Es war richtig, hier zu bleiben

ADZ-Interview mit Karl Schuster, Betriebsleiter von „Cableteam“ in Schäßburg

Mittwoch, 04. April 2012

Ingenieur Karl Schuster Foto: Hannelore Baier

Geboren wurde Karl Schuster in Deutschweißkirch/Viscri. Seine Schwester Caroline Fernolend ist aufgrund ihres Engagements im Mihai Eminescu Trust mittlerweile über die Grenzen des Landes hinaus als einsatzbereite und ideenreiche Managerin bekannt. Der Bruder ist genauso tüchtig, bloß steht er nicht in der Öffentlichkeit.

Nach dem Absolvieren der Fachhochschule für Betriebsingenieure im Fach Elektrotechnik in Kronstadt/Braşov war er zunächst in Schäßburg/Sighişoara bei der Rumänischen Bahn (CFR) tätig. Als 2003 die „SC Cableteam SRL“ gegründet wurde, ging er zum Vorstellungsgespräch und wurde aus einer Vielzahl an Bewerbern ausgewählt. Gesucht worden war ein deutschsprachiger Mitarbeiter für den Aufbau des Betriebs und den Führungsbereich. Seither ist er der Betriebsleiter von „Cableteam“. Mit Ingenieur Karl Schuster sprach ADZ-Redakteurin Hannelore Baier. 

Was produziert das Kabel-Team?
„SC Cableteam SRL“ ist eine selbstständige Firma, deren Inhaber ein deutscher Unternehmer ist. Die Niederlassung in Schäßburg ist die einzige außerhalb der Grenzen Deutschlands, wo der Unternehmensgruppe verschiedene Betriebe angehören. In Schäßburg umfasst der Produktionsbereich zu etwa 80 Prozent Kabelfertigung, die restlichen 20 Prozent sind Maschinen- und Schaltschrankbau. Bei den Kabeln handelt es sich vor allem um hochpolige Steuerleitungen, die zu etwa 90 Prozent nach Deutschland geliefert werden.

In der Sparte Maschinenbau werden Teile und Baugruppen für Maschinen erstellt, die in der Kabelfertigung eingesetzt werden. Zur Firmengruppe gehört auch Schwermaschinenbau, in diesem Bereich werden u. a. Kabelmaschinen gefertigt und wir gehören zu den Zulieferern dieser Betriebe. Für diese Kabelmaschinen machen wir desgleichen Steuerschaltschränke, und zwar sowohl zwecks Modernisierung der existenten Maschinen für die ganze Firmengruppe als auch für andere Abnehmer. 

Wieso wurde diese Firma in Schäßburg gegründet?
Nach Schäßburg kam der deutsche Unternehmer durch Harald Gitschner, der damals Geschäftsführer des Airbag-Produzenten Parat RO war. Der Unternehmer reiste durch Rumänien auf der Suche nach einem geeigneten Standort und Harald Gitschner hat ihm Schäßburg schmackhaft gemacht. Als Argumente führte er die deutschsprachigen Mitarbeiter an, dass es ein guter Standort sei mit Fachleuten im Bereich Maschinenbau und wartete mit den eigenen guten Erfahrungen auf. 

Seit wann besteht dieses Unternehmen?
Das Unternehmen ist 2003 gegründet worden. Die eigentliche Produktion wurde 2005 aufgenommen, weil erst eine umfassende Gebäudesanierung- und Erweiterung anstand und eine recht komplexe Infrastruktur mit Kühlungssystemen, Stromversorgung usw. vorbereitet und die komplexen Maschinen installiert werden mussten. Für die jetzige Produktionsstätte wurde die ehemalige Möbelfabrik, am Gelände hinter der Emailgeschirrfabrik an der Weißkircherstraße gelegen, aufgekauft und ausgebaut. Es ist eine etwas andere Produktionsstätte als viele, die man in Rumänien eingerichtet hat, wo in fertige Hallen Nähmaschinen gestellt wurden, die am nächsten Tag in Betrieb gehen konnten. Wir sind mittlerweile der größte Kabelhersteller im Kreis Muresch und gehören mit einem Umsatz von über 30 Millionen Euro im Jahr zu dessen Großbetrieben, sodass unsere Steuern leider an das Finanzamt in Bukarest gehen.

Wie groß ist der Mitarbeiterstab?
Zurzeit hat die Firma in Schäßburg 350 Mitarbeiter. Die Mehrzahl sind Kabelwerker. Weil es in diesem Bereich keine Berufsschulen gibt, holen wir Abgänger von Berufsschulen mit den Fachrichtungen Elektriker, Schlosser usw. ins Werk und bilden sie am Arbeitsplatz in der Kabelfertigung aus. 

Wird sowohl praktisches als auch theoretisches Wissen vermittelt?
Die Schulungen erfolgen nach deutschem Modell, wobei wir das System selbst aufgebaut haben mit den deutschen Mitarbeitern, die anfangs da waren und diese Schulungen durchgeführt haben. Am Arbeitsplatz wird der praktische Teil gemacht, doch gibt es auch monatliche Kurse, wo den Neueinsteigern die theoretischen Grundkenntnisse aus dem Fachbereich vermittelt werden. Wir machen unsere Schulungen konkret zugeschnitten auf das, was die Leute am Arbeitsplatz brauchen und bisher hat das geklappt. 

