Europäer zu Gast bei Europäern

Freiwilligendienst: Ohne Geld den eigenen Kontinent entdecken

Sonntag, 03. Juni 2018

Lea, Alejandro und Amina gestalten eine Unterrichtseinheit zum Thema „Kulturelles Bewusstsein“.
Fotos: Lea Dürst

Spielerisch übt Lea im Sprachclub mit den Schülern Deutsch.

Die Freiwilligen Diego, Irene, Vanesa, Lea, Andrea, Giulia und Alejandro auf ihrer Balkanreise in Belgrad

Europa ist ein Flickenteppich. So viele Sprachen, Lebensweisen, Traditionen und geographische Besonderheiten vermischen sich auf unserem Kontinent, dass es unmöglich scheint, sich überall gut auszukennen. Damit junge Menschen mehr über die verschiedenen Kulturen und die europäische Geschichte lernen und sich besser mit Europa identifizieren können, gibt es das Europäische Solidaritätskorps, ein Programm für Freiwilligendienste im europäischen Ausland. Diese Initiative der Europäischen Union bietet die Möglichkeit, im Gastland gemeinsam mit Einheimischen und anderen europäischen Freiwilligen an einem Projekt zu arbeiten und sich so in die Kultur eines anderen Landes zu integrieren.

Ob in Griechenland Schildkröten retten, in Portugal Menschen mit Behinderung betreuen oder in Estland Bildungsveranstaltungen für Jugendliche organisieren: Die Projekte des Europäischen Solidaritätskorps (ESK - bis Ende 2017 unter dem Namen Europäischer Freiwilligendienst bekannt) sind vielfältig. Genauso vielfältig wie seine Einsatzländer und Teilnehmer. Denn es richtet sich unabhängig vom Bildungsgrad an alle jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren, die sich im europäischen Ausland in sozialen, kulturellen oder ökologischen Bereichen als Freiwillige engagieren möchten. Wichtig ist dabei, dass sich das Europäische Solidaritätskorps im Gegensatz zu anderen Freiwilligendiensten nicht als Vermittlungsdienst für Entwicklungshilfe versteht, sondern stattdessen die persönliche Entwicklung des Freiwilligen in den Mittelpunkt stellt. In Austausch mit anderen europäischen Kulturen treten, Menschen aus unbekannten Kreisen begegnen, selbstständig Problemsituationen bewältigen, eine neue Sprache lernen, über sich selbst hinauswachsen, eine europäische Identität entwickeln - das sind die Ziele, die das ESK verfolgt; besonders in Zeiten von wachsendem Nationalismus in vielen europäischen Staaten.

Wie funktioniert’s?

Der Freiwilligendienst wird über das EU-Programm Erasmus+ gefördert, sodass für den Freiwilligen keine Kosten entstehen. Für ihre Arbeit in Vollzeit erhalten die Jugendlichen Unterkunft, Vollverpflegung, ein Taschengeld und unter Umständen auch finanzielle Unterstützung für die Mobilität vor Ort. Zudem werden An- und Abreise bezuschusst oder auch übernommen, der Freiwillige wird komplett versichert und das Kindergeld wird weiterhin ausgezahlt. Falls ein Visum oder besondere Impfungen nötig sind, werden auch diese Kosten von der EU getragen. 

Um das Wohlbefinden im Gastland zu garantieren und eine Integration in die lokale Gemeinschaft zu ermöglichen, wird eine pädagogische Begleitung vor, während und nach dem Auslandsaufenthalt gewährleistet sowie entweder ein Sprachkurs vor Ort oder alternativ eine Online-Sprachhilfe finanziert und organisiert. Sprachkenntnisse oder ein bestimmter Bildungsabschluss sind keine Voraussetzungen für die Teilnahme am Freiwilligenprogramm. Mehr Informationen zum Bewerbungsprozess gibt es unter europa.eu/youth/solidarity_de.

Das Europäische Solidaritätskorps beinhaltet neben dem individuellen Freiwilligendienst mit einem Zeitumfang von zwei bis zwölf Monaten auch Freiwilligenaktivitäten für Gruppen, die zwischen zwei Wochen und zwei Monaten dauern. Gastländer sind alle europäischen Länder sowie einige angrenzende Länder im Nahen Osten, im Südkaukasus und in Nordafrika.

Am Ende des Auslandsaufenthaltes erhält jeder Volontär den sogenannten Youth Pass. Diese besondere Art von Arbeitszeugnis schreibt sich jeder selbst: Unterteilt in verschiedene Kategorien kann man auflisten und erläutern, was man während seines Freiwilligendienstes geleistet und gelernt hat. Umfang und Inhalt bestimmt damit jeder Freiwillige selbst, sodass der Youth Pass auf die jeweilige Lebensplanung angepasst und somit für den zukünftigen Werdegang verwendet werden kann.

