Existenzgründung scheitert an den Finanzen

Rumänen glauben an ihre Managerqualitäten

Mittwoch, 10. April 2013

Ohne die Hürde mit dem Startkapital, würden viele Bürger den Schritt in die Selbständigkeit wagen. Dazu berufen, ein eigenes Unternehmen zu leiten, sehen sich – der Umfrageauswertung nach - viele. In der IT-Branche versuchen es viele: Mit, aber auch ohne entsprechendem Fachstudium. Foto: Zoltán Pázmány

“Langfristig sich was aufbauen”, möchte Karol Istvan Retezan. Er ist gerade dabei, eine GmbH zu gründen und sich aus seinem Hobby in Computertechnik ein zweites Standbein zu sichern. Der 37-Jährige zweifache Familienvater ist jedoch glücklich, nicht auf Anhieb auf das Geld aus seinem neuen Unterfangen angewiesen zu sein. Irgendwann glaubt er, eine gewisse Unabhängigkeit zu erzielen und auch finanziell sich aus seinem Job beim Rettungsdienst zu verabschieden, denn „beim Staat wird es immer kleine Gehälter geben“.

Privatunternehmen als Wohlstandsfaktor gesehen

Ein zusätzliches Einkommen, sein eigener Chef sein und die eigenen Ideen umsetzen können - in dieser Reihenfolge ist für Retezan der Weg in die Selbständigkeit wichtig. Damit steht er jedoch unter Rumäniens Initiativfreudigen längst nicht alleine da: Er befindet sich nämlich im Einklang mit dem, was eine kürzlich veröffentlichte Studie von GfK Nürnberg und vom Zentrum für unternehmerische Tätigkeiten der Ludwig-Maximilian-Universität München ergab. So würden 55 Prozent der Rumänen eine Existenzgründung deshalb angehen, weil sie sich eine zweite Einkommensquelle wünschen, Unabhängigkeit dem Arbeitgeber gegenüber wollen 30 Prozent der Befragten und 23 Prozent sehen durch ein eigenes wirtschaftliches Unterfangen eine Möglichkeit, die eigenen Initiativen und Ideen am besten umsetzen zu können. Diese Umfragewerte unterscheiden sich vom Durchschnitt der Bürger aus insgesamt 16 europäischen Staaten, von denen allein Russland, die Schweiz, die Türkei und die Ukraine nicht Mitglieder der EU sind. Befragt wurden EU-Bürger aus Österreich, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Griechenland, Ungarn, Italien, Polen, Portugal, Spanien und Rumänien. Für die meisten Europäer ist die Unabhängigkeit vom Arbeitgeber der Hauptgrund einer wirtschaftlichen Eigeninitiative, gefolgt von der Möglichkeit, die eigenen Ideen umzusetzen und erst an dritter Stelle folgen mit 33 Prozent jene, die aus rein finanziellen Gründen ein zweites Standbein beabsichtigen.

