FAPT 2016: Mini-Festival mit großer Einschlagswirkung

Interview mit dem Kurator Ciprian Marinescu

Montag, 14. November 2016

Ciprian Marinescu und Mona Petzek, Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Temeswar, bei der Eröffnung von FAPT 2016.

Video-Installation über Israel-Palästina-Konflikt: „Capture Practice“ von Arkadi Zaides.

Premiere bei FAPT: Olga Töröks Performance „Kurz gesagt“

Zum zweiten Mal dabei, diesmal als Tänzerin auf der Bühne: Isabelle Schad in „Fugen“.
Fotos: Adrian Pîclişan

Das deutsche Kulturzentrum Temeswar hat am vergangenen Wochenende die zweite Auflage des Festivals für performative Künste organisiert. Aus finanziellen Gründen dauerte FAPT 2016 nur zwei Tage lang. Doch das hielt weder Besucher noch internationale Künstler davon ab, performative Kunst in Temeswar zu erleben. Kurator war Ciprian Marinescu. ADZ-Redakteur Robert Tari unterhielt sich nach Ende des Festivals mit Marinescu über die jüngste Auflage, über Erwartungen und mögliche Pläne für die Zukunft.

FAPT 2016 war gestraffter. Du hast das Programm zusammengestellt. Was war der thematische Schwerpunkt der zweiten Auflage?

Wir haben uns dieses Jahr für das Thema Gewalt entschieden sowie, dazu als Gegenpol, das Fragile in einzelnen Biografien. Darum hatten wir im diesjährigen Programm Vorstellungen, die einen autobiografischen Hintergrund haben. Wir hatten aber auch Vorstellungen, die über extreme Formen von Gewalt gesprochen haben wie zum Beispiel Arkadi Zaides‘ Video-Installation namens „Capture-Practice“, worin er den Konflikt zwischen Israel und Palästina künstlerisch erforscht. Die Installation konnte man in der Mansarde der Kunsthochschule sehen.  Sehr autobigrafisch ist der Dokumentarfilm von Jorge Leon „Before we go“ – ein Film über die Sterblichkeit des Menschen und wie Künste sich damit auseinandersetzen. Isabelle Schads „Fugen“ setzt sich mit der Frage nach dem Platz des Individuums in Systemen, Erziehung und Disziplinen auseinander. Die Tanz-Performance ist auch sehr autobiografisch. Isabelle Shad kehrte für die zweite Auflage zurück nach Temeswar. Letztes Jahr hatte sie eine Arbeit gezeigt, wo sie nicht auf der Bühne stand. Diesmal konnten  die Temeswarer Isabelle auch als Tänzerin erleben. „School of Moon“ von Eric Minh Cuong Castaing geht mit dem Thema ein bisschen lockerer um und war darum, finde ich, ein gelungener Abschluss für das diesjährige Festival. Und nicht zuletzt möchte ich auch Olga Töröks Produktion erwähnen: In „Kurz gesagt“ geht es um Kommunikation und ich finde, dass die Schauspielerin sowie ihre Schwester, die am Konzept mitgewirkt hat, eine gute Arbeit geleistet haben.

Wie schwer ist es, die geeigneten Tänzer/Choreographen zu finden oder besser gesagt Performance-Künstler, weil FAPT nicht ausschließlich zeitgenössisches Tanztheater  bedeutet?

Ich würde die Produktionen im Rahmen von FAPT auch eher als Performance bezeichnen, um es nicht ausschließlich auf Tanztheater zu reduzieren. Ich denke, der Name des Festivals an sich schließt eine weite Palette von Genres mit ein. Es geht um performative Künste und nicht ausschließlich um Tanz, auch wenn klar der Fokus eher darauf fällt. Der Grund dafür ist, und das habe ich auch bereits letztes Jahr gesagt, der Mangel an Tanztheaterproduktionen. Ich glaube, da ist eine Lücke, die wir mit FAPT gerne füllen möchten. Aber wir wollen uns nicht nur darauf beschränken.

Kannst du mir sagen, wie die Aufstellung der Künstler dieses Jahr zusammengestellt wurde? Nach welchen Kriterien fiel die Wahl auf die betreffenden Produktionen?

