Europäische Neuverhandlung ethnischer Prioritäten?

Junge Intellektuelle der deutschen Minderheit Rumäniens suchen Allgemeinverantwortung statt Abschottung

Donnerstag, 28. Februar 2019

Architekt Klaus Birthler aus Sächsisch-Regen stellt sich als Exponent der jungen deutschen Minderheit Rumäniens der Doppelherausforderung Siebenbürgen und Europa.
Foto: der Verfasser

In dem Schlagwort Pünktlichkeit wollen gestandene Bürger Rumäniens nicht selten eine sächsische Tugend schlechthin erkannt haben. Tatsächlich scheint an der ein oder anderen wertschätzenden Etikettierung der deutschen Minderheit in Rumänien etwas dran zu sein, hat man es doch im 20. Jahrhundert nicht nur, aber auch als muttersprachlich deutsch aufwachsende Zivilperson frühestmöglich eingeschärft bekommen: Ja nicht verspäten, und, falls irgend möglich, am besten zehn oder gar fünfzehn Minuten früher vor Ort parat sein! Alles steht und fällt mit dem Begriff sauber ausgeführter Organisation, wenn man in die Tiefen siebenbürgisch-sächsischer Weltanschauung vordringt. Eine Wortkette, die unter den quasi-Heiligenschein sozial elitärer Bringschuld zwingen kann. Eine Messlatte, die einem von außen wie innen klar aufgezeigt wird. Welche Relevanz trägt zurzeit der teilweise noch latent lebendige Anspruch, Elite, Integrität und Pünktlichkeit als geschlossenen Kreis zu betrachten, in den man zu imperialen Zeiten nur durch Abstammung oder Geburt vollständig Einlass finden konnte?

Nur gut, dass im Zweifelsfall zwecks Erleichterung des Aufeinander-Zugehens diverse Hilfsmittel wie beispielsweise das akademische Viertel zur Verfügung stehen. Moderatoren, Privatpersonen, Lokalpolitiker und Pressevertreter erklärten sich am Dienstag, dem 19. Februar, um Punkt 15 Uhr im Vortragssaal des Pavillons am Haupteingang zum Astra-Freilichtmuseum im Jungen Wald/Pădurea Dumbrava in Hermannstadt/Sibiu stillschweigend bereit, mit dem Beginn der öffentlichen Vorstellung der Kampagne in rumänischer Sprache „Etnicii germani. 100 de destine în secolul românesc“ (Hundert Schicksalsgeschichten der Deutschen im rumänischen Jahrhundert) ein Weilchen hinzuhalten. Die Bühne schien noch nicht bereit für die nachfolgende Podiumsdiskussion unter der Regie von Journalistin Ruxandra Hurezean. Weder die Michael-Schmidt-Stiftung, die das Projekt im Herbst 2018 initiiert hatte, noch die Persönlichkeiten, die ihre Plätze an der Frontseite des Vortragssaales einnahmen, ließen Unmut über den verspäteten Auftakt der Veranstaltung aufkommen.

Simona Malearov, Kuratorin der Hermannstädter Astra-Museumsvereinigung, und Alexandra Pascu vonseiten der Michael-Schmidt-Stiftung formten gemeinsam mit einer Ansprache des Direktors der Astra-Museumsvereinigung, Ciprian Anghel Ștefan, die Rahmenbedingungen der Begegnung mit zwei von insgesamt zehn Repräsentanten der Informationskampagne. Vor den Augen und Ohren eines Publikums, in dessen Reihen Dr. Paul-Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR), Martin Bottesch, Vorsitzender des Regionalforums Siebenbürgen (DFDS), Pfarrer Hans-Georg Junesch, Dechant des Bezirkes Hermannstadt der evangelischen Kirche A.B. in Rumänien (EKR), und Klaus-Martin Untch, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde A.B. Hermannstadt, sich als Gäste eingefunden hatten, entfaltete sich ein Interview mit Klaus Birthler, Jahrgang 1982 und Stadtarchitekt in Sächsisch-Regen/Reghin, Kreis Muresch, und Liane Junesch, Pädagogin und Dozentin an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt (ULBS). Ruxandra Hurezean, Gesprächsleiterin und Autorin der dokumentarischen Kurzfilme der Informationskampagne (www.fundatia-michael-schmidt.org/100deetnicigermani/100-etnici-germani.php), hatte vorbildliche Recherche und Vorbereitungsarbeit geleistet. „Der Augenblick, wo die Geschichte der Siebenbürger Sachsen ausschließlich in Museen erfahren werden kann, ist noch längst nicht eingetroffen. Außerdem handelt die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen nicht nur im eigenen Interesse, sondern behält im Tagesgeschäft auch Anliegen der Allgemeinheit im Blick.“

