Faszination rumänische Bergbaugeschichte

Akademiepreis für Volker Wollmann und Traian Popescu für ihr Buch über Bergwerke des 18. Jahrhunderts in Siebenbürgen

Donnerstag, 07. Januar 2016

Die Autoren des Bandes „Localităţi miniere din Transilvania, într-un atlas din secolul al XVIII-lea” (erschienen im Honterus Verlag, ISBN 978-606-8573-00-7), Volker Wollmann und Traian Popescu, nach der Prämierung in der Rumänischen Akademie.
Foto: Nina May

Bergbau- und Industriegeschichte. Eine wissenschaftliche Nische, bei der höchstens Fachleute leuchtende Augen bekommen, sollte man meinen. Nicht verwunderlich daher die Verleihung des Ludovic–Mrazek-Preises der Sektion Geowissenschaften der Rumänischen Akademie an die beiden Autoren des Buches „Localităţi miniere din Transilvania, într-un atlas din secolul al XVIII-lea” über Grubenkarten aus Siebenbürgen, dem Banat und der Maramuresch aus dem 18. Jahrhundert: Dr. Volker Wollmann und Dr. Traian Popescu. Nicht verwunderlich auch, zumal ersterer ein bekannter Wissenschaftler ist, als ehemaliger Leiter des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim und als Verfasser mehrerer Serien zum Thema rumänische Industriegeschichte. Sein Mitautor hingegen ist ein Neuling in diesem speziellen Fach, ein passionierter Hobbyhistoriker, im „wirklichen Leben“ Arzt.
18. Dezember 2015. Auf den Fluren der Akademie brodeln die Prämierten in und aus der Aula, wo die begehrten Preise in den verschiedenen Wissenschaftsbereichen in feierlicher Zeremonie überreicht werden.

Nur kurz ergibt sich Gelegenheit für ein Gespräch in einer ruhigen Ecke – doch genug, um sich von der Faszination dieses wider Erwarten gar nicht so trockenen Themas anstecken zu lassen… Wie auch Traian Popescu, als er vor etwa zwei Jahren in der Mährischen Nationalbibliothek in Brünn zufällig auf die Kartensammlung eines Paul Bernhard Moll (1697-1760) stieß: 13.000 Landkarten und Pläne aus dem 18. Jahrhundert, in „Atlas Austriacus“ und „Atlas Germanicus“ unterteilt, ersterer enthält auch einen Katalog mit Grubenkarten des heutigen Rumänien, die Vorlage für das prämierte Buch.
Darin blätternd, entfaltet sich der Charme naiv wirkender Zeichnungen von Gruben und Hütten: Strichmännchen, die sich über Rollen an Seilen in den Bauch der Erde hinunterlassen. Grafische Darstellungen, trotz mancher Ungenauigkeit von historischem Wert – und trotz der Vermutung der Autoren, dass sich der Urheber zwar vor Ort, doch dort nicht immer auch unter Tage aufgehalten hat. Wie man dazu kommt, sich von der Geschichte des Bergbaus faszinieren zu lassen, verraten die prämierten Autoren im Gespräch mit Nina May.

Herr Dr. Wollmann, wie kommt man auf die Idee, sich wissenschaftlich ausgerechnet mit Bergbau zu befassen?

Wollmann: Ich habe mein halbes Leben lang Bergbaugeschichte studiert, also geforscht, und viel mit dem Deutschen Bergbau-Museum in Bochum zusammengearbeitet. In diesem Rahmen habe ich eine 12-bändige Buchserie herausgebracht, „Silber und Salz in Siebenbürgen“. Als Folgeprojekt ist dann eine Buchreihe über die vorindustriellen und industriellen Denkmäler in Rumänien entstanden, „Patrimoniu preindustrial şi industrial în România“. Aus dieser Reihe muss jetzt der 5. Band erscheinen. Mein ursprüngliches Fachgebiet ist allerdings römischer Bergbau in Dakien: 1962 bis 1964 habe ich schon in Roşia Montană geforscht und in den 80er Jahren hierzu promoviert.

Was hat Sie in historischen Gruben bisher am meisten beeindruckt?

Wollmann: Die römischen Gangnetze in Roşia Montană, mit Schlegel und Eisen in den Fels getrieben – es gab ja noch kein Schießpulver damals! Und die Wasserhebeanlagen für Drainagen. Phantastisch! So etwas gibt es sonst nur in Spanien, aber nicht in dem Ausmaß wie in Roşia Montană.

Haben dort auch die Daker Bergbau betrieben?

Wollmann: Wir haben C14-Untersuchungen von Holz in den Stollen gemacht und bewiesen, dass es aus vorrömischer Zeit stammt. Dies bedeutet, auch die Daker haben Tiefbau betrieben und sind den Erzgängen gezielt nachgefolgt. Sie haben nicht nur an der Oberfläche Gold gewaschen.

Was sind aus Ihrer Sicht die spektakulärsten Funde, die jemals in historischen Gruben entdeckt wurden?

Wollmann: Das sind die römischen Wachstäfelchen aus Roşia Montană: 25 sind heute noch übrig, obwohl man seinerzeit mehr gefunden hatte. 14 sind heute in Ungarn, der Rest hier in verschiedenen Museen, die anderen sind verschwunden. Ich habe sie im vierten Band der Reihe „Silber und Salz in Siebenbürgen“ ausführlich beschrieben: Es handelt sich um Arbeits- und Kaufverträge, auch zum Sklavenkauf zum Beispiel. Sie wurden in Kursiv auf Wachs geschrieben, wobei manche Tafeln mehrmals überschrieben waren, also mehrfach verwendet worden sind. Illyrische Bergleute haben diese wertvollen Werkverträge damals beim Angriff der Markomannen (Anm.: suebischer Volksstamm der Germanen) in Dakien 166 in den Stollen versteckt und diese verbarrikadiert. 1855 haben die Österreicher die Stollen wieder geöffnet und die Wachstäfelchen entdeckt.

