Exorzismus des staatlichen Bösen

Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit im Dialog mit Jugendlichen

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Im Diskussionspanel von links nach rechts: Octavian Gordon (Nationalbibliothek), der deutsche Botschafter Werner Hans Lauk, Radu Preda (IICCMER), Prof. Dr. Virgiliu Târau (Babeş-Bolyai Universität).
Foto: die Verfasserin

Was traumatisiert, wird gerne verdrängt, was heute als Unrecht gilt, gerne totgeschwiegen. Zu nahe sind die Erinnerungen, zu viele der Beteiligten leben noch, sind Freunde, Onkel, Tanten, Großväter oder Nachbarn. Der (Un)rechtsrahmen hat sich mit der Revolution verändert - obwohl Gerechtigkeitsempfinden natürlich immer noch Gewissenssache bleibt. Viele der im Saal anwesenden Jugendlichen haben den Kommunismus nicht mehr miterlebt. Wohl aber ihre Verwandten. Wem nützt nun die Erinnerung?

Um diese Fragen drehte sich die Diskussionsveranstaltung, zu der die Konrad Adenauer Stiftung (KAS), das Institut zur Aufklärung der kommunistischen Verbrechen und zum Gedenken an das rumänische Exil (IICCMER) und die rumänische Nationalbibliothek am 13. Dezember Bukares-ter Schüler und Studenten einluden. Grundlage für die Debatte bildete die bereits 2014 im Athenäum präsentierte, in der Nationalbibliothek neu aufgestellte Ausstellung „Kommunismus in Rumänien”. Einleitende Vorträge hielten der zum Zeitpunkt noch amtierende deutsche Botschafter Werner Hans Lauk, Prof. Dr. Virgiliu Târau von der Babeş-Bolyai Universität in Klausenburg/Cluj-Napoca und Octavian Gordon, Leiter der Nationalbibliothek. Die Diskussionen moderierte IICCMER-Präsident Radu Preda. Es ist die erste einer Reihe geplanter Diskussionsveranstaltungen zum Thema Kommunismus.

Eine sinnstiftende Brücke schlagen

„Das Recht auf Erinnerung nach 25 Jahren, 1989-2014”, titelt eines der Panels. Was ist damit gemeint? „Das Aufarbeiten der Vergangenheit ist unumgänglich”, erklärt Botschafter Lauk. Zum einen, um der Opfer zu gedenken, zum andern, um Lehren für die Zukunft zu ziehen. Deutschland zeichnete mit der Tätigkeit der sogenannten Gauck-Behörde (heute BstU) zur Aufarbeitung der Stasi-Akten vor, wie der schmerzhafte Weg bewältigt werden kann. Nicht nur Forscher und Medien, sondern auch Privatleute haben Zugang zu dem riesigen Archiv, das den gigantischen Überwachungsapparat der ehemaligen DDR enthüllte: 111 Kilometer Schriftgut stehen für die Recherche zur Verfügung. Seit Beginn der Arbeit des BStU Ende 1990 sind bislang 7.043.748 Ersuchen und Anträge eingegangen, darunter 3.112.878 Anträge von Bürgern, informiert die offizielle Webseite (www.bstu. bund.de/DE/BundesbeauftragterUndBehoerde). Im Jahr 2015 haben immer noch 62.544 Bürger Antrag auf Akteneinsicht gestellt.

Einen weiteren wichtigen Beitrag zur Aufklärung leisten auch Gedenkstätten an historisch belasteten Orten – etwa im zentralen Untersuchungsgefängnis der DDR - in denen heute gezielt mit Jugendlichen gearbeitet wird, die diese Zeit nicht mehr miterlebt haben. Besondere Führungen oder Filmveranstaltungen präsentieren das Ausmaß des Unrechtssystems, Zeitzeugen erzählten ihr Schicksal oder stehen für Diskussionen zur Verfügung. Auch das Online-Portal der Stiftung Berliner Mauer richtet sich gezielt an Schüler und Studenten. 2600 Projekte hat die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert. Während in Deutschland schnell mit der Aufarbeitung des Kommunismus begonnen werden konnte, weil die westliche treibende Kraft vorhanden war und der Aufbau Ost in Angriff genommen werden musste, brauch-te  man in Rumänien erst einmal Zeit, um zu vergessen...

