„Es wäre ein wichtiger Schritt, eine Doktorenschule für Germanistik in Kronstadt anzubieten“

ADZ-Gespräch mit Dr. Doz. Carmen Puchianu, Leiterin des Germanistiklehrstuhls der Kronstädter Transilvania-Universität

Mittwoch, 10. Juni 2015

Zwischen dem 31. Mai und dem 4. Juni 2015 war die Transilvania-Universität in Kronstadt Gastgeber des X. Internationalen Kongresses der Germanisten Rumäniens. Jedes dritte Jahr von der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes veranstaltet, versteht sich der Kongress als eine niveauvolle wissenschaftliche Tagung, zu der nicht nur rumänische, sondern auch ausländische Germanistinnen und Germanisten sowie Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer eingeladen werden. Über das umfangreiche Programm der Veranstaltungen, die Themen der Vorträge aber auch über die Schwierigkeiten und Herausforderungen, mit denen sich die Germanistikabteilung in Kronstadt konfrontiert, sprach mit Dr. Carmen Puchianu, Germanistik-Dozentin an der Transilvania-Universität, die ADZ-Redakteurin Elise Wilk.

Frau Dr. Puchianu, der Kongress der Germanisten Rumäniens hat in diesem Jahr seine 10. Auflage erreicht. Seit wann wird er veranstaltet? War die Kronstädter Universität zum ersten Mal Gastgeber dieser Veranstaltung?

Der Kongress wird alle 3 Jahre veranstaltet. Auf Initiative von Prof. Dr. George Guţu, dem heutigen Präsidenten der Gesellschaft der Germanisten Rumäniens, wurde eine Tradition aus der Vorkriegszeit wieder aufgenommen. Die Tagungen sollten abwechselnd an verschiedenen Unis aus Rumänien stattfinden. Sie haben im Laufe der Jahre aber nicht nur in den Universitäten stattgefunden, sondern auch in Bergorten wie Sinaia oder an der Schwarzmeerküste. In diesem Jahr war Kronstadt zum ersten Mal als Kongressort impliziert.

Wo kann man in Rumänien Germanistik studieren?

Es gibt Germanistikabteilungen an den Fremdsprachenfakultäten der Unis in Bukarest, Klausenburg/Cluj, Temeswar/Timişoara, Hermannstadt/Sibiu, Kronstadt/Braşov und Jassy/Iaşi. In Konstanza/Constanta gibt es eine Abteilung für Angewandte Fremdsprachen (LMA). Das sind die staatlichen Universitäten. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Germanistik an der Christlichen Universität Partium in Großwardein/Oradea oder an der Sapientia-Universität in Neumarkt am Mieresch/Tg. Mureş zu studieren.

Wie alt ist die Germanistikabteilung an der Kronstädter Transilvania-Universität?

In Kronstadt wurde die Germanistikabteilung am Anfang der 90er Jahre gegründet. Nach 2000 ist auch die Angewandte Fremdsprachen/LMA-Abteilung dazugekommen. Seit 1998 organisieren wir jedes Jahr eine Kronstädter Germanistiktagung. In diesem Jahr war unsere Tagung im Kongress inbegriffen.

Welche wichtigen Persönlichkeiten besuchten Kronstadt zum Anlass des Germanistenkongresses?

Bei der Eröffnungsveranstaltung am Montag, dem 1. Juni, waren Vertreter der Deutschen und Österreichischen Botschaft in Bukarest, des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen in Südosteuropa (IKGS) an der Universität München und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) aus Bonn anwesend. Es gab Vorträge im Plenum von Prof. Dr. Peter Göhler (Humboldt-Universität Berlin), Prof. Dr. Sigurd P. Schleichl (Universität Innsbruck), Prof. Dr. Laura Auteri (Universität Palermo) und Dieter Müller (DAAD Bukarest). Am Kongress haben 160 Germanisten und Germanistinnen teilgenommen. 100 von ihnen kamen aus Rumänien, darunter sind leider nur sehr wenige im Schulwesen tätig. Die restlichen Teilnehmer kamen aus Deutschland, Österreich, Ägypten, Bulgarien, Italien, Polen oder sogar Südafrika.

Welches waren die wichtigsten Punkte auf dem diesjährigen Programm?

