Fade Suppe, zäher Schweinsbraten, dünne Weichselsoße

Wer in Temeswar Banater Küche schmecken will, koche am liebsten selber

Sonntag, 30. Juli 2017

Eindeutig, die Inhaber haben sich Mühe gegeben: Das Eckhaus in der Ortsmitte von Chișoda, einem Dorf bei Temeswar, zur Gemeinde Girok gehörend, ist wunderschön saniert, die Fassaden weiß getüncht, die Fensterrahmen grün, das Dach mit Schilf gedeckt, so wie es sich im Banat anno dazumal gehörte. Eine rustikale Einrichtung im Inneren, handverlesene Möbelstücke, nette Stühle für die Terrasse und viele Blumen, auch alte Fotos, auf denen einheimische Großfamilien vor und nach dem Ersten Weltkrieg zu sehen sind. Banater Rumänen in Tracht, prahlende Gesichter vor großen Bauernhäusern und riesigen Scheunen. Gepflasterte Gehsteige, solides Mauerwerk, das Banat, wie es mal war und wie es nie mehr sein wird. Nun, das neue Restaurant „Cuina“ in Chişoda verspricht, ein Stück dieses in die Geschichte versunkenen Banats gastronomisch wiederzubeleben. Und wirbt dafür nicht nur mit dem Banater Regionalismus für „Küche“, sondern auch mit dem Menü, reich an Banater Gerichten. Oder an Spezialitäten, die für solche gehalten werden. Man könnte natürlich viel darüber streiten, was die Banater Küche ausmacht. Sofern es eine solche überhaupt gibt.

Vorerst aber zurück zur Speisekarte der „Cuina“: Die Auswahl ist groß, die Gerichte allseits bekannt - es gibt kalte und warme Platten, allerhand Wurstwaren, Schinken und rumänischen Schafskäse, Auberginensalat mit roten Zwiebeln, dann die im Banat so beliebte Hühnersuppe mit hausgemachten Nudeln, viel Fleisch vom Grill, als Beilage Erdäpfel aller Art, aber auch eine Art Grenadiermarsch. Nur, mit der echten österreichischen Hausmannskost, die so heißt, hat der Grenadiermarsch á la Chişoda nicht allzu viel am Hut. Bemerkenswert ist: Zu den Salaten gehört auch das Weichsel- oder Zwetschkenkompott (alle Austriazismen sind beabsichtigt!), ein Muss im Banat, genauso wie die Weichselsoße, die in anderen Temeswarer Gaststätten kaum noch angeboten, ja überhaupt gekannt wird. Und dann folgt der Nachtisch: Angeboten werden verschiedene Strudel, gefüllt mit Mohn, Nüssen, Äpfeln oder Weichseln, die obligaten Palatschinken und, welch Freude, die Mohn- und Nussnudeln. Das Eis interessiert dann keinen mehr, obwohl es Anfang Juli brennend heiß geworden ist. Vier Schnapssorten (Quitten, Marillen, Zwetschken und Birnen) stehen zur Auswahl und auch mehrere Weinsorten, darunter die verpflichtenden Rekascher Säfte, aber auch die inzwischen durchaus bekannten Petrovaselo-Weine sowie jene der „Crama Oprișor” aus dem Kreis Mehedinţi.

Alles schön und gut, die Banater Küche ist rehabilitiert. Denkt man. Hühnersuppe, Schweinsbraten, Weichselsoße, Erdäpfel, Mohnnudeln, Marillenschnaps. Eine Gaumenfreude sondergleichen. Aber das Essen lässt lange auf sich warten, knapp eine Stunde dauert es, bis ein durchaus freundlicher Kellner die Suppe auftischt. Sie schmeckt fade, die Nudeln sind zweifelsohne blasse Industrieware. Keine voreiligen Schlüsse solle man ziehen, auch die Kuchl in Chișoda verdient eine zweite Chance. Doch welch ein Reinfall! Der Braten ist zäh wie Leder, die Weichselsoße ein wässriges Etwas, das man lieber nicht probieren sollte. Bringt man den Mut trotzdem auf, dann greift man lieber zum Löffel, die Soße ist dünn wie eine Suppe. Dazu auch noch kalt. Allein die Kartoffeln passen, da hat der Koch wohl Braten und Soße geopfert, um die Erdäpfel zu retten. Immerhin. Und die Mohnnudeln? Na ja, es gibt Besseres. Zum Beispiel in Wien, auf dem Rathausplatz, beim sommerlichen Filmfestival, wo ein Gastronomie-Stand Mohnnudeln vom Feinsten anbietet. Heuer bis zum 3. September.