Inzwischen gibt es jedoch auch hier entsprechende Schritte zur juristischen Aufarbeitung, und die Bemühungen, ein nationales Kommunismusmuseum einzurichten, seien beachtlich, lobt Lauk. Den Jugendlichen empfiehlt er, ältere Familienmitglieder gezielt als Zeitzeugen zu befragen. Denn Erinnern, Verstehen und Reflektieren bedeutet, eine sinnstiftende Brücke von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft zu schlagen. „Wie wir erinnern und was wir erinnern, das hat Einfluss auf hier und heute, auf unser Verständnis der Demokratie und auch darauf, wie wir die Demokratie gestalten wollen”, zitiert Bundespräsident Joa-chim Gauck auf der sechsten Gesprächsrunde der Reihe „Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten” der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.  

Zerreißproben

Der Prozess geht nicht ohne Schmerz vonstatten. Da gibt es den der Opfer von Ungerechtigkeiten - aber auch den der Nachfahren der Täter. Auf der einen Seite werden die Monster aufgedeckt und als solche stigmatisiert. Auf der anderen erlebt man vielleicht, wie ein lieber Verwandter oder guter Freund sich als ehemaliger Sekurist oder Nachfahre eines solchen bekennen muss. „Mein Großvater war auch im Gefängnis von Periprava.” - „Erzähl!” - „Nein, lieber nicht. Er war auf der anderen Seite...”. Beklemmendes Schweigen. Es fällt leichter, die Erlebnisse eines anonymen Soldaten aus dem ersten Weltkrieg zu erzählen, als die des eigenen Großvaters. Dabei lebt Geschichte von Geschichten: Erst hautnahe Zeitzeugenberichte und konkrete menschliche Schicksale machen sie greifbar und damit erlebbar. Den staatlichen „Terror” öffentlich zu machen, sei eine Art Exorzismus, erklärt Preda. „Wir müssen verstehen, wie das Böse einen ganzen Staat ergreifen und Bürger unfrei machen kann.”

Das Bild zurecht rücken

Manche wiederum haben keine traumatischen Erfahrungen aus der Zeit des Kommunismus. Die 64-jährige Bukaresterin etwa, die sich zu Wort meldet: Ihr sei es nie schlecht gegangen und was sie bis zu ihrem 38. Lebensjahr realisieren konnte, davon könne ihr Sohn, heute im selben Alter, nur träumen: ein eigenes Appartement, Kleider, Möbel, Urlaub... Bitter klagt sie an: „Was soll ich ihm sagen? Früher war es schlecht – doch ist es jetzt besser?”
Man spürt, wie schnell sich die Maßstäbe geändert haben: Was heute zählt, ist Wohlstand und Geld! Vergessen sind Unfreiheit, Arbeitslager, Repressalien und Gefängnisstrafen, Spitzeleien oder von Geburt wegen verwehrte Rechte, etwa auf ein Studium. Vergessen die Realitätsverdrängung durch Politiker, die die Wirtschaft in den höchsten Tönen lobten, auch als die Wahrheit längst kaum noch vertuscht werden konnte. Die Kuh war nie gefüttert, nur von allen bis zum Umfallen gemolken worden - auch von den eigenen Bürgern, die schnell lernten, durch Abzwacken von Material oder Leistung vom Staat das Beste aus ihrer Situation zu machen. Vergessen sind Unfassbarkeiten, die sich trauriger Einzigartigkeit rühmen: Schülergefängnisse in Rumänien - „nichtmal in Russland gab es so etwas”, so einer der Vortragenden.

Zum Schluss meldet sich ein Student zu Wort. „Mir hat man keine Horrorgeschichten erzählt”, bekennt der 24-Jährige. „Sondern ‘Ceau-{escu hat uns die Schulden erspart und allen Arbeit gegeben.’” Seiner Familie sei es gut gegangen, zum Brotkaufen musste man zwar Schlange stehen, doch man hatte ein Minimum zum Leben. „Meine Eltern befürworteten den Kommunismus”, stellte er offen klar. Dann eine Denkpause... „Doch lohnt sich ein Leben in Unfreiheit – nur für ein bisschen mehr Wohlstand?”, fragt er herausfordernd in den Raum - und plädiert für mehr politisches Engagement durch die Jugend. Dann sagt er leise und wirkungsvoll: „Es macht mir Angst, wenn ich mir vorstelle, was aus mir damals hätte werden können...”

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*