Feurige Musik zu Besuch daheim

Fanfare Ciocârlia tourt zum ersten Mal in Rumänien

Sonntag, 21. April 2013

Die Fanfare, die die Welt erobert hat. Foto: Arne Reinhardt

Es war einmal, in einem winzigen, entlegenen, vergessenen, verarmten Dorf bei Roman, wo nicht einmal der Bummelzug hält – buchstäblich dort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen. Da traf an einem Herbsttag, Mitte der neunziger Jahre, der reisende Tonmeister Henry Ernst aus Deutschland ein. Er entdeckte einen musikalischen Schatz ohnegleichen, den er mitnahm und der Welt zeigte. Seither hat das Publikum in mehr als 70 Ländern auf fünf Kontinenten vom winzigen rumänischen Dorf gehört. Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Was sich wie ein Märchen anhört, ist die wirkliche Story der Fanfare Ciocârlia. Die zwölf virtuosen Roma-Blechbläser der „Lerchen-Kapelle“ aus Zece Prăjini, Kreis Jassy/Iaşi, spielten früher eher unbeachtet bei dörflichen Festen, Hochzeiten und Beerdigungen. Das Geld war knapp, die Perspektiven fehlten. Umso unerwarteter kam der Besuch von Henry Ernst, der sich schon seit Jahren für traditionelle Musik aus Rumänien interessierte und von den „Fanfaren“ aus der Moldau gehört hatte. Er stellte sich bei den Musikern vor, ließ sich einige Stücke vorspielen, und versprach, Auftrittsmöglichkeiten in Deutschland zu verschaffen. 1997 ging es los.

Die Konzerte entwickelten sich in kurzer Zeit zu wahrhaftigen Publikumsrennern. Henry Ernst gründete gemeinsam mit Helmut Neumann – ebenfalls begeisterter Fan der „muzică lăutărească“ – die „Asphalt Tango Production“ in Berlin. Sechzehn Jahre lang begleitete die Agentur ihre Musiker auf unzählige Konzertreisen – und entdeckte weitere versteckte Schätze in Rumänien. Die Fanfare Ciocârlia blickt nun auf 1400 internationale Auftritte, 30.000 Presseartikel und zehn erfolgreiche CD-Veröffentlichungen zurück, von denen drei den Preis der Deutschen Schallplattenkritik erhalten haben.

Die große Rumänien-Premiere

Es gibt kaum Länder auf dem Erdball, in denen die Band aus Zece Prăjini nicht getourt hat. Und doch gibt es eins: Rumänien. So erstaunlich es auch sein mag, die Fanfare war im eigenen Land nur sehr selten zu Gast. Sie spielte 2006 in der Bukarester Sala Palatului, 2009 im Rahmen des internationalen Filmfestivals „TIFF“ in Klausenburg/Cluj-Napoca und 2012 in Hermannstadt/Sibiu. Höchste Zeit für einen umfassenderen Besuch daheim: Vom 23. April bis 1. Mai gehen die renommierten Blechbläser erstmals auf offizielle Tournee durch acht rumänische Städte.

Man möchte fragen: Wieso erst jetzt eine Tournee in Rumänien? Henry Ernst antwortet mit dem Sprichwort: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“. Er erklärt: „Fanfare Ciocârlia hat es seit ihrer Entdeckung geschafft, eine internationale Fangemeinde von mehr als zwei Millionen Menschen um sich zu versammeln. Mittlerweile hat die Band Kultstatus und ist bekannt als ‘Bestseller’ auf großen Bühnen. Das wurde in den letzten Jahren auch in Rumänien wahrgenommen, jedoch haftete der Band immer der Zweifel an, dass es da nicht ‘mit rechten Dingen’ zugehen konnte. So hart es klingt – das Stigma, ein Rom zu sein, lässt sich in Rumänien nicht einfach abschütteln, egal mit welchen ehrlich verdienten Lorbeeren man sich sonst schmücken kann.“ Hinzu kommt die Tatsache, dass im Laufe der Jahre mehrere rumänische Blasorchester ungestört „Ciocârlia“ kopiert haben und vorgegeben haben, die im Ausland bekannte Band zu sein, so Henry Ernst.

