„Es war hier ein Paradies“

Marga Grau erzählt aus ihrem Leben und von den Kleinodien, die sie hütet

Freitag, 07. September 2018

„Um in schweren Zeiten in kleinen Kreisen das Zusammenleben erträglich zu gestalten, ist es unabdinglich Pflicht des Einzelnen, das Unabänderliche schweigend zu ertragen und das Notwendige ebenso schweigend zu tun“ steht in der Familienchronik, die Marga Grau wie einen kostbaren Schatz hütet.
Foto: die Verfasserin

„Hier in der Mitte war ein Becken für Kinder, da haben wir gebadet. Dort waren Rasenflächen und Wege, da sind wir mit dem Roller und dem Puppenwagen zum Gartenhaus gefahren. Dieses Haus hat meiner Tante gehört, der Schwester meiner Mutter. Es gab keinen Zaun, wir haben in beiden Gärten gespielt. Mein Vater hat einen Spielplatz gebaut, dort haben wir im Sommer Volleyball gespielt. Im Winter hat er einen Eislaufplatz angelegt. Es war hier ein Paradies.“ Marga Grau, eine kleine Frau mit Brille und weißen Haaren, zeigt auf den Garten neben ihrem Haus in Hermannstadt/Sibiu, dem Ursprung ihrer lebenslangen Leidenschaft und Karriere. Die ehemalige Lehrerin hat Biologie unterrichtet. Ihre Liebe zur Pflanzenwelt ist genau an diesem Ort entstanden, wo sie aufgewachsen ist. Ihr Vater: ein begeisterter Hobby-Gärtner.

In dem Haus, wo sie jetzt wohnt, wurde Marga Grau auch geboren. Zu Hause wurde Deutsch und Sächsisch gesprochen, Rumänisch hat sie erst in der Schule gelernt. Es ist ihr trotzdem gelungen, ein rumänisches Lyzeum zu absolvieren. Deutsche Lyzeen gab es in Kronstadt/Brașov oder Schäßburg/Sighișoara, sie aber wollte in Hermannstadt bleiben, um ihre Familie nicht finanziell zu überfordern. Studiert hat sie Naturwissenschaften in Klausenburg/Cluj-Napoca. „Wir waren zwar arm wie Kirchenmäuse, ich hatte nur einen Mantel für alle vier Jahreszeiten. Wir haben viele Ausflüge gemacht, das Studium der Biologie war sehr schön“. Ihre Studienzeit betrachtet Grau als „die schönsten Jahre ihres Lebens“.

Danach ist sie zurück nach Hermannstadt gekommen – wo sie an der Brukenthalschule und am Pädagogischen Lyzeum unterrichtet hat und auch als stellvertretende Direktorin tätig war. Auch als sie das Rentenalter erreicht hatte, hat Grau weiterhin unterrichtet. Doch ihre Leidenschaft für Naturwissenschaften war nur eine Facette ihres Lebens. Im Dienste des Menschen zu arbeiten, war stets ein großes Anliegen von Marga Grau: Sie setzte sich als Mitglied im Stadtrat ein und im Vorstand des Hermannstädter Demokratischen Forums der Deutschen. Über mehrere Jahrzehnte hinweg hat sie außerdem im Bach-Chor gesungen.

Ständig aktiv und von Menschen umgeben

Ihren vielseitigen Lebensstil und die Liebe zu Menschen erkennt man bei Marga Grau zu Hause an den Gegenständen, hinter denen sich zahllose Geschichten verbergen: In einer Ecke steht ein Klavier – das hat sie schon als Kind gespielt. Auf dem Tisch eine Vase mit fliederblauen Strohblumen. An der einen Wand Bilder von Familienmitgliedern mütterlicherseits, an der anderen väterlicherseits. Vor ihnen - Puppen in sächsischen Trachten. „Schauen Sie, diese Puppe habe ich geschenkt bekommen aus Deutschland, der habe ich die sächsische Tracht angezogen. Und zwar ist das die Tracht, die ich bei der Konfirmation getragen habe“, erzählt sie.

Im großen Haus, in dem früher mehrere Generationen gelebt haben, gestaltet Marga Grau jetzt ihren Alltag alleine: „Von meiner Verwandtschaft bin ich alleine übrig geblieben. Zuletzt lebte noch mein sechs Jahre älterer Bruder, der ist mit seiner Familie ausgewandert und in Deutschland verstorben“, ergänzt die Frau im Wohnzimmer, vom warmen Licht des Vormittags durchflutet. Im Leben von Marga Grau scheint es zwei Konstanten zu geben: Sie ist immer aktiv und ständig von Menschen umgeben. Derzeit wohnt ein Geschwisterpaar aus dem Norden Rumäniens, das in Hermannstadt die Brukenthalschule besucht, bei ihr. Weil das Internat der Schule am Wochenende geschlossen ist und die Fahrt nach Hause zu lange dauern würde, hat Marga Grau die Jugendlichen bei sich aufgenommen.