Es gab in diesem Jahr acht Sektionen, die jeweils in Untersektionen eingeteilt wurden: Theoretische und angewandte Linguistik, Literaturwissenschaft, Deutschsprachige Literatur aus Ost-, Mittel- und Südeuropa, Didaktik des Deutschunterrichts, Übersetzungswissenschaft. Es gab auch eine Sektion in rumänischer Sprache, „Interkulturalität in Aktion. Kulturell-literarische Interreferenzialität”. Dann gab es wie bei jedem Germanistenkongress das Nachwuchsforum für Studierende und Doktoranden. Ebenfalls fand, wie auch früher erwähnt, die Tagung der Kronstädter Germanistik statt.

Der Kongress bot auch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Lesungen und einer landeskundlichen Exkursion nach Tartlau, Honigberg und Rosenau an. Die Exkursionen tragen dazu bei, dass Leute miteinander in Kontakt kommen. Zum ersten Mal beim Germanistenkongress wurde an dem freien Tag auch Theater angeboten, und zwar die Theateraufführung „Pflegefall“ des Duo Bastet. An zwei Abenden fanden Lesungen statt, und zwar mit den Autoren Horst Samson, Dimitri Dinev, Joachim Wittstock und Caius Dobrescu. Die Textpassage von Dobrescu wurde ins Deutsche übersetzt. Wir wollten, dass jemand aus der Region vertreten ist, und wünschten uns eine Verknüpfung der rumänischen Literatur mit dem deutschen Sprachraum. Caius Dobrescu selbst spricht gut Deutsch und hat eine Affinität zur deutschen Kultur.

Welches Thema hatte die Kronstädter Vortragsreihe in diesem Jahr?

In den letzten Jahren hatten wir immer ein großes Thema. In einem Jahr ging es um Eros und Thanatos, im anderen Jahr um Humor. Das Thema sollte sich auch für Sprach- und Übersetzungswissenschaften eignen. In diesem Jahr lautete unser Thema „Emanzipation und Manipulation. Mittel und Wege der deutschsprachigen Moderne und Postmoderne“. Die 18 Vorträge werden in der Reihe „Kronstädter Beiträge für Germanistik” erscheinen.

Wie viele Studierende hat die Germanistikabteilung in Kronstadt heute?

Seit 2013 nehmen wir auch Anfänger an. Deshalb ist die Zahl der Studierenden gewachsen. Es gibt zurzeit rund 50 Studierende der Germanistik, das bedeutet etwa 10-12 Studenten pro Jahrgang. Deutsch kann in Kronstadt in Kombination mit Rumänisch oder Englisch studiert werden. Es gibt auch einen Masterstudiengang, „Interkulturelle Studien zur Deutschen Sprache und Literatur“. Den Schwerpunkt legen wir hier auf rumäniendeutsche Literatur, Übersetzungen, Migrantenliteratur und auf Verbindungen zur rumänischen Literatur und Kultur. Der Masterstudiengang ist also mehr auf das Lokalspezifikum orientiert. Bei Angewandten Fremdsprachen gibt es mehrere Studenten, etwa 20-25 pro Jahr.

Warum hat man beschlossen, Anfänger anzunehmen?

Es existierte sonst das Risiko, dass es nicht genug Studenten sind.

Müsste unter diesen Bedingungen der Unterricht nicht anderes verlaufen?

Der ganze Unterricht muss auf Anfängerniveau abgestimmt werden. Der Lehrplan ist aber für Studenten bestimmt, deren Deutsch auf muttersprachlichem Niveau ist.

Wie findet man eine Lösung für dieses Problem? Ist es nicht schwierig, Studenten mit gutem Deutschniveau zusammen mit Anfängern zu unterrichten?

Es gibt die Möglichkeit, getrennte Gruppen einzurichten. Andererseits kann man Fremdsprachenmethoden im Unterricht einsetzen. Natürlich sollten sich die Studenten auch außerhalb des Unterrichts mit der deutschen Sprache beschäftigen, um ihren Wortschatz zu bereichern und ihre Sprachkenntnisse zu vertiefen. Das können sie auch durch Lektüre erreichen. Wir haben eine kleine Bibliothek aus Bücherspenden und Einsendungen vom Goethe-Institut zusammengestellt. Den Studenten steht außerdem die Bibliothek der Deutschen Kulturzentrums Kronstadt zur Verfügung, die Jahr für Jahr mit Neuerscheinungen versorgt wird. Das Problem ist aber, dass die Studenten immer weniger Bücher lesen. Ich bin aber froh, wenn sie wenigstens aus dem Internet elektronische Bücher herunterladen.

Mit welchen Problemen konfrontiert sich die Germanistikabteilung in Kronstadt noch?

