Fiktive und reale Viehherden

Der zweitgrößte Viehzüchter Rumäniens aus Karasch-Severin „schönt“ die Zahlen zum Tierbestand

Mittwoch, 30. August 2017

Economica.net hat unter den EU-Zahlstellen APIA eine Umfrage nach den größten rumänischen Viehzüchtern veranstaltet. APIA darf, laut EU-Reglement 259/2008, Informationen über die Nutznießer von EU-Subventionen in der gesamten Europäischen Union veröffentlichen, nicht aber Details, in dem Sinne, dass die detaillierte Summe dieser Subventionen, die an bestimmte Personen ausgezahlt wurden, mitgeteilt wird. Dieses lässt sich aber schätzen, da man die Flächennutzungsprämie in großen Zügen kennt, wenn auch nicht im jeweils konkreten Detail, also bezüglich einer bestimmten Fläche.

Laut der Übersicht der Internet-Publikation ist der größte Viehzüchter Rumäniens Dumitru Andreşoi aus dem Verwaltungskreis Hunedoara, der 5445 Hektar Weideland und Heuwiesen besitzt und rund 10.000 Hektar nutzt, auf denen seine fast 40.000 Schafe weiden (20.000 Mutterschafe und 17.000 Lämmer und Hammel, die sich in der Mast befinden). Gut 60 Prozent davon verkauft er jeden Herbst über Mittelsfirmen, vorrangig in den arabischen Raum und in den Nahen Osten, neuerdings zunehmend auch nach Russland. Andreşoi züchtet gezielt Fleischschafe und weicht damit von der rumänischen Tradition des Allzweckschafs (Milch-Fleisch-Wolle) ab. Sein Vermögen (er hat sich ab 2001 mit 80 Schafen auf diesen Wirtschaftszweig ausgerichtet) wird auf 20-25 Millionen Euro geschätzt und nach wie vor großteils reinvestiert (er erzielte in den vergangenen Jahren Bestands-Zuwächse von 40-50 Prozent). Seine EU-Subvention über die APIA-Zahlstelle wird auf jährlich 800.000 Euro geschätzt.

Der zweitgrößte Viehzüchter Rumäniens ist nach obiger Übersicht Vasile Sauca aus der Gemeinde Buchin bei Karansebesch, an der E-70/DN6 gelegen. Sauca besitzt 1683 Hektar Wiesen und Weiden und hält nach eigenen Angaben 5700 Schafe, 100 Mastrinder und etwa 600 Ziegen. „Wir wurden schon als Kleinkinder an die Viehzucht gewöhnt und zu ihr angehalten“, erzählt Sauca, der auch die Profitabilität der Beschäftigung zugibt: „Aber dazu musst du hart arbeiten!“ Er hat „um 2004“ zu expandieren begonnen, als er von einem Viehbestand von „1200-1500 Köpfen“ ausging. Charakteristisch für Banater Viehzüchter – und damit ähneln sie jenen aus dem Raum Hermannstadt, der Mărginime – ist, dass man von ihnen nie genau erfahren wird, wie viele Tiere sie genau haben/halten. Das weiß auch der Fiskus und deshalb gibt es regelmäßig wahre Kampanien der Angestellten des Fiskus, die ausschwärmen, um auf den Weiden oder beim morgendlichen oder abendlichen Schaf- und Ziegenmelken die Herden zu zählen – meist ohne (oder mit geringem) Erfolg.

Sauca selber verarbeitet einen Teil seiner Schaf- und Ziegenmilch selber – „aber nur wenig“ - die er auf den traditionellen Bauernmärkten verkauft. Der Großteil der Milch seiner Schafe und Ziegen geht an einen italienischen Milchverarbeiter, der eine Fabrik („Lact-Italia“) in Izvin, im westlichen Nachbarkreis Temesch, betreibt. Schlachtvieh verkauft Sauca immer vor Ostern („Osterlämmer“) und traditionell im Herbst, vor der Einwinterung, wenn die an den Fingern einer Hand abzuzählenden arabischen Aufkäuferfamilien, die im Großraum Konstanza ihre Firmen haben und leben, landesweit ausschwärmen und – dies die einstimmige Meinung rumänischer Schafzüchter: „nach Preisabsprachen untereinander“ – rumänienweit die Preise diktieren. Economica-Net schätzt, dass Sauca für seine Schaf- und Ziegen-Herden jährlich EU-Subventionen von rund 228.000 Euro einstreicht. Ansonsten gibt er sich bescheiden: „Ich glaube nicht, dass ich gar so groß bin. Bestimmt gibt es größere Viehzüchter, als ich einer bin.“

