Ungleichgewicht der Kräfte zwischen dem Aggressor und dem Opfer ausgeht“. Der erste Schritt ist mit dieser Studie getan, darauf sollten Debatten folgen, die Aufklärung aller Beteiligten, ob Kind, Eltern oder Lehrer, und auch viel Arbeit für die Schulpsychologen, um psychischen Schäden an den Kindern entgegenzuwirken.

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