Oder man wagt das Unvorstellbare und macht die Nudeln selbst. Mit echtem Mohn. Schlimmer kann es sicherlich nicht werden. Denn die scheußliche Mohnmischung aus dem Supermarkt, die zweifelsohne verwendet wurde, schmeckt nach Nichts, vielleicht nach Grieß. Gott sei Dank, der Marillenschnaps spült das Ganze herunter, die Rechnung ist da, man bezahlt und haut ab. Ein gastronomisches Abenteuer, das sich nicht unbedingt wiederholen muss. Schade nur um das viele Geld, das da investiert wurde. Und um den guten Willen der Inhaber, der, wie so oft, nicht ausreicht, um ein gutes Lokal zu betreiben. Es bleibt zu hoffen, dass aus Fehlern gelernt wird, die vielen schlechten Reviews auf Facebook und Google dürften Ansporn genug sein.

Andere Restaurants, die Banater Küche anbieten? Es gibt noch ein paar in Temeswar, aber sie versprechen nicht viel. Die „Casa Bunicii“ in der Elisabethstadt und die vor Kurzem eröffnete Dependance in Dumbrăviţa bauen auf dieselbe Speisekarte wie vor etwa zehn Jahren, als das Restaurant eröffnet wurde. Echte Banater Speisen gibt es ein paar, aber sie sind manchmal kaum genießbar, das „bundás kenyér“ zum Beispiel, zu Deutsch Arme Ritter, gelingt jedem Laien besser als den Köchen in der „Casa Bunicii“. Man hüte sich vor den Süßspeisen, vor allem vor den Zwetschkenknödeln, die bei jeder Hausfrau zwischen Altbayern und dem Burzenland besser schmecken müssten. Vor Jahren hatte die „Casa Bunicii“ Kaiserschmarrn angeboten, aber anstatt Zwetschkenröster gab es zwei Zwetschken aus dem Kompottglas, das Kompottwasser dazu. Kein Wunder, dass der Kaiserschmarrn schnell aus der Speisekarte der „Casa Bunicii“ verschwand. Zum Trost: Das Eis in der „Casa Bunicii“ schmeckt wirklich. Und der Schanigarten in einer Elisabethstädter alten Villa ist durchaus angenehm.

Dann gibt es noch ein Café in der Mercy-Gasse, das „Zai“. Im „Zai“ gibt es Allerweltsgerichte, aber es ist das einzige Lokal in der Stadt, das ab und zu Germknödel mit Powidl anbietet, diese böhmisch-altbayerisch-österreichische Mehlspeise, die auch in Temeswar bekannt und geschätzt war. Manchmal schmeckt sie, manchmal wiederum auch nicht, der Zai-Koch ist kein Fachmann für die Küche des alten Kaiserreichs. Und wahrscheinlich haben die Inhaber die Germknödel beim Apres-Ski auf Österreichs Pisten entdeckt, selbst in Wien ist die Mehlspeise nicht gerade überall anzutreffen. Schade nur, dass sie sich nicht auch das Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat abgeschaut haben, den es zum Beispiel beim Figlmüller in der Wollzeile gibt. Oder auch beim Radatz, einem Wiener Fleischhauer von Ruf. Banal wie es nun mal ist, das Schnitzel, als Pané in jedem Temeswarer Haushalt bekannt, kann doch aus der Küche der Region nicht weggedacht werden.

Den Rest kann man vergessen, sogenannte traditionelle Häuser bieten die landesüblichen Gemüsesuppen mit Fleisch, Schopfbraten mit Pommes frites, langweilige Palatschinken, im Allgemeinen das kaum genießbare Zeug, das als rumänische Kochkunst gefeiert wird. Ach, und natürlich die „papana{i“, in Öl gebratene Teigklöpse mit Rahm und Blaubeerenmarmelade. Ein Fiasko ist das in den meisten Fällen, das mit der echten Banater Küche nichts zu tun hat, hat man doch hier, genauso wie in Siebenbürgen, unter „papanaşi“ immer Topfenknödel verstanden, in Semmelbrösel gewälzt. Altösterreichische Küche eben.

Insofern bleiben dem Temeswarer nur zwei Varianten übrig: Wer Banater Essen auf dem Tisch haben will, der fahre nach Ungarn oder Österreich, ja sogar nach Tschechien oder selbst in das benachbarte Serbien, wo im serbischen Teil des Banats, in der Batschka und in Syrmien die mitteleuropäische Küche des versunkenen Habsburgerreichs in Ehren gehalten wird. Oder er greife zum Kochbuch der Großmama, lege die Kochschürze an und schwinge fleißig den Kochlöffel. Ein wenig Glück nur und der Erfolg ist sicher.

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