„Die Fanfare hat in der Vergangenheit einige grandiose und gut besuchte einzelne Konzerte in Rumänien gegeben – aber ironischerweise waren alle Initiatoren Ausländer. Das sagt wohl alles. Letztendlich hat uns ein junger rumänischer Veranstalter und großer Fan von ‘Asphalt Tango Production’ vor einigen Wochen vorgeschlagen, für die Band, die er seit Jahren bewundert, eine kleine Tournee in Rumänien zu organisieren – und hier sind wir nun!“

Die Agentur und die Musiker sind froh, sich endlich dem Publikum von daheim „in vollem Glanze“, das heißt mit „Monstersound“ und raffinierten Arrangements, vorstellen zu können. Sie haben sich ein hohes Ziel gesetzt: „Wir wissen, dass in Rumänien ein ganz bestimmtes Klangklischee herrscht, was Blasorchester angeht. Dieses Klischee möchte ‘Fanfare Ciocârlia’ zerstören und beweisen, dass sowohl Tradition, als auch eigene Kompositionen und Adaptionen von internationalen Hits von einer Blaskapelle so intoniert werden können, dass es weder an Druck, noch an Brillianz oder an Können fehlt“, sagt der Entdecker und Agent der feurigen Kapelle. „Natürlich hoffen wir, dass die Tournee erfolgreich wird. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass das rumänische Kulturgut und die Vielfalt der rumänischen Musik jenseits von billigen ‘Manele’ und ‘Plastik-Euro-Pop’ wiederbelebt und geschätzt wird.“

Weltstars ohne Notenblätter – Die Story geht weiter

Dafür bringt die Band einen musikalischen Querschnitt von rumänischer Folklore, rockigen Kompositionen und raffinierten Jazztiteln wie Duke Ellingtons „Caravan“ mit ins Heimatland. Was kennzeichnend für die Auftritte der ‘fantastischen Zwölf’ ist, beschreibt Wikipedia: „Typisch sind die extrem schnellen Tempi mit mehr als 200 Schlägen pro Minute, schnelle Trompeten- und Klarinettenläufe sowie das Erscheinen auf der Bühne mit zerbeulten Instrumenten, normaler Kleidung und ohne Noten.“

Genau so ist die Kapelle in verschiedenen Kinofilmen zu sehen: der Regisseur Ralf Marschalleck begleitete sie auf einer Europatournee („Brass on Fire – Iag Bari“, 2002), Fatih Akin ließ sie in seinem Kinostreifen in Hamburger Clubs auftreten („Gegen die Wand“, 2004), für Sacha Baron Cohen spielten sie Filmmusik („Borat“, 2006). Die Fanfare arbeitete mit Musikern aus Kanada, den USA, Italien, Mexiko, Serbien, Mazedonien, Frankreich, Spanien, Bulgarien, Ungarn, Polen, Indien und Rumänien zusammen. Sie hat sogar ein neues Album auf Lager, das sie im Vorjahr in Toronto mit dem kanadischen Gitarristen Adrian Raso aufgezeichnet hat. Es wird im September dieses Jahres bei „Asphalt Tango Records“ in Berlin erscheinen. Und ebenfalls im September kommt „Ciocârlia“ noch einmal nach Rumänien, um am „Balkanik Festival“ in Bukarest teilzunehmen.

Die Moral von der Geschicht’? Unterschätzen Sie kleine rumänische Dörfer nicht!

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Die Tourdaten

23. April: Temeswar/Timişoara, „Porky’s Pub“
24. April: Bukarest, „The Silver Church Club“
25. April: Klausenburg/Cluj-Napoca, „Fabrica de Bere“
27. April: Jassy/Iaşi, „Curtea Berarilor Timişoareana“
28. April: Suceava, „Club Padrino“
30. April: Kronstadt/Braşov, „Tequila Club“
1. Mai: Hermanstadt/Sibiu, „Pub Ursus“

Kommentare zu diesem Artikel

Ioan, 23.04 2013, 21:38
Gruß von Hans

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