Wirtschaftsexpertin dämpft verfrühte Euphorie

Für die langjährige Geschäftsführerin der Temescher Industrie- und Handelskammer, Menuţa Iovescu, sind all zu viele Absichten zur Firmengründung „besorgniserregend“. Auch wenn es ein gutes Gefühl vermittle, selbständig zu sein und eigene Initiativen umsetzen zu können, findet sie, „dass jemand auch noch geneigt sein muss, sich als Arbeitnehmer einzustellen.“ Nicht zuletzt sei ja nicht jeder dazu berufen, eine Firma zu gründen und dann weiter zu entwickeln. Was die Finanzierung betrifft, sieht die heutige Inhaberin einer Beratungsfirma trotzdem großen Nachholbedarf. „Es geht im Grunde nicht um die einige Hundert Lei, die eine Firmengründung beim Handelsregister erfordern, sondern vielmehr um die Finanzierung danach“. Je nach Ausrichtung der Firma dauert es im Durchschnitt zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren, bis ein Unternehmen sich in der Profitzone bewegt, sagt Iovescu. „Und gerade in dieser Zeit ist weiteres Kapital zum Wachstum und zum eigentlichen Überleben notwendig“. Ein Start-up sei nicht sofort eine Geldquelle, sagt Iovescu und Kleinunternehmer wissen: Allein schon die Buchhaltung, die vom ersten Tag an notwendig ist, kann manchmal eine finanzielle Last bedeuten. Banken als Start-up-Finanzierung zu betrachten, sei ebenfalls nicht einfach, sagt Menuţa Iovescu. Und gerade bei Neugründungen sei die Risikomarge auch aus Sicht der Banken recht hoch. Gezielte Programme zur Kreditvergabe sieht sie deshalb generell sinnvoll, und erwähnt eines über das Ministerium für KMU, doch sei dies längst nicht ausreichend. Und zurück zur Statistik, die die initiativfreudigen Bürger Rumäniens mehr mit Blick auf Gewinn angibt, als dies in anderen europäischen Ländern der Fall ist: „Dies zeigt eigentlich, was und wie viele der Firmengründer wirklich denken“, schätzt Iovescu. „Dabei müsste die Motivation, ein solides Unternehmen zu gründen, wichtiger sein, als sofort an zusätzlichen Profit zu denken.“  

Jugendliche: Eigentlich fehlt es nur am Startkapital

Genauso wie Istvan Retezan sich etwas Kapital zurücklegen musste, scheitern viele Bürger an der Möglichkeit zur Firmengründung. Fehlendes Startkapital, eine unsichere Wirtschaftslage sowie die Angst vor einem eventuellen Scheitern in ihrem privaten Unterfangen sind europaweit aber auch in Rumänien die Hauptgründe, warum Bürger den Schritt in die Selbständigkeit nicht wagen. Der Prozentsatz jener, denen das Startkapital fehlt ist jedoch in Rumänien deutlich höher als beim Durchschnitt der anderen an der Umfrage teilnehmenden Bürger. Dabei haben gerade Jugendliche unter 30 Jahren in Rumänien eine gute Meinung über ein selbständiges Unterfangen. Jugendliche glauben auch, dass eine Firmengründung in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. Zum Vergleich: Der europäische Durchschnitt liegt jedoch in dieser Hinsicht bei 39 Prozent. Fast 80 Prozent der Bürger Rumäniens unter 30 Jahren sehen eine Selbständigkeit positiv. Dreiviertel aller rumänischen Hochschulabsolventen sind ebenfalls für eine solche Art der Betätigung und 63 Prozent der Rumänen mit mittlerer Reife würden gerne selbständig sein. Bei Männern ist die Akzeptanz für ein privates Unterfangen größer, als bei den Frauen.

IT, Stress und Konkurrenz

Karol Istvan Retezan hat sich gerade ein solches privates Unterfangen ausgesucht, das generell als stressig angesehen wird, obwohl Computer-Service nicht als Haupttätigkeitsfeld gelten soll – zumindest am Anfang nicht. Auch wenn es viele weitere Unternehmen in der IT&C-Branche gibt, glaubt Retezan, dass in einer Stadt wie Temeswar, auch für ihn „Platz auf dem einschlägigen Markt sein wird“. Ein aufreibendes Arbeitsprogramm, nennt der Staatssekretär im Bildungsministerium, Tudor Prisecaru, das, was Fachleute aus der IT-Branche vor allem in großen Konzernen erleben. Deshalb würden viele nach 3-4 Jahren den Job wechseln. So erklärt Prisecaru, warum es auf dem Arbeitsmarkt weiterhin große Nachfrage an Ingenieuren gibt, obwohl jedes Jahr 2500 IT-Fachleute ein einschlägiges Hochschulstudium abschließen. Die Hälfte der Absolventen würden das Land verlassen, sprach  Prisecaru einen weiteren Aspekt an, der die Problematik auf dem Arbeitsmarkt zusätzlich mitbestimmt und die Gewichtigkeit seine anfängliche Aussage etwas abfedert. 

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