Fiktion und Dokumentation

Freitag, 22. Juni 2012

Am 18. Juni 1951 sind 44.000 Bürger aus dem Banat in die menschenleere Bărăgan-Steppe deportiert worden. Ausgesetzt unter freiem Himmel und gewarnt, das durch die Ortschaften Rubla, Însurăţei und Călmăţui begrenzte Dreieck nicht zu verlassen, sind die „unsicheren Elemente“ aus dem Grenzraum zu Tito-Jugoslawien in altsteinzeitliche Verhältnisse zurückversetzt worden: Erdhütten, Hütten aus sonnengetrocknetem Lehm, selbstgegrabene Brunnen, um an trinkbares Wasser zu kommen. Urbarmachung des Bodens und Kanalgraben für die Bewässerungen. Banater Schwaben, Serben, Bulgaren, Ungarn, auch Banater Rumänen, Bessarabier und Mazedorumänen, die es zu einigem Wohlstand gebracht hatten (alles „Chiaburen“ im Sprachgebrauch des Hoch-Stalinismus – „Cine a strâns ban cu ban/a ajuns în Bărăgan./Cine-a dus banii la MAT/a rămas in Banat“) gründeten die Ortschaften Brateş, Zagna, Măzăreni, Valea Călmăţuiului, Schei, Bumbăcari, Răchitoasa, Viişoara, Fundata, Lăţeşti, Dâlga, Dropia, Salcâmi, Valea Viilor, Movila Gâldăului, Ezeru, Pelican und Olaru.

Dieser Steppe hat Panait Istrati mit seinen „Ciulinii Bărăganului“ (=Die Disteln des Bărăgan) ein vielbeachtetes Denkmal gesetzt: „(...) von einem Brunnen zum anderen ist es so weit, dass man leicht halben Wegs verdursten kann. Der Bewohner des Bărăgan hofft immer, es würde einmal jemand kommen, der ihn lehrte, wie es sich auf dem Bărăgan besser leben ließe, auf dieser ungeheuren Weite, die nur in ihrem allertiefsten Schoße Wasser birgt und auf der nichts wächst außer Disteln.(...) Kommt der Winter, überläßt der Hirte diese gottverlassene Gegend Gott und kehrt heim. (...) Nichts lebt da mehr. Das ist der Bărăgan.“

Die Deportierten gingen über Verbote hinweg, fotografierten, führten Tagebücher, merkten sich Einzelheiten - die später veröffentlicht wurden und ein Bild des Leids, von menschlicher Größe in Extremsituationen und von Würde unter würdelosen Umständen entwerfen. Die wahre Literatur über den Bărăgan.

Die inzwischen umfangreiche Bărăganbibliothek und die wissenschaftlichen Dokumentationen umfassen hunderte Titel. Eines der jüngsten ist das Tagebuch der Elena Spijavca, Herausgegeber Romulus Rusan (er spricht von „Leuten ohne Land und ohne Zukunft“), Verlag der Fundaţia Academia Civică, Titel „Munci şi zile în Bărăgan“ – ein Anklang an Hesiod.

Keine hohe Literatur. Will es auch nicht sein. Die Aufzeichnungen dieser einfachen Frau, die aus Bessarabien vor den Sowjets geflüchtet war, beginnen am 29. August 1951 und enden am 26. Oktober 1955. Sie sind ehrlich und zeugen von genauer, objektiver Beobachtung. Sie legt Zeugnis ab und überbietet damit Literatur.

Die Frau des ehemaligen Sekretärs des Verwaltungsgebiets („plasa“) Großsanktnikolaus sucht keine ästhetischen Effekte, erreicht aber durch Authentizität menschlich überzeugende Werte. Das Buch lebt, wie alle Erlebnis-Berichte über den Bărăgan, von der Glaubhaftigkeit des Selbsterlebten und -erlittenen und stellt die Fiktion in den Schatten.

Dadurch ist es auch viel mehr als Doku-Fiction.

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