Ich habe natürlich zuerst am Gesamtbild gearbeitet. Ausgangspunkt war das Thema Gewalt. Dann wollte ich natürlich eine Verbindung zur ersten Ausgabe erstellen, darum habe ich an Isabelle Schad gedacht. Ich wollte, dass Temeswarer erneut die Künstlerin kennenlernen und ihr eine andere Facette abgewinnen. Darum war Schad wieder dabei, obwohl vollkommen anders. Wichtig war auch, dass eine neue Produktion im Rahmen von FAPT entstehen sollte. Dadurch kam die Zusammenarbeit mit Olga Török zustande. Weil wir dieses Jahr über weniger Geld verfügt haben, mussten wir uns für wenigere Vorstellungen entscheiden. Drei Produktionen waren somit die Highlights und um diese haben wir viel Rahmenprogramm gehabt.

Wieso das Thema „Gewalt“?

Die Künstler sind in Temeswar kaum bis gar nicht bekannt. Darum war es für mich wichtig, dass das Thema mit möglichst vielen Menschen resoniert. Jeder Mensch kann etwas mit dem Thema „Gewalt“ anfangen, somit erhalten sie auch einen leichteren Zugang zu der Performance der Künstler. Wichtig war und ist, dass sich das Publikum auch Gedanken über die Produktionen und Künstler machen. Komplexe Themen würden davon ablenken, weil sie damit beschäftigt wären, die Verbindungen herzustellen.

Gibt es andere Themen, die du gerne in den nächsten Jahren auf dem Festival behandelt sehen willst?

Es ist noch zu früh, um dir eine Antwort zu geben. Ich muss erst mit dieser Auflage abschließen, um mich auf die nächste konzentrieren zu können. Dafür werde ich mich mit Mona Petzek zusammensetzen, um gemeinsam zu schauen, wie eine mögliche dritte Auflage ausschauen könnte.

Politik ist aus dem europäischen Theater nicht mehr wegzudenken. Besonders die großen Namen thematisieren immer wieder die großen Fragen unserer Zeit. Wie wichtig war für dich der politische Hintergrund der Produktionen?

„Capture Practice“ von Arkadi Zaides behandelt das Thema Gewalt im politischen Kontext des Israel-Palästina-Konfliktes. Es ist sehr wichtig, dass das Programm solche Produktionen beinhaltet, die über Gewalt auf dieser Ebene sprechen. Sehr wichtig ist aber auch die Beziehung des Individuums zur Gewalt. Wie geht man damit um? Wie steht man dazu? Wie überbrückt man es? Isabelle Schads „Fugen“ bringt beides zusammen: Es ist politisch, aber es ist in erster Linie sehr persönlich. Es geht eben um das eigene Leben, um die eigene Auseinandersetzung mit Gewalt, das ist dann sehr persönlich. Für mich ist diese Verknüpfung wichtig.

Wie schätzt du das rumänische Publikum ein?

Für viele ist es Neuland. Es geht noch darum, Performance zu verstehen. Darum kann man nicht alles zeigen, man muss Performance langsam einführen, um niemanden abzuschrecken. Das Festival will es aber dem Publikum auch nicht  zu leicht machen. Es ist ein Balanceakt. Wir müssen die Zuschauer überraschen ohne sie abzuschrecken. Gleichzeitig kann es schon ziemlich schwierig sein die performativen Künste zu definieren. Sie sind nicht einstufbar. Es gibt keine passenden Schubladen, keine klaren Grenzen, hier fängt Theater an, hier Tanz. Oft überlappen sie sich, manchmal gehen sie komplett verschiedene Wege und darum ist es eben schwer, das richtige Gleichgewicht zu finden. Es hat mich aber gefreut, dass ich viele bekannte Gesichter gesehen habe. Also Personen, die schon letztes Jahr dabei waren. Das heißt, wir haben einige Menschen für performative Künster begeistern können und das ist für uns schon ein erheblicher Fortschritt. Mit der Zeit wird die Zahl der Interessenten wachsen, darüber bin ich mir sicher. Wir fangen aber klein an: Ein Mensch nach dem anderen.

Und wie begeistert man die Menschen dafür? Indem man ihnen alles erklärt, sie sozu-sagen in dieser Kunst unterrichtet?

Wir bilden nicht in dieser Form, nein. Ich glaube eher daran, dass man sich selbst fortbildet, indem man immer wieder zu Produktionen geht, indem man immer mehr sieht. Je mehr man sieht, desto mehr kann man vergleichen, destor kritischer wird man. Dadurch entstehen aber auch Verbindungspunkte.


Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*