Ein großes Problem ist, dass die guten Studenten von den vielen Call-Centern, die in den letzten Jahren in der Stadt erschienen sind, abgeworben werden. Diese Jobs nehmen ihnen die Zeit und die Energie für das Studium. Wenn sie dann fertig mit der Uni sind, stehen sie vor dem Nichts. Vielleicht würden die besseren Studenten eine Universitätskarriere anfangen. Leider produzieren viele Unis Doktoranden am laufenden Band. Die wenigsten können diese Doktoranden auch aufnehmen. Ein anderes Problem ist, dass der Bereich der Forschung mehr Wunschvorstellung als Realität ist. Und ein weiteres Problem, das ich auch früher erwähnt habe: Es kommen immer mehr Studenten, die keine Sprachkompetenzen haben.

Warum wollen angehende Studenten Germanistik studieren?

Viele von ihnen sind Anfänger und haben keine Vorstellung, was Philologie bedeutet. Sie wollen die Sprache lernen. Für andere ist das Studium einer Fremdsprache ein Anreiz. Sie wollen eine Basis haben, damit sie sich später im Ausland für einen Job bewerben können.

Was machen die Absolventen nach dem Studium?

Die wenigsten wollen ins Lehramt. Ich unterrichte seit 20 Jahren bei der Kronstädter Uni. Nach diesen zwei Jahrzehnten weiß ich von vier ehemaligen Studenten, die im Lehramt sind. Zwei davon unterrichten im Kindergarten. Die anderen Absolventen werden Übersetzer, Dolmetscher, gehen ins Ausland, manche von ihnen studieren dort weiter. Viele arbeiten in den Bereichen Assistenz der Geschäftsführung oder Sekretariat bei deutschen Unternehmen.

Woher kommen die Studenten, die in Kronstadt Germanistik studieren?

Die meisten kommen aus Kronstadt, aber nicht vom Honterus-Lyzeum, sondern von Schulen, wo Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird. Andere kommen aus der ungarischsprachigen Region (Harghita und Covasna), aus der südlichen Region (Buzău, Ploieşti) oder aus der Moldau.

Wie viele Lehrer arbeiten am Germanistiklehrstuhl? Unterrichten hier auch Gastlehrer aus dem Ausland?

Es gibt zur Zeit fünf fest Angestellte und drei Mitarbeiter. Zwischen 2004 und 2009 gab es Gastlehrer, die durch ein Programm der Bosch-Stiftung nach Kronstadt gekommen sind. Dann hat sich Bosch aus Rumänien zurückgezogen. Ich habe versucht, ein DAAD Lektorat nach Kronstadt zu bringen. Außerdem laden wir selbst Leute ein, hier zu unterrichten, aber es sind mehr persönliche Initiativen. Es gibt seit einigen Jahren ein Erasmus-Programm mit der Uni Passau. Studierende können für ein Semester nach Deutschland. Im letzten Jahr konnte sogar ein Lehreraustausch zustande kommen. Und beim Germanistikkongress waren auch zwei Professoren aus Passau anwesend.

Was müsste in den nächsten Jahren unbedingt unternommen werden, damit die Qualität des Germanistikstudiums in Kronstadt steigt?

Seit 2010 gibt es bei der Philologischen Fakultät eine Doktorenschule für Rumänisch, für die Fremdsprachen noch nicht. Es wäre ein wichtiger Schritt, eine Doktorenschule für Germanistik in Kronstadt anzubieten. Das Niveau würde dadurch steigen.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 10.06 2015, 08:39
Solange Quantität der Qualität der Studenten vorgezogen wird, muß man Fragen, ob es legitim ist, Germanistik-Studium anzubieten.
Obwohl das ein allgemeines Problem rumänischer Universitäten geworden ist, müsste man sich bewusst sein, daß die Jugend nichts lernt, obwohl sie mit evtl. sogar einem Dokturhut von der Uni verabschiedet wird- der nichts wert ist im weiteren Leben.
Die meisten Absolventen finden keine qualifizierten Jobs und haben wichtige Lebenszeit vertan.
Das Unterrichtsministerium ist in der Pflicht, mehr Qualität sicherzustellen, und insbesondere auch die Lehrer und Professoren besser zu bezahlen. Auch damit die typisch rumänische "Nachhilfebranche" dann sinnlos wird, und Lehrer wie Schüler sich auf das tatsächliche Studium konzentrieren können.
Dann erst wäre auch qualifizierte Forschung möglich.
So aber vegetiert die Forschung in allen Branchen in Rumänien als Folge schwacher Schule und Universitäten.

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