Ehe Liane Junesch zum Zuge kam, lag es an Architekt Klaus Birthler, Fragen von Ruxandra Hurezean zu beantworten. Eingangs beschrieb er seine universitäre Ausbildungszeit in Klausenburg/Cluj-Napoca und Hamburg. Wer heutzutage Architektur studiert, wird nach Ausbildungsabschluss meist einen großstädtischen Arbeitsplatz ansteuern. Klaus Birthler hingegen erlebte in Hamburg einen Aha-Moment: „Als ich sah, was in Deutschland alles dauerhaft auf die Beine gestellt worden war, dachte ich an Rumänien, wo noch enormer Nachholbedarf herrscht. Nichtsdestotrotz erscheint mir dieser Patriotismus als ein Gefühl, dass ich nicht beschreiben kann“. Mehr denn je hat die siebenbürgisch-sächsische Dorf- und Kirchenburgenlandschaft einfühlsame Bauaufsicht nötig. Woran es mangelt, sind Fachhandwerker, die sich jahrhundertealter Bausubstanz mit stilgerechtem Können annehmen. „Die Nachfrage übersteigt das Angebot um ein Vielfaches. Rumänien steckt in einem Bauboom, den es aus eigenen Ressourcen nicht decken kann. Leider ist auch zu erkennen, dass hierzulande im Architekturbereich verstärkt nach wirtschaftlichen statt kulturellen Kriterien gearbeitet wird“, gibt Klaus Birthler zu bedenken. Auf die Frage von Ruxandra Hurezean, was er Aspiranten auf den Architektenberuf empfiehlt, kommt eine klare Antwort – „ich rate ihnen, die Lehrstationen eines Bauhandwerks persönlich kennenzulernen, sei es Maurern, Tischlern oder Dachdecken. Ohne praktische Erfahrung am Objekt selbst ist es schwierig, durchdachte Gebäudepläne zu erstellen.“

„Wichtig ist es, Gemeinschaft zu schaffen, nicht Konkurrenz. Denken Sie an ein Fahrrad und an die Summe aller Bestandteile, die den funktionsfähigen Apparat ausmachen. An die Pedale, die Räder, die Speichen und alles, was so dazugehört. Ähnlich ist es auch in einer Gemeinschaft. Wollten wir alle uns ausschließlich als Lenkstangen zur Verfügung stellen, kämen wir schwer voran“, führt Liane Junesch dem Betrachter der Kurzfilme bildlich vor das Gewissen. Im Vortragssaal des Astra-Freilichtmuseums betonte sie, Expertin für den Unterricht in deutscher Sprache zu sein und von einer Generalbeurteilung der Bildungspolitik dezidierten Abstand nehmen zu wollen. Bezüglich der stark verbreiteten elterlichen Gewohnheit, Kinder, die eine deutschsprachige Schule besuchen, mit Privatunterricht zu überhäufen, wird Liane Junesch hingegen kategorisch: „Ein wirklich gutes Schulsystem erzielt auch ohne häusliche Privatstunden das gewünschte Ergebnis. Warum Privatstunden? Die sind ganz klar dem eitlen Kontrollbedürfnis der Eltern zuzurechnen!“ Mit ähnlicher Treffsicherheit artikuliert die Universitätsdozentin auch den sekundären Gedanken ethnischer Herkunft, sei doch jede sprachlich-kulturelle Zugehörigkeit, die sich von dem rumänischen Einheitsmodell unterscheide, als „zusätzliche“ Eigenschaft zu deuten.

Den gültigen Normen der Veranstaltungsart entsprechend wurde dem DFDR und der EKR für alle erbrachte Unterstützung gedankt. Unternehmer Martin Müller, Inhaber der Gaststätten „Hermania“ und „Albota“ und zutiefst überzeugter Rückkehrer unter den Siebenbürger Sachsen, versuchte mittels einer ergriffenen Stellungnahme jene nostalgische Sichtweise zu nähren, die sich an dem Szenario lebendiger Wiederaufnahme der 800-jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen auf transsylvanischem Boden orientiert. Berechtigt war Martin Müllers Kritik an Rumäniens derzeitiger Regierungspolitik. Fraglich erscheint jedoch die Anmerkung, dass eine geschlossene Rückwanderung der aktuellen Diaspora ins heimatliche Rumänien aus psychologischer Motivation im Sinne prioritär territorialer Zugehörigkeit erstrebenswertes Kollektivziel aller zu sein habe. Die nachfolgende Generation derjenigen Menschen, denen das Europa des 21. Jahrhunderts gehören wird, hat den Wandergeschmack individueller Freiheit kennengelernt und stellt ihn über jedes rückwärts gewandte Herkunftsdenken. Man ist geneigt zu interpretieren, dass junge Angehörige ethnischer Minderheiten sich in erster Linie zumeist als Bürger der Europäischen Union verstanden wissen wollen und ihrer sprachlich-kulturellen Sonderidentität nichts weiter als den Wert eines Bonus zumessen, von dem die Funktionsweise des europäischen Gesamtapparates nicht in entscheidendem Maße abhängig werden darf.

 

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