Evangelische Frauen im Einsatz

Kuratorin unternimmt regelmäßig Krankenbesuche

Samstag, 12. September 2015

Das Presbyterium der evangelischen Pfarrgemeinde in Temeswar zählt 12 Mitglieder: neun Frauen, drei Männer und Pfarrer Kovacs Zsombor. Im Hof des Pfarrhauses die Presbyterinnen Iovanca Popovici (links) und Marianne Dobiştean
Foto: die Verfasserin

Im vergangenen Jahr feierte Elsa Reiszer ihren 80. Geburtstag im AMG-Haus und in einem Restaurant in Temeswar. Ihre Tochter Hildegard und ihr Schwiegersohn Manfred Ruck reisten zu diesem Anlass aus Deutschland an.
Foto: privat

Zum Erntedankfest schmücken die Temeswarer Presbyterinnen jedes Jahr die Lutherkirche.

Innenansicht der im 19. Jahrhundert im klassizistischen Stil errichteten Lutherkirche am ehemaligen Lutherplatz, derzeit Ionel I.C. Brătianu-Platz 2
Fotos (2): Evangelisches Pfarramt Temeswar

Iovanca Popovici ist als Kuratorin die zweite im Rang nach dem evangelischen Pfarrer und zugleich eines der zwölf Mitglieder des Presbyteriums, des Leitungsgremiums der evangelisch-lutherischen Pfarrgemeinde in Temeswar/Timişoara. Ich treffe sie im Pfarramt neben der Lutherkirche in Temeswar. Passiert man den gewölbten Eingang des zweigeschössigen Gebäudes der evangelischen Pfarrgemeinde, wo das Pfarramt liegt, betritt man eine Märchenwelt: Im Innenhof links ein weiß gestrichener Gang mit Rundbögen; ein gepflasterter, enger Weg führt geradeaus zum ockerfarbenen Haus; weiter hinten schlängelt sich eine alte Holztreppe in den ersten Stock hinauf und rechts erhebt sich steil die von Efeu fast zugewebte Kirchenseitenmauer. Das Gewächs verziert nahezu den gesamten Innenhof. Nur die Schilder der eingemieteten Antwaltskanzleien, die wärmeisolierenden Fenster und die an der Außenwand angebrachten Klimaanlagen rufen den Besucher in die Gegenwart zurück.

Aus der Kirche ertönen Orgelklänge. Iovanca Popovici empfängt mich zusammen mit einer zweiten Presbyterin, Marianne Dobiştean, die die Funktion der Kassenprüferin einnimmt. Der Raum ist schlicht möbliert: ein Schreibtisch, ein Sitzungstisch, Wandschränke, Bücherregale und mehrere Stühle. An der Wand in der Nähe des Schreibtisches hängt ein Lutherbild. Die Kuratorin ist von Beruf Krankenschwester, jetzt ist die 76-jährige Rentnerin. Iovanca Popovici wurde 1939 in der Temescher Ortschaft Petrovaselo als Kind einer Deutschen namens Elisabeth Leb und eines serbischen Vaters geboren. „Der damalige Bürgermeister hat nicht erlaubt, dass ich einen deutschen Namen bekomme. Da es ein serbisches Dorf war, bestand er auf einem serbischen Namen - bei allen Kindern“, präzisiert die Kuratorin.

Zu ihren Aufgaben gehören u.a. Krankenbesuche, das Austeilen von Altkleidern, das Zusammenstellen von Weihnachts- und Osterpaketen. Letztere kommen über Spendengelder aus Deutschland zustande. Die Päckchen sind vor allem für Kinder, Senioren über 80 Jahre und chronisch Kranke, die sich von Zuhause nicht mehr fortbewegen können, gedacht. Zu diesen gehören auch fünf evangelische Senioren im Adam Müller-Guttenbrunn-Haus (AMG). Bei der Vorbereitung der Weihnachts- und Osterpäckchen ist auch Marianne Dobi{tean mit eingebunden. „Jedes Kind, das am 24. Dezember in die Kirche kommt, erhält ein Weihnachtspäckchen. An Heiligabend ist kein Gottesdienst, sondern eine Feier für Kinder“, so die  Kassenprüferin . „Alle Kinder bekommen gleiche Pakete, damit kein Neid aufkommt“, fügt Marianne Dobiştean hinzu. Der Einsatz der Kuratorin ist ebenso gefragt, wenn es Probleme gibt, die einer schnellen Lösung bedürfen. Aber auch, wenn Besucher oder Freunde aus Deutschland kommen. Des Weiteren ist ihre Anwesenheit bei Beerdigungen gefordert, wo sie den Pfarrer auch bei Regen- und Schneewetter begleitet. „Sie unternimmt sehr vieles, ist immer hilfsbereit und sehr bescheiden“, betont Marianne Dobiştean.

Eine feste Burg ist unser Gott

Mit dem evangelischen Grußwort betreten freundlich lächelnd weitere zwei Presbyterinnen und der slowakische Organist den Raum. Ich werde kurz vorgestellt. Man bleibt nicht lange, der hölzerne Kollektenkasten wird in einem Schrank verstaut und die Leute verabschieden sich.
Marianne Dobi{tean stammt aus Weidenbach/Ghimbav in der Nähe von Kronstadt/Braşov und hat das deutsche Lyzeum in Zeiden/Codlea besucht. Die 60-jährige Buchhalterin in Rente lebt jedoch seit 30 Jahren in Temeswar. Nach dem Ableben ihrer Mutter und der Umsiedlung ihrer Schwestern und Kusinen nach Deutschland hatte sie keine Verwandten mehr in Siebenbürgen, so dass sie mit ihrem Mann ins Banat zog, wo dessen Familie lebte. „Ich liebe diese Stadt wirklich. In Kronstadt regnete es andauernd, es war immer feucht. Es herrschte eben Bergluft und im Winter war viel Schnee“, sagt Marianne Dobiştean, die das milde Wetter in der Banater Heide dem Bergklima vorzieht. „Meinen zweiten Sohn habe ich schon hier geboren“, ergänzt die Zensorin. „Ich war sehr jung, als ich meine Mutter verloren habe, aber ich habe hier in der Gemeinde viele Mütter gefunden, die mich unter ihre Fittiche genommen haben“, sagt sie und blickt lächelnd zu Iovanca Popovici.