„Ein unglaublicher Moment“

Wie zahlreiche junge Europäer hat sich auch Lea Dürst aus Deutschland für ein Europäisches Solidaritätskorps entschieden. Seit Februar erkundet sie nicht nur ihre Gaststadt Craiova, sondern Stück für Stück das ganze Land. „Vor meinem Freiwilligendienst war ich noch nie in Rumänien. Bei der Auswahl meines Projektes hat das Land für mich auch gar keine große Rolle gespielt, mein Fokus lag allein auf den Inhalten der Arbeitsstelle“, erklärt Lea. In der Weiterbildung wollte sie gern arbeiten, um die Kenntnisse aus ihrem Begleitstudium der BWL mit Schwerpunkt auf Human Resources und Weiterbildung praktisch anwenden zu können. In der Jugendorganisation „Asociația Comunități Pentru Tineret“ hat sie gefunden, wonach sie auf der Suche war. In den ersten Monaten hat sie dort Aktivitäten mit dem Schwerpunkt „Kulturelles Bewusstsein“ für Schüler der ersten bis zehnten Klasse organisiert. Zusammen mit den anderen ESK-Freiwilligen ihres Projekts hat sie Unterrichtseinheiten an fünf Schulen gestaltet. Seit Kurzem bieten Lea und ihre Co-Volontäre auch freiwillige Sprachclubs für die Schüler an: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Arabisch stehen auf dem Programm. Dabei steht alles unter dem Schirm der außerschulischen Bildung, das heißt: Gelernt wird spielerisch mit Musik, Bewegungen, Theater, Bildern und in Gesprächen. „Das schönste Erlebnis im Projekt war unser erster Tag in einer ersten Klasse: Die Kinder waren so aufgeregt, sie haben bereits im Pausenhof auf uns gewartet. Sie sind auf uns zugerannt und haben euphorisch geschrien. Es war ein unglaublicher Moment zu sehen, wie sehr sich die Kinder auf uns freuen und wie sehr sie unsere Anwesenheit schätzen“, erinnert sich Lea strahlend.

Schmunzeln über Unterschiede

Insgesamt bleibt Lea für sechs Monate in Craiova. So lange hat sie Zeit, um die rumänische Kultur besser kennenzulernen. Vor ihrer Ankunft habe sie nicht gewusst, was sie erwarte, verrät sie. Aber sie sei von Land und Leuten positiv überrascht worden. Pudelwohl fühlt sie sich hier, nur manchmal kommt es dann doch zu ungewohnten Situationen: „Rumänische Männer geben oft nur anderen Männern die Hand, Frauen ignorieren sie dabei quasi, selbst wenn sie direkt daneben stehen. Am Anfang konnte ich darüber nicht lachen, ich war überrascht und ein bisschen schockiert. Jetzt muss ich aber jedes Mal darüber schmunzeln. Ich weiß, dass es kein Zeichen der Unhöflichkeit ist, sondern Teil ihrer Kultur.“ Schließlich ist Lea ja hier, um Erfahrungen im Umgang mit anderen Kulturen zu sammeln. Nicht nur von den Rumänen lernt sie dabei, sondern auch von den anderen europäischen Freiwilligen aus ihrem Projekt, mit denen sie sich auch eine Wohnung teilt: Andrea und Amina aus Italien und Alejandro und Diego aus Spanien. „Ich denke, dass wir alle hier gegenseitig unser Verständnis für unsere Kulturen verbessern und prägen“, sagt Lea und fügt hinzu: „Außerdem werden mir auch die Besonderheiten der deutschen Kultur stärker bewusst, seit ich hier bin. In einem anderen Land zu leben, stärkt gleichzeitig das Verständnis von der eigenen Kultur.“ So kommt es in dem internationalen Team im Projekt ab und zu zu witzigen Situationen, weil nationale Stereotypen Bestätigung finden. Lea gilt in der Arbeit als die organisierte und strukturierte Deutsche, als die sie sich vorher selbst nie gesehen hat.

Feiertage? Reisezeit!

Zweimal die Woche haben die fünf Freiwilligen gemeinsam Rumänischunterricht. So können sie sich auch dann verständigen, wenn sie mit Englisch mal nicht mehr weiterkommen. Außerdem sind Sprachkenntnisse natürlich der Schlüssel zur Integration, weswegen Lea froh ist, dass es gut voran geht. Neben dem Sprachunterricht wird jedem Freiwilligen des Europäischen Solidaritätskorps die Teilnahme an einem mehrtägigen Einführungstraining zugesichert. So konnte Lea kurz nach ihrer Anreise gemeinsam mit anderen Jugendlichen aus ganz Europa, die für ihren Freiwilligendienst nach Rumänien gekommen sind, etwas über die Besonderheiten der rumänischen Kultur lernen und neue Freundschaften schließen, um später zusammen das Gastland bereisen zu können. Nun steht bereits das Zwischentreffen an – die Zeit vergeht schnell, wenn viel passiert. Und über Langweile kann Lea sich nicht beklagen: Am langen Maiwochenende ging es nach Klausenburg/Cluj-Napoca und Neustadt/Baia Mare und über die Osterferien hat sie mit den anderen Freiwilligen eine ganze Balkanreise unternommen: Bulgarien, Serbien, Montenegro, Kroatien und Bosnien und Herzegowina haben die frischgebackenen Craiovaer gemeinsam bereist.

Lea hat mit ihrem Freiwilligendienst offensichtlich das Richtige für sich selbst gefunden: „Ich kann jedem nur empfehlen, eine Weile im Ausland zu leben. Das Solidaritätskorps bietet dazu eine besondere Möglichkeit. Man lernt viele Leute und neue Kulturen kennen. Und gleichzeitig bekommt man noch die Gelegenheit, etwas Gutes zu tun und durch freiwillige Arbeit andere zu unterstützen.“

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