„Festgehalten im System“

„Catharsis“ und Azota Popescu kämpfen für die Rechte der Kinder

Donnerstag, 05. Februar 2015

Azota Popescu kämpft vor allem für das Wohl der verlassenen Kinder. Foto: Ralf Sudrigian

Catharisis-Vertreter protestierten auch in der Hauptstadt für die Wahrung der Kinderrechte und für ein besseres Adoptionsgesetz.
Foto: Catharsis

Seit bald zwei Jahrzehnten wird der Verein „Catharsis“ und ihr Vorsitzender, die heute pensionierte Rumänischlehrerin Azota Popescu, in Kronstadt unweigerlich in Verbindung gebracht mit Begriffen wie Kinderrecht und -schutz, Adoption, Sozialhilfe. Das vom Verein Geleistete ist beeindruckend und kann in Zahlen, Fakten und Bildern auf der Webseite www.cathar sis.org.ro eingesehen werden. Für unsere Leser fasste Azota Popescu zusammen, was noch zu tun wäre. Und das ist nicht wenig.

Kinderrechte nur auf dem Papier

Beim Sitz des Vereins (ein Appartement im Erdgeschoss des Wohnblocks Nummer 16 in der Toamnei-Straße) sind die Wände voll mit Fotos glücklicher Kinder umarmt von ihren Eltern. Es sind Adoptivfamilien die unter Mitwirkung von „Catharsis“ entstehen konnten. Dokumentiert werden in Bildern auch zwei dramatische Fälle: Kinder mit schweren Krankheiten und Behinderungen die hierzulande so gut wie keine Chance auf Fortschritt und Familie gehabt hätten, die aber, durch Vermittlung von Catharsis und deren Freunde, im Ausland behandelt und gerettet werden konnten.  Erinnert, oder vielleicht auch erstmals in Kenntnis gesetzt, wird der Besucher an den Internationalen Tag der Kinderrechte der am 20. November gefeiert wird. 1989 wurde nämlich an diesem Tag bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Kinderrechtskonvention verabschiedet. Azota Popescu beruft sich immer wieder auf die Bestimmungen dieser Konvention, die auch Rumänien unterzeichnet hat und die somit für jede rumänische Regierung verbindlich sein sollten.

Laut Azota Popescu ist das aber leider nicht der Fall. Sie spricht „vom System“ - von den zehntausenden von Kindern die in als „Centre de plasament“ umgetauften Heimen leben. Mehr noch: Kinder werden von ihren Pflegeeltern getrennt und in solchen Heimen untergebracht. Das Drama geht weiter wenn diese Jugendlichen als 18-Jährige oft buchstäblich auf die Straße gesetzt werden: ohne Wohnung, ohne Arbeitsplatz, oft leider auch ohne passende Ausbildung. „Sie haben das System verlassen. Nun sollen sie selber zurecht kommen“, zitiert Frau Popescu manche Beamten, die sich so aus jeder Verantwortung herausreden.

Kein Wunder, dass viele der jungen Obdachlosen an Tuberkulose oder Gelbsucht erkranken oder Straftaten begehen. „Keine Wärme, kein Wasser, kein Licht, keine Hoffnung! Ich frage mich, wie sie überhaupt überleben!“, sagt Azota deren Empörung sich gegen all jene richtet, die sowas ignorieren und damit zulassen. Das sind die Politiker im Parlament, die letzten Regierungen unter Boc und Ponta. Die würden ihre eigenen Interessen oder Partei-Interessen verfolgen. Das Wohl der schutzlosen Kinder rückt irgendwo weit nach hinten. Nun richten sich die Hoffnungen an den neu gewählten Landespräsidenten Johannis – der solle alle für den Kinderschutz Verantwortlichen zu sich zitieren und ihnen die Leviten lesen. Denn diese Strukturen die Teil des „Systems“ sind, scheinen sich an die jetzige Sachlage gewöhnt zu haben, der sie letztend-lich auch ihre Arbeitsplätze verdanken.