Außerdem kümmert sie sich um das Erbe der Familie. Das große Haus, es scheint selbst  ein Familienmitglied zu sein, seit Generationen war es in ihrem Besitz.  Das ist aber nicht alles: Stück für Stück bringt die Frau alles in Ordnung. Die sächsische Truhe aus dem 19. Jahrhundert, zum Beispiel: „Die kommt aus Reps. Ich habe sie restaurieren lassen, ich habe sie zugedeckt, diese Truhe nimmt sich einmal die Tochter meines Bruders“. Marga Grau zeigt ein Kindergesicht auf einem alten Foto. „Das ist sie. Sie lebt in Berlin.“ Wie sie die Truhe einmal bekommen soll, weiß die alte Dame noch nicht.

Die Familie war Marga Grau immer sehr wichtig. Deshalb will sie dafür sorgen, dass die Geschichte ihrer Familie erhalten bleibt. Sie kann in allen Einzelheiten von ihren Urgroßeltern und deren Herkunft erzählen. Im Haus befindet sich außerdem ein echter Schatz: Man kann von einem regelrechten Archiv sprechen - Bilder, Schriftstücke, Tagebücher – sie alle stellen die Puzzle-Stücke einer langen Familiengeschichte dar. Auch um die Chronik der Familie hat sich Marga Grau gekümmert. Sie will alle Papiere sortieren, die sie im Laufe der Zeit gestapelt hat. Schon jetzt entscheidet sie, was später einmal an wen übergeben werden soll. So wie die Truhe, die nach Deutschland gehen wird. Ihre Tagebücher aus der Studienzeit möchte sie an das Archiv des Teutsch-Hauses als Beitrag zur Erinnerungskultur in Hermannstadt schicken.

Froh, geblieben zu sein

Auch Marga Grau und ihr Ehemann hatten früher versucht, auszuwandern, so wie die meisten Angehörigen der deutschen Minderheit in Rumänien. Aber nach 1989 haben sie ihr Gesuch zurückgezogen: „Die Wende kam 1989 und dann haben wir gesagt, jetzt müssen wir nicht mehr weg. Und wir haben es nicht bereut. Wir sind froh, dass wir diesen Schritt nicht mehr gemacht haben“. Die massive Auswanderung ihrer Landsleute betrachtet sie trotzdem mit Verständnis. Im Kommunismus habe man eine ganz schlechte Zukunft für die Kinder gesehen. Die Auswanderung der Rumäniendeutschen führte zu einem sichtbaren Einbruch: „In Städten hat man das nicht so sehr bemerkt, da sind ja viele rumänische Muttersprachler, die in die deutschen Schulen gegangen sind, aber auf den Dörfern war es ja traurig“. Auch ihr Bruder ist mit seiner Familie ausgewandert.

Marga Grau ist geblieben. Sie war ja auch im Stadtrat, im Kirchenrat und im Forumsvorstand tätig, denn „man hat mich gebraucht“. Zwei Bücher hat sie geschrieben, „Naturwissenschaften in der Grundschule. Handbuch für Lehrer“ und das zweisprachige Buch „Blütenpflanzen im Jahreslauf: Pflanzenführer für Siebenbürgen /Plante cu flori în decursul anotimpurilor: Ghid al plantelor din Transilvania“. Auch heute hat sie noch immer einen festen Wochenplan: Montags geht sie zum Handarbeiten, dienstags zum Forum, donnerstags ins Konzert, sonntags zum Gottesdienst.

Die ehemalige Biologielehrerin pflegt zudem viele Kontakte nach Deutschland. Vor allem zu ihren Verwandten. Außerdem wird sie immer wieder zu Klassentreffen eingeladen, die meistens in Deutschland stattfinden, denn die Mehrheit ihrer ehemaligen Schüler wohnt nicht mehr in Rumänien. Nicht alle sind aber weggegangen: Bürgermeisterin Astrid Fodor und der Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, Benjamin Józsa, waren beide ihre Schüler, erwähnt sie schmunzelnd. „Ein-zwei Klassentreffen sind noch hier, die anderen sind alle dort“. Voriges Jahr hat sie in Bad-Kissingen an zwei Klassentreffen teilgenommen. Ob ihr ehemalige Schüler nach Rumänien schreiben? „Ab und zu ja.“ Auch der sonntägliche Kirchenbesuch gibt Marga Grau Gelegenheit, Kontakte zu pflegen: „Im Sommer passiert es eigentlich kaum, dass ich aus der Kirche komme und nicht jemand kommt, der mich umarmt“.

Diese Reportage ist im Rahmen des Programms Europäische Journalisten-Fellowships der Freien Universität Berlin entstanden.

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