Eurothalia Theaterfestival 2014

Mittwoch, 19. November 2014

Regisseurin Sanja Mitrović ist an Dokumentartheater und am Verhältnis zwischen den sozio-politischen und den kulturellen Aspekten der Realität interessiert.

Szene aus der Inszenierung „Ossis Stein“ mit Natalie Sigg und Wolfgang Kandler

Foto: DSTT

Das Europäische Theaterfestival „Eurothalia“ fand vom 8. bis zum 17. November in Temeswar statt. Zum vierten Mal veranstaltete das Deutsche Staatstheater Temeswar (DSTT) das internationale Event, das 18 Vorstellungen aus fünf Ländern in die Begastadt brachte. Das Festival begann mit der neuen Koproduktion des DSTT und des Ungarischen Csiky-Gergely-Staatstheaters namens „Moliendo Café“ und wurde zehn Tage später mit „Victor oder die Kinder an der Macht“ abgeschlossen - beide Vorstellungen in der Regie von Silviu Purcarete.

 

Starke Wörter im “Crash Course Chit Chat“

Eine holländische Produktion beim Eurothalia-Festival

 

Fünf Interpreten – fünf europäische Länder – treffen aufeinander im zeitgenössischen Europa – auf einer Bühne, die aus fünf Kisten voller Memorabilien und ein (mit Geld) ausgestopftes Schwein besteht. Was mit üblichen Geplauder (Englisch “Chit Chat”) anfängt – Wer bist du? Woher kommst du? Was definiert dich? – wird langsam zu einem angespannten Gespräch über tägliche Probleme und unterbewusste Gedanken, die alle ganz fest in der Vergangenheit verankert sind. Das Stück „Crash Course Chit Chat“, eine Produktion der holländischen Firma „Stand Up Tall Production“, unter der Regie von Sanja Mitrović, hebt historische Zusammenhänge hervor und zeigt in einem „Crash Course“ (Kurs, in dem der Unterrichtsstoff besonders komprimiert und in kurzer Zeit vermittelt wird) die Kausalität zwischen Schlüsselmomenten aus der Geschichte und das heutige Leben. Entscheidungen, die von anderen Menschen lange vor unserer Geburt genommen wurden, ruhen jetzt auf unseren Schultern. Man möchte stolz auf seine Länder sein, aber man leidet unter deren Geschichte.

Katja Dreyer, Servane Ducorps, Martijn Groenendijk, Helmut van der Meersschout und Bruno Roubicek vertreten auf der Bühne fünf europäische Länder. Frankreich betrinkt sich, seufzt und ruft nach Deutschland, das sich geärgert hat und weggelaufen ist, nachdem es erneut für seine Vergangenheit kritisiert wurde. Belgien hat Identitätsprobleme und kann Holland nicht ertragen, während Großbritannien weiterhin höflich ist und sich in diesen Sachen wenig einmischt. Bis es explodiert. Dann fliegen die schlechtesten Schimpfwörter aus Großbritanniens Mund. Alles, was in Reichweite liegt, wird brutal beleidigt. In dieses Europa zeigen die Länder ihr wahres Gesicht. Es bleibt kein Platz für Diplomatie. Es wird mit Stereotypen um sich geworfen. Sie werden zur Waffe. Frankreich, Deutschland, Belgien, Holland und Großbritannien schlüpfen abwechselnd in die Opfer- und Henkerrolle. Ihr Ziel: zu entscheiden, welche Nation die europäischste ist. Dabei provozieren sie sich gegenseitig, aber auch sich selbst und erfahren, was sie gemeinsam haben und was sie unterscheidet. Das Ergebnis ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle für die Zuschauer, die ständig zwischen Komik und Tragik hin und her gerissen werden. Am Ende bleibt das Gefühl, dass man auf einmal ganz viel von der Welt verstanden hat. Ein richtiger „Crash Course“ eben.

