Es muss nicht immer der Steffl und Parndorf sein

Im Marchfeld bei Wien kann man einzigartig rekonstruierte Römerspuren besichtigen

Freitag, 06. Juli 2012

Versammlungs- und Festsaal in der Villa Urbana. Unter der Halb-Kuppel im Hintergrund fanden auch Theateraufführungen oder öffentliche Lesungen, einschließlich von Briefen, statt.

Der Porticus, die Säulenhalle, welche die Villa Urbana und die Therme verbindet

Eine funktionsfähige Garküche für warme Speisen, thermopolium. Hier wird regelmäßig für Gäste gekocht und gebacken. Nach Original-Römerrezepten.
Fotos: Werner Kremm

In Westrumänien ist es schon fast zum Alltag geworden, dass man zum Shoppen nach Parndorf an der Autobahn Budapest–Wien  fährt, oder dass man ein Wochenende in Wien verbringt und mindestens einmal den Steffl, den Stephansdom, von innen gesehen haben muss. Die Adressen der günstigsten Unterkünfte in Wien werden unter der Hand weitergereicht wie Geheimtipps. Parndorf schafft man in der Regel an einem einzigen Tag, als etwas anstrengende Hin- und Rückfahrt.

Es gibt jedoch im Zielraum Transleithanien auch anderes Besuchenswertes. Haydn beispielsweise. Beide. Dem 1732 in Rohrau in Niederösterreich geborenen Komponisten Joseph Haydn sind im Jahr 2012 mehrere Veranstaltungen gewidmet, mit Werken von Joseph und seinem (auch für Temeswar bedeutungsvollen) Bruder Michael (geb. 1737). Ihnen werden im Schloss der Grafen von Harrach und im Geburtshaus der Haydns in Rohrau von April bis einschließlich Oktober ganze Konzertreihen gewidmet.

Vater Matthias Haydn, der das strohgedeckte Haus 1728 gebaut hatte, war Wagnermeister und zeitweilig Marktrichter (Bürgermeister) in Rohrau – seit 1959, dem 150.Todestag Joseph Haydns, ist das Haus ein Museum. Vom 22. bis zum 24.  Juni beispielsweise laufen hier die „Haydn-Tage auf Schloss Rohrau“, mit Gastspielen des Concilium Musicum aus Wien, des Ensembles Hof-Musici Prag und des Ensembles London Baroque.

Weltveränderndes von der nördlichen Reichsgrenze

Unfern von hier, im Raum Petronell/Carnuntum – Bad Deutsch-Altenburg – Hainburg, kann man besichtigen, was man eigentlich auch in Ulpia Traiana Sarmizegetusa an der DN68 Karansebesch-Hatzeg zu sehen bekommen müsste: lebendig gemachte römische Geschichte. Für einen Bürger Rumäniens, der zeitlebens mit mehr oder weniger großer Intensität zum Thema „dakisch-römische Ahnen der Rumänen“ indoktriniert wird, ist ein Besuch in der „wiedergeborenen Stadt der Kaiser“, dem im vierten Jahrhundert weltpolitisch bedeutsam gewordenen Carnuntum an der damaligen Nordgrenze des Imperium Romanum, ein Gänsehauterlebnis.

Am 11. November 308 nach Christus hatte Kaiser Diocletian zu einer „weltverändernden Kaiserkonferenz“  nach Carnuntum an die Nordgrenze des Römerreiches geladen. Galerius, Maximinus, Licinius und Konstantin (später „der Große“ und ein Heiliger der Orthodoxie) wurden auf Initiative Diocletians „Tetrarchen“ (=vier Herrscher) des (nicht nur) wegen seiner Größe und den Zentrifugalkräften der (von Nichtrömern unterwanderten) Legionen zu jener Zeit kaum noch beherrschbaren Römerreichs.

Und die Tetrarchen erließen – im Geiste und im Anschluss an die Kaiserkonferenz – Toleranzedikte, die das Geistesleben der damaligen Welt verändern sollten: Galerius am 30. April 311 das „Toleranzedikt von Nikomedia“, Konstantin und Licinius 313 die „Vereinbarung von Mailand“. Sie bedeuteten die „Freiheit der Glaubensentscheidung für alle Religionen“, also auch und implizit die freie Religionsausübung für Christen, die erste gleichmacherische Religion der Geschichte. Das Christentum hatte seit mehr als drei Jahrhunderten als Religion der Armen und Unbeachteten die hierarchisierenden Religionen abzulösen begonnen und wurde ab Carnuntum weltbeherrschend. In diesem Sinn ist der Satz des Art-Carnuntum-Gründers Piero Bordin voll gerechtfertigt: „Die Kaiser von Carnuntum veränderten die Welt.“ Daran erinnert das, was in Österreich hier realisiert wurde.

Wiederaufbau à la Antike

Österreich, vor allem das Land Niederösterreich, haben in Carnuntum Richtungweisendes und Beispielgebendes geschaffen. Hier entstand „ein begehbares Denkmal“, das „zum Verweilen und Philosophieren einlädt“ und das „inspirierend“ wirken sollte – nicht zuletzt für die schon genannten, hinreichend indoktrinierten Besucher aus Rumänien.

Richtungsweisend und beispielgebend sind die in jeder Hinsicht originalgetreuen Rekonstruktionen von Schlüsselgebäuden aus der Kaiserstadt Carnuntum. Denn um das hier Besichtigbare wieder entstehen zu lassen, hat man aus den noch identifizierbaren Steinbrüchen der Römerzeit und aus den Sand- und Schottergruben der vorbeifließenden Donau, aus den Lehmschichten in der Nähe und in originalgetreu wiedererrichteten Brennöfen das Baumaterial, einschließlich „römische“ Brennziegel, geschaffen.