Marianne Dobiştean ist seitens der evangelischen Kirche in Temeswar auch für den Frauengebetstag, den Weltgebetstag der Frauen, verantwortlich. „Jeden Monat organisieren die Presbyter eine Agape nach dem Sonntagsgottesdienst. Wir bringen von zu Hause Kuchen, Gebäck, Kaffee und Saft und alle am Gottesdienst Beteiligten kommen in den Betsaal, wo wir dann eine Stunde lang gemütlich zusammen plaudern. Die alleinstehenden älteren Leute freuen sich besonders darüber“, schildert Marianne Dobiştean. Wenn große Reinigungsaktionen in der Kirche und im Betsaal anstehen, fühlen sich ebenfalls die Presbyter zuständig.

„Beim Erntedankfest bringen wir von zu Hause Gemüse, Obst und Blumen und schmücken die Kirche“, schließt Marianne Dobiştean. Sie schlägt vor, dass ich mir noch den Betsaal ansehe, bevor wir, Iovanca Popovici und ich, uns auf einen ihrer regelmäßigen Krankenbesuche ins AMG-Haus begeben, denn ich darf sie begleiten.

Nostalgie nach alten Zeiten

Elisabeth Gruber, Käthe Schütz, Michael Ernst, Elsa Reiszer und Magdalena Dan heißen die fünf deutschen evangelischen Altenheim-Bewohner des AMG-Hauses in Temeswar. Da die über 80-Jährigen nicht mehr in die Kirche kommen können, hält der evangelische Pfarrer Kovács Zsombor Gottesdienste für sie im AMG-Haus ab.

„Das ist die große Küche, links vorne der ‚botanische Garten‘, hier das große Badezimmer, in dem Zimmer dort werden die Geburtstage gefeiert, dann rechts das Schwesternzimmer, die Garderobe - und hier wohne ich“, führt die 81-jährige Elsa Reiszer munter durch den dritten Stock. In ihrem Zimmer angekommen, fährt sie gleich zu ihrem Nachtkästchen neben dem Bett und nimmt ein Fotoalbum aus der obersten Schublade. „Die Bilder sind von meinem Geburtstag im vergangenen Jahr“, lächelt die alte Frau. Ich soll mir unbedingt ein paar Fotos ansehen, während die Kuratorin sie nach ihrem Befinden fragt. Im AMG-Haus sind das Altenheim der gleichnamigen Stiftung, der Sitz des Demokratischen Forums der Deutschen in Banat (DFDB) bzw. des DFD Temeswar, ein Festsaal, eine Bibliothek und mehrere Verwaltungsräume untergebracht. Die meisten Bewohner des Altenheims sind römisch-katholisch, nur die fünf genannten Senioren sind evangelisch. Elsa Reiszer belegt zusammen mit einer anderen Deutschen ein Doppelzimmer im dritten Stock. Seit sieben Jahren, als ihr rechtes Bein amputiert wurde und sie an einen Rollstuhl gefesselt ist, wohnt sie im AMG-Haus. Trotzdem hat sie ihre Hoffnung nicht verloren.

„Ein Jahr alt war ich, als ich mit meinen Eltern nach Temeswar gekommen bin“, erzählt die 1934 in Klausenburg/Cluj-Napoca geborene Elsa Reiszer. Ihre 1910 in Schäßburg/Sighişoara geborene Mutter ist noch vor der Wende, 1984, im Alter von 73 Jahren in Temeswar gestorben. Ihren Vater, der in der deutschen Armee gekämpft hatte, dann in englische Gefangenschaft geraten war und sich nach der Befreiung wegen dem milderen Klima in Regensburg niedergelassen hatte, sollte die kleine Elsa niemals wiedersehen. „Er hat meine Mutter mehrmals gebeten, mit mir nach Deutschland umzusiedeln. Sie wollte aber nichts davon wissen“, äußert sich Elsa Reiszer dazu. Vier Jahre lang besuchte sie die Schule und war dann 30 Jahre in der Guban-Fabrik in Temeswar beschäftigt. Im Jahr der Revolution, 1989, trat sie mit 55 Jahren die Rente an.

„Ich war oft krank und wurde auch viel operiert“, meint sie mit ernster Stimme. Die 81-Jährige habe es nicht leicht gehabt, wie sie beteuert: Sie war alleinerziehende Mutter, denn sie ließ sich von ihrem Mann scheiden, und musste nebenbei auch ihre kranke Mutter versorgen. Jetzt ist Elsa Reiszer selbst auf die Hilfe des Fachpersonals im AMG-Haus angewiesen. Sie hat keine Verwandten mehr in Temeswar, ihre einzige Tochter, eine ausgebildete Deutsch- und Englischlehrerin, lebt seit 1990 in Deutschland. „Die Jugend war aber schön gewesen, wir sind tanzen gegangen, haben das Kino besucht, sind auf der Lloyd-Zeile spaziert. Es war eine ganz andere Atmosphäre als jetzt, es herrschte Respekt“, schwelgt Elsa Reiszer in alten Erinnerungen. Wir verabschieden uns, denn die Zeit ist knapp und wir müssen noch Käthe Schütz und Michael Ernst besuchen.

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