(Marion Kräutner)

 

Von der Verwundbarkeit des Menschen

Zu „Ossis Stein“ von Frieder Schuller auf der DSTT-Bühne

 

Eine späte aber effektvolle Geschichte in vertraut-verhassten Szenen und Bildern über den Kommunismus. Über unseren Kommunismus, der uns nachläuft, wie ein treuer Hund. Und vielleicht ist es auch gut so,damit wir niemals nichts davon vergessen.  Mit seinem überraschenden Theaterstück „Ossis Stein oder Der werfe das erste Buch“ trifft der Autor Frieder Schuller, seit Jahren in Deutschland lebender rumäniendeutscher Lyriker und Filmregisseur, sozusagen mehrere Fliegen auf einen Streich: Nachdem die Jugendsünde  des damals angehenden Lyrikers Oskar Pastior, seine kurze IM-Vergangenheit nun, nach Jahrzehnten, da der Schriftsteller zu den größten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur gezählt wird, publik wurde, gelang es Schuller dieses dunkle Kapitel zu gestalten und zu erhellen. Jenseits der Akte O.S. (Ossi Stein) wird jedoch auch ein eindringliches Bild der Anfangsepoche des Kommunismus in unserem Land geboten. Letztlich gelang Frieder Schuller ein theaterwirksamer Text, eine Rarität in der rumäneindeutschen Literatur, auf Schritt und Tritt angereichert mit dem schönen Wortmaterial und den Metaphern beider Lyriker, als Autor und Gestalt.

So widersprüchlich und beladen diese Geschichte auch ist, die Inszenierung  der deutschen Abteilung des Hermannstädter Radu-Stanca-Theaters in der Regie von Daniel Plier – ein besonderer Beitrag zu dem vom DSTT veranstalteten europäischen Theaterfestival Eurothalia- visiert die Essenz an. Dieses traurige Bruchstück aus der Biographie des Dichters, verstrickt in den Überlebenskampf zwischen Not, Leiden, Lüge und Kompromiss ähnelt wohl etlichen anderen Biographien in diesem Land, in einer gewalttätigen Zeit. Der junge Pastior (von Wolfgang Kandler dargestellt), aus einem Hof der Hölle in den anderen, vom Lageraufenthalt in der Ukraine, in den realistischen Kommunismus von zu Hause geraten, versucht verzweifelt, sich zwischen den schönen Idealen des Dichters und den anrüchigen Ansprüchen der neuen Gesellschaft und deren Machthaber zurechtzufinden. Etwas schemenhaft aber doch eindrucksvoll die Szenen aus dem Lageralltag in der Ukraine. Viel gelungener die Szenen, in der der junge Dichter und Rundfunkreporter zugleich von Genosse Dan (von Daniel Plier mit viel Einfühlvermögen auf die Bühne gebracht) und desen grobschlächtigem Handlanger Paul (Daniel Bucher) erpresst wird, Loblieder für die erste Zeitungsseite aber auch Reportagen über die sozialistischen Errungenschaften die „Begeisterung“ der werktätigen Menschen zu verfassen. U.a. stammen aus dieser Zeit Pastiors diese etwas zerknirschte Huldigungsverse: „...die ganze spezifische Freude...an der ganzen sozialistischen Heimat...“

Eingestreut zwischen die Szenen politische Witze aus dem Kommunismus, einige davon hätte der Autor- trotz der erzielten befreiten Lachern aus dem Publikum- lieber in den Witz- und satirischen Blättern gelassen.

Eine Schlüsselszene ergibt die Verführungsszene: Der Dichter wird von Flittchen Poesie Silvia (Nathalie Sigg) und Genosse Dan (er tanzt einen Tango eng umschlungen mit seinem Opfer) dazu verführt, sein IM-Engaegment zu unterzeichnen. In diesem Engagement von 28.06.1961 stand übrigens der üble aber von etlichen Anderen auch geschriebene Satz : „In diesem Sinne werde ich alle Bemühungen zur Entlarvung der feindlichen Elemente des Regimes der RVR unternehmen...“. Letztlich endet das Stück mit dem eindrucksvollen Auftritt, in dem der Dichter mundtot gemacht wird (Der Securitate-Scherge Paul presst ihm eine Zeitung auf den Mund)

Frieder Schuller gelang mit „Ossis Stein“ ein schönes Stück rumäniendeutscher Literatur, darüber hinaus ein eindrucksvolles Porträt der Einsamkeit des Dichters und der Verwundbarkeit des Menschen in einer menschenverachtenden Welt der Gewalt und Niedertracht.