Man hat die selben Farben aus den in der Antike konsekrierten Materialien für die nach römischem Geschmack ausgeschmückten Räumlichkeiten der Villen hergestellt, hat die gleichen Mosaiksteinchen aus der Natur oder aus Glas verwendet.

Sogar das Handwerkszeug, mit dem beste Fachleute ihres Gewerbes Schlüsselgebäude der Zivilstadt Carnuntum nachgebaut haben, ist erst von guten Schmieden aufgrund antiker Vorlagen, welche die Archäologie geliefert hat, nachgemacht worden. Die Handwerker haben gezeigt, dass man damit auch in heutiger Zeit perfekt bauen kann – wenn auch mühevoller als mit moderner Ausstattung.

Wie ein Römer leben

In der „Kulturfabrik Hainburg“, einer ehemalige Zigarettenfabrik (hört das, wer hören sollte in Temeswar, wo die riesige Zigarettenfabrik zu verfallen beginnt?), wird die ganze Mühe mit dieser originalnahen Rekonstruktion in der Ausstellung „Im Lot – Gebaute Geschichte in Carnuntum“ dokumentiert.
In Carnuntum ist das bewohnbare römerzeitatmende Ensemble im Freilichtmuseum bei Petronell zu besichtigen, wo wesentliche Architekturtypen eines römischen Stadtviertels im historischen Kontext, den aktuellen Erkenntnissen der Forschung entsprechend, originalnah zu bestaunen sind: das Bürgerhaus – wahrscheinlich das des Tuchhändlers Lucius Maticeius Clemens – eine prächtige Stadtvilla – mit hoher Wahrscheinlichkeit jene des Bernsteinhändlers Livinius Cordinus Rutilius – ein Porticus mit römischen Gaststätten mit kalter und warmer Küche und eine beheizbare öffentliche Thermenanlage sowie der Sitz des Legionskommandanten.

Alles ist bewohnbar gebaut und wird auch konkret zu Ereignissen genutzt, etwa römisch kochen und speisen (meist aber ohne das liquamen, die für heutige Nasen übelriechende salzige und nach vergorenem Fisch und Fischinnereien riechende Generalwürze römischer Speisen).

Alle Bauten sind mit dem hypocaustum, der römischen Fußbodenheizung, ausgestattet, die zum Teil auch frei belassen ist, um das System besichtigen zu können, die aber voll funktionsfähig ist und etwa den Wirkungsgrad (und Holzverbrauch...) eines Kachelofens hat.

Die Therme ist gegen Ende des zweiten Jahrhunderts nach Christus gebaut worden, in der Regierungszeit von Kaiser Hadrian. Sie ist Teil eines Infrastrukturprojekts (Aquädukt, Kanalisation, Neuausrichtung der Straßen der Zivilstadt usw.) und war bis weit ins vierte Jahrhundert in Betrieb.

Die Ausgrabungen lieferten schlüssige Hinweise auf Raumfunktionen (einschließlich den winzigen Räumen für Dienstleistungen der Prostituierten) und römische Lebenskultur. Man kann auch – in der Villa Urbana von nebenan – den Unterschied zwischen der öffentlichen  therme und der balnea, dem Privatbad eines Bürgerhauses sehen. Seneca (Epistel 56): „...direkt über einer Badeanlage wohne ich. stelle dir nun alle Art von Geräuschen vor, ... wenn Kraftprotze üben und ihre Hände, die mit Bleigewichten beschwert sind, schwingen; wenn ich an jemanden geraten bin, der träge ist und sich mit dem gewöhnlichen Einsalben genügt, höre ich das Klatschen der Hand, die auf die Schulter schlägt...“.

Wein und Gladiatorenkämpfe

Nachfühlen, wie die Römer in dieser von Kaisern geadelten Provinzstadt – Hauptstadt Panonniens – lebten, kann man auch, wenn man die öffentlichen Speiselokale der Römerzeit  besucht und sich dort mit kalten oder warmen  Gerichten verwöhnen lässt.

Übrigens: zum Service des Römermuseums Carnuntum gehört auch, dass alle drei Tage die Früchte auf den Tischen erneuert werden – sofern die vielen besuchenden Kinder noch welche übriglassen – dass die ausgehängten Würste und Speckseiten – in der Antike Werbung für das Angebot des Lokals – sofern noch vorhanden, ersetzt werden, dass das zum Teil mediterrane Gemüse in den Küchen erneuert wird. Man kann in den Öfen der Küchen kochen und backen – auch Fladenbrot nach Original römischen Rezepten – oder auch römische Gelage feiern.

Der ganze Raum zwischen Hainburg, Bad Deutsch-Altenburg und Petronell ist voller Straßen, Hotels, Pensionen und Lokalen, die ans alte Imperium Romanum erinnern und Namen tragen wie Legionskneipe, Römische Münze, Hotel Marcus Aurelius, Römerstraße, Carnuntum usw. Carnuntiner Römerfest, Römische Gaumenfreuden in der Villa urbana, Gladiatoren – Kämpfer der Arena nennen sich hier die Veranstaltungen und man kann sie verbinden mit Besuchen in den Sommerschlössern des Prinzen Eugen oder dem Nationalpark Donau-Auen, aber auch mit Besuchen bei den Weinbauern der Region Carnuntum. Natürlich auf der „Carnuntum Weinstraße“. Es muss nicht immer nur der Steffl und Parndorf sein, wenn man in den Osten Österreichs gelangt und nicht bildungsfeindlich ist.

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