Von wo kommen die Mitarbeiter?
Die meisten sind aus Schäßburg, viele aber kommen auch von den Dörfern der Umgebung, insbesondere aus Weißkirch/Albeşti, Vânători und Keisd/Saschiz. Die pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln, doch bemühen wir uns derzeit, ihnen Busse zur Verfügung zu stellen und die Schichtenzuteilung entsprechend zu regeln, weil durchgehend, also auch samstags und sonntags gearbeitet wird und die Busunternehmer am Wochenende nur wenige Verkehrsmittel einsetzen, die nicht alle Strecken absichern. Und es ist tatsächlich so, dass viele der Mitarbeiter Deutsch sprechen, was von Vorteil ist. Ich versuche, in den Führungsbereich zunehmend Leute zu holen, die mit den Partnern in Deutschland direkt kommunizieren können, weil eine Zeit lang alles über mich laufen musste. Mittlerweile ist es aber gelungen, junge Leute heranzuziehen, die selbstständig verantwortlich handeln, Aufgaben übernehmen und durchführen. 

Im Bereich Maschinenbau arbeite ich sehr gut mit einem jungen Ingenieur aus Keisd, Rudolf Poledna, zusammen, der Deutsch-Muttersprachler und sehr vielversprechend ist. Er soll demnächst die Leitung der mechanischen Fertigung übernehmen. Die anderen Deutsch Sprechenden haben zum Teil die deutsche Schule absolviert, wie der Leiter der Kabelfertigungsabteilung, Levente Creţu, oder es auf der Straße gelernt, wie zum Beispiel Mihai Antal, der Leiter der Sektion Schaltschrankbau. 

Haben Sie nicht mit einer Fluktuation bei den Mitarbeitern zu kämpfen, die zu besser bezahlten Jobs ins Ausland gehen?
Die Fluktuation war vor zwei Jahren sehr hoch, aber das ist mehr oder weniger vorbei. Viele unserer Mitarbeiter gingen nach Spanien, Italien, Deutschland und schlossen dort Arbeitsverträge, merkten aber bald, dass sie ungünstig sind und nicht wenige haben sich dabei verbrannt. Und es sind nicht wenige, die nach ein paar Wochen zurückkamen und ihre Stelle wiederhaben wollten. Schön langsam kommen die Leute drauf, dass es nicht lohnt, hier einen sicheren Job aufzugeben.

Wieso sind Sie nicht nach Deutschland arbeiten gegangen, wo Sie einen höheren Lohn hätten bekommen können? Oder ausgewandert, wie die meisten Sachsen?
Das Einkommen ist sicher keine Nebensache, aber meine Frau und ich haben uns gesagt, wir finden auch hier unsere Verdienstmöglichkeit und Chance und wir können auch hier glücklich und zufrieden sein. Ab und zu sind wir natürlich auch enttäuscht worden und haben, wie viele andere auch, gedacht, es hätte viel schneller besser gehen können. Wir bereuen es aber durchaus nicht, dass wir nicht mit der Masse ausgewandert sind. Und jeder Besuch in Deutschland bestärkt mich in der Gewissheit, dass es richtig war, hier zu bleiben. 

Ist ein Ausbau von „Cableteam“ geplant?
Erweitert wird eigentlich ständig. Und es nimmt nicht bloß die Quantität der Produktion zu, sondern auch die Komplexität der Erzeugnisse, und das in allen drei Sparten. Zum Beispiel haben wir im Schaltschrankbau bisher nach Vorgabe gearbeitet, das heißt, wir haben die Pläne bekommen und die Teile erhalten und diese zusammengebaut. Inzwischen machen wir den Einkauf hierfür selbst, und zwar besorgen wir die Elektroteile zu etwa 90 Prozent in Rumänien, wir machen die Planung selbst und beginnen nun auch damit, die Programmierung für diese hochtechnologischen Produkte zu machen. Ein solcher Schaltschrank kostet bis 50.000 Euro, es sind also keine kleinen Teilchen.

Im vorigen Jahr wurde die ehemalige Wollwäscherei gekauft und dort wird nun die Kabelfertigung weiter ausgebaut. Zurzeit werden Kabel in industriellen Längen, also nicht zugeschnitten, hergestellt, doch wollen wir u. a. in den Automobilbereich einsteigen, weil es dafür viele potenzielle Abnehmer in der Umgebung gibt. Für die weitere Zukunft ist das Einrichten einer Kabelkonfektionierung von Kabelbäumen zum Beispiel in der Wollwäscherei vorgesehen. Dadurch könnten weitere Arbeitsplätze geschaffen werden, auch für Frauen aus der in Schäßburg ziemlich zugrunde gegangenen Textilbranche. Wir sind dabei, die spezielle Zertifizierung als Automobilzulieferer zu erhalten und hoffen, dass das bald klappt.

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