(Balthasar Waitz)

 

Lola Blau am Ende

Maia Morgenstern verkörpert Georg Kreislers tragische Figur

 

Georg Kreislers Figur „Lola Blau“ erinnert an Gloria Swansons Norma Desmond aus dem US-Amerikanischen Film noir „Sunset Boulevard“: Sie ist eine tragische Figur, die ihren Platz in der Welt nicht findet und am falschen Glanz des Showbusiness zugrunde geht sowie an den Nationalsozialisten, die ihr keine Chancen einräumen und sie ausgrenzen. Am Ende von Kreislers „Ein-Frau-Stück“ sitzt Lola auf einem Stuhl, so ziemlich am Ende. Die Schlussfolgerung: So hart das politische Klima Ende der 1930er Jahre war, so hart kann auch das Leben auf der Bühne sein.

1938 kriegt Lola Blau, damals 20 Jahre alt, ihre Erstanstellung an der Landesbühne Linz. Kaum kann sich die junge Schauspielerin über ihren Erfolg freuen, wird ihr auch schon das Engagement gekündigt und Lola sieht sich gezwungen in die Schweiz zu ziehen. Doch selbst in dem politisch eigentlich neutralen Land findet sich für ihre „Sorte“ kein Platz. Innerhalb von 24 Stunden soll sie das Land verlassen. Nur gut, dass ihr auch gleichzeitig die Ausreise nach Amerika genehmigt wird. Nachdem die junge Schauspielerin Kabarett im Untergrund spielt, kann sie in den USA eine große Karriere starten. Doch je berühmter Lola wird, desto mieser geht es ihr. Immer wieder schmachtet sie ihrem Freund Leo nach, den sie für tot glaubte, bis ihr dieser nach dem Krieg schreibt und sie so in ihre alte Heimat, die sie nicht haben wollte, zurückkehrt. Das sie in Amerika ein großer Star war, interessiert in Österreich niemanden. Um am Theater angestellt zu werden muss Lola alles machen. Sie kann alles machen und ist auch bereit alles zu machen. Doch selbst dieses „alles“ ist dem Intendanten nicht genug.

Kreisler erzählt das Schicksal dieser Frau mit viel Humor, allerdings hinterlässt jeder Lacher auch einen bitteren Nachgeschmack. Besonders wenn eine der größten rumänischen Schauspielerinnen Lola Blau personifiziert.

In der Produktion des Jüdischen Staatstheaters Bukarest von „Heute Abend: Lola Blau“ verzaubert und schockiert Maia Morgenstern. Die Schauspielerin jüdischer Abstammung, die sich auch international eine erfolgreiche Karriere aufgebaut hat, bringt so viele Nuancen in die Rolle rein. Die inzwischen 52-jährige Morgenstern muss dabei eine Frau verkörpern, die zuerst jung und naiv ist und mit fortschreitendem Alter immer abgeklärter aber auch verbitterter wird. Lola Blau wirkt in Alexandru Dabijas Inszenierung gehetzt und verzweifelt. Man erlebt in Schnellvorlauf den Aufstieg und Fall einer Schauspielerin und erhält gleichzeitig einen Blick hinter den Kulissen. Und es ist eine harsche Welt, die genauso scheinheilig ist, wie die der Nationalsozialisten.

Und dieses harte Geschäft, durch das sich Lola durchschlagen muss, ist überall präsent und überdauert.

Doch hintergründig wird auch immer wieder die Geschichte zwischen Lola und ihrem Leo angedeutet. Sie reist ihm überall nach und hält an diesem Geist aus ihrer Vergangenheit fest. Er ist ein Teil ihrer Seele, den man von ihr fortgerissen hat und ohne den sie nur ein halber Mensch sein kann.

(Robert Tari)

 

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