Herr Dr. Popescu, Sie sind Mediziner – was hat Sie zu diesem seltsamen Hobby veranlasst?

Popescu: Ich wollte eigentlich in Rumänien Archäologie studieren, hatte dann aber das zweifelhafte „Glück“ – nach meiner Exmatrikulation von der Fakultät Geschichte in Bukarest und später von allen Hochschulen Rumäniens – drei Jahre als Bergmann in der Grube zu arbeiten. 1980 bin ich dann in München gelandet, es blieb mir ja nichts anderes übrig... Dort habe ich aus familiärer Tradition Medizin studiert, doch die Leidenschaft für Geschichte und Frühgeschichte ist mir geblieben. Grubengeschichte ist ein Hobby, doch vor allem mit der Brauereigeschichte in Rumänien habe ich mich sehr gründlich befasst, historische Archive erforscht und selbst eine Datenbank zu den historischen Brauereien angelegt. In Brünn, im Mährischen Nationalarchiv, habe ich dann zufällig diese historischen Grubenkarten entdeckt. Man hat sie uns – auch zur Veröffentlichung – zur Verfügung gestellt, was nicht unbedingt selbstverständlich ist.

Und so ist das prämierte Buch zustande gekommen?

Popescu: Ich hatte die Pläne entdeckt, ihre Bedeutung erkannt und dann gleich Kontakt mit Volker aufgenommen.
Wollmann: Wir kannten uns ja schon aus einer früheren Zusammenarbeit, wo Traian mich mit seinen Erkenntnissen zu Bierbrauereien unterstützt hatte. Zwei Jahre haben wir an diesem Buch gearbeitet. Auch buchbinderisch gesehen, ist es eine Besonderheit: Alle Karten sind im A3-Format in das A4-Format des Buches eingefaltet – in Handarbeit.

An wen richtet sich dieses Werk?

Es ist in erster Linie ein Buch für Wissenschaftler, Prospektoren und Geologen. Es soll die Wege für weitere Forschungen öffnen und dazu stimulieren, vergessene Bergorte wieder zu erforschen. Aber leider gibt es kaum Interesse an so etwas…

Gibt es darin auch Orte von touristischem Reiz?

Ja, sicher – die Saline von Turda/Thorenburg zum Beispiel: phantastisch, muss man unbedingt gesehen haben! Die Karte im Buch zeigt den anfangs glockenförmigen Abbau, der später in Kammern erfolgte. Oder Salzburg/Ocna Sibiului bei Hermannstadt/Sibiu: Die heute sichtbaren Salzseen sind alte, eingestürzte glockenförmige Bauten, kraterförmige Gebilde, in denen sich dann Regenwasser sammelte, den Salzstock auflöste und so sind die heutigen Badeseen entstanden. Auch Praid ist sehenswert, aber leider nicht im Buch enthalten, denn die Saline war damals noch nicht erschlossen.

Gibt es Museen zum Thema Bergbau?

In Deutschland gibt es das erwähnte Deutsche Bergbau-Museum in Bochum. In Rumänien kann man in Petroschen ein kleines Kohlenbergwerkmuseum besichtigen oder die für Besucher zugänglichen Stollen in Roşia Montană. In Brad hat man ein Goldmuseum wiedereröffnet, dort sind allerdings nur Schaustücke, also Mineralien, zu sehen.


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Museen zum Thema Bergbau

Deutsches Bergbau-Museum Bochum:

Das Deutsche Bergbau-Museum Bochum vermittelt einen umfangreichen Einblick in den weltweiten Bergbau auf alle Bodenschätze von vorgeschichtlicher Zeit bis heute. Es zeigt nicht nur technische, sondern auch umfangreiche mineralogische und einzigartige (kunst-)historische Sammlungsgegenstände. Es ist damit das bedeutendste Bergbaumuseum der Welt und zugleich ein renommiertes Forschungsinstitut für Montangeschichte.
www.bergbaumuseum.de

Kohlenbergwerkmuseum Petroşani (Hunedoara)/Muzeul Mineritului:

Zeigt die Bergbaugeschichte des Schiltals/Valea Jiului – Werkzeuge, Gerätschaften, Dokumente und Fotografien, eine geologische Sammlung – und den Einfluss des Bergbaus auf die Entwicklung des lokalen sozialen Lebens von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart.

Goldminenmuseum Roşia Montană (Alba)/Muzeul Mineritului Aurifer:

Illustriert Techniken und Technologien von Goldabbau und -bearbeitung vor Ort. Zu besichtigen ist ein Stollennetzwerk aus der Zeit der römischen Besatzung in Dakien.

Goldmuseum Brad (Hunedoara)/Muzeul Aurului din Brad

Eine europaweit einzigartige Mineraliensammlung, 1896 von einem deutschen Geologen gegründet und nach fünfjähriger Renovierung 2012 wiedereröffnet. 1300 Exponate, darunter spektakuläre natürliche Formen („Dakerflagge”, „Schlange”, fünfeckiger Kristall) – alle unbearbeitet – aus dem Siebenbürgischen Erzgebirge.



Kommentare zu diesem Artikel

RonFlOday, 21.10 2017, 04:40
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