Für ein neues Adoptionsgesetz

Die Änderung des Adoptionsgesetzes 273/2004 sei ein entscheidender Schritt um die Zahl der verlassenen Kinder herabzusetzen. „Das Gesetz ist gegen alle. Es ist eine Mauer zwischen den verlassenen Kindern und jenen Familien, die sie adoptieren wollen“, sagt die Catharsis-Vorsitzende. Der natürlichen Familie, die auf ihr Kind verzichtet, werden zu viele Rechte zugesprochen. So z.B. haben die im Ausland lebenden Großeltern das Recht, ihre Enkel zu adoptieren. Das sei nicht schlecht, aber auch nicht die beste Lösung. Großeltern haben ihre eigenen Probleme, und könnten nicht ohne Weiteres in die Elternrolle schlüpfen. Außerdem sei die Zahl der im Ausland lebenden Großeltern äußerst gering. Die Vorschläge zur Gesetzesänderung, die vom liberalen Kronstädter Parlamentsabgeordneten Sebastian Grapă eingereicht wurden und die auch von „Catharsis“ unterstützt werden, sind abgewiesen worden.

Und das obwohl diese eher den Bestimmungen des neuen Zivilgesetzbuches entsprechen, wundert sich Azota Popescu. So werden weiterhin viele Familien umsonst auf die Adoption eines Kindes hoffen und warten. Den verlassenen Kindern hingegen wird die Chance zu einer Familie, zu einer gesicherten Zukunft verweigert. Sie bleiben „im System gefangen“. Im Rahmen einer Familie würden die Eltern alles für das Wohl ihres adoptierten Kindes tun und auch die Verantwortung für seine Zukunft übernehmen.
„Catharsis“ hat sich für nationale Adoptionen ausgesprochen. Nur in solchen Fällen wo sich keine rumänischen Familien finden lassen, sollte im Interesse des Kindes auch eine internationale Adoption erfolgen. Und das komme vor allem bei Kindern mit Behinderungen oder bei Roma-Kindern vor, weiß Azota. Aber eine dunklere Hautfarbe sei kein Grund ein Kind zu diskriminieren. „Die Seele ist ohne Hautfarbe“, fasst Frau Popescu ihr Plädoyer zugunsten der internationalen Adoption zusammen. Bei all jenen Familien die Kinder adoptieren, handle es sich um besondere Menschen, vor denen man sich tief verneigen könne.

Beim Verein hat man mit viel Erfolg auch auf Fernadoptionen gesetzt. Besonders aktiv und erfolgreich ist da Pfarrer Eugenio Battaglia von der katholischen Kirche Italiens. Er wird respekt- und liebevoll „Don Eugenio“ genannt. Der Pfarrer stellt direkt Sozialfälle vor, die ihm Catharsis meldet und sucht, schnell und unkonventionell, Lösungen dafür. Azota nennt zwei Beispiele: ein kleines Mädchen kann nur unter großer Not bei seinen Großeltern wohnen. Es droht die Trennung. Nun fordert Pfarrer Battaglia zu Spenden auf, damit Großeltern und Enkelin nicht getrennt werden. Eine Minderjährige, die das Kinderheim verlassen hat, ist schwanger, will aber auf ihr Kind nicht verzichten. Ihr muss sofort geholfen werden. Don Eugenio fragt: „Wer kann helfen?“ Und die Hilfe wird nicht verweigert. Dieses Programm wurde nun mit Erfolg auch auf Partnern aus den Vereinigten Staaten erweitert. Es kommt nun auch den Familien in Not zu gute, so dass die Kinder nicht verlassen und auch nicht adoptiert werden müssen.

Aber auch in Rumänien finden sich „gute Engel“. Menschen wollen helfen; Firmen kommen mit Spenden. „Catharsis“ - die Läuterung, die Reinigung - gilt im selben Maße den Notleidenden und den Hilfsbereiten. Der Verein hat sich einen Namen gemacht. „Für uns wird jeder Hilfsbedürftige der uns aufsucht, zum ‘Projekt’“, sagt Azota Popescu. Es sind große Worte – aber ihr kann man es glauben.

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