Von Zeit zu Zeit fällt Vasile Sauca dem Fiskus auf. Das zieht Kontrollen nach sich. Zuletzt war er mehrfach in Telefongesprächen erwähnt worden, die von den beiden inhaftierten und abgeurteilten Teregovanern Ianăş Roşeţi, dem ehemaligen Verwaltungsdirektor der Öffentlichen und Privaten Domäne (DADPP) des Kreisrats Karasch-Severin, und von Romică Anculia, dem Ex-Direktor der EU-Zahlstelle APIA Karasch-Severin, 2013 geführt wurden. Da auch in der ausführlichen Strafanzeige, die der ehemalige Vizebürgermeister von Armeniş, der Nachbargemeinde von Teregova, Ion Vetreş, gegen Roşeţi und Anculia erstattet hatte, von Sauca die Rede war und da Sauca auch in anderen Untersuchungssachen der Antikorruptionsbehörde DNA namentlich als mit dem Gesetz im Konflikt auftauchte (auch in jener des Ex-Bürgermeisters von Bozovici, Aurel Miclea, der gegenwärtig im Gefängnis sitzt), wurde Sauca unter Beobachtung gestellt.

Nicht lange. Denn bald kam heraus, dass der Viehzüchter neben seiner Hauptbeschäftigung auch andere Mittel zur Mehrung seines Vermögens nutzt. Er hatte sich mit verschiedenen Tierärzten „arrangiert“, damit sie ihm das Vorhandensein von mehr Tieren bestätigten, als er tatsächlich besaß – und für die fiktiven Tiere beantragte er EU-Subventionen. Danach hatte er angegeben, diese in unglaubhaften Mengen auf Tiermärkten verkauft zu haben – meist kurz nachdem sie mit unlauterer Hilfe von Tierärzten als subventionierbare Tiere bei APIA registriert waren. Einmal soll er, eigenen Angaben nach, auf dem Nutztiermarkt Karansebesch an einem einzigen Tag 1036 Schafe verkauft haben – mit Angabe der fiktiven Abnehmer -, einmal 466 Schafe – ohne Angabe der Abnehmer.

Polizei und Staatsanwälte nahmen danach alle Standorte von Saucas Herden unter die Lupe, in Buchin, am Flughafen Karansebesch (wo Sauca mit dem in unserer Zeitung mehrmals dargestellten „Arabela“ – dem pittoresken und brandgefährlichen Karansebescher Halbweltler Axente Obrejan - zusammenarbeitete), in Iaz, in Slatina Timiş, in Socol, Feneş und in Scăiuş - praktisch auf dem gesamten Gebiet des Banater Berglands. Die Überraschungen waren bald parat: in Feneş, bei der 80jährigen Maria Hurduzeu, deren Wohnsitz Sauca als Standort von 1020 Schafen und 199 Ziegen angegeben hatte, erklärte die Seniorin den Polizisten, dass sie sich gar nicht mehr dran erinnern kann, seit wann sie keine Weidetiere mehr hält. Ähnlich die Auskünfte in Socol und in Slatina Timiş, wo kein einziges von Hunderten deklarierter Tiere auffindbar war.

Zuletzt kam heraus, dass Sauca zwischen 2012-14 für 4565 Schafe und für 305 Ziegen Subventionen kassiert hatte, aber ihre  Existenz nie nachweisen konnte. Über die Ziegen gab er zu Protokoll, er habe alle 305 an einem einzigen Tag geschlachtet. Erklärung: „Zum Eigenverzehr!“ Als der Staat der Bauernschaft für das Notschlachten tuberkulosekranker Kühe Entschädigungen zu zahlen begann, waren plötzlich auch viele von Saucas Rindern tuberkulosekrank geworden. Diesmal aber griff die Direktion für Veterinärgesundheit und Lebensmittelsicherheit (DSV) ein und stoppte rechtzeitig den sich anbahnenden Betrug. Die (um satte Abfindungen) eingebildete Tuberkulose wurde per Laboranalyse enttarnt. Der Versuch Saucas, die Entscheidung der DSV vor dem Verwaltungsgericht anzugreifen, scheiterte und er fand sich mit dem Urteil der staatlich besoldeten Tierärzte ab. Das allerdings, unseres Wissens, keine weiteren Folgen hatte.

Folgen hatte allerdings die Angabe von 320 fiktiven Schafen für I.C. aus Grădinari bei Orawitza, der von der Gemeindeverwaltung für deren Ernährung 25 Hektar Weideland pachtete (später reduziert auf 22,3 Hektar), der aber für die fiktiven Schafe von APIA 2011 Subventionen einforderte. 2012 zahlte APIA für die fiktiven Schafe fast 20.000 Lei Subventionen. Als herauskam, dass die Tiere nicht existieren, klagte APIA gegen I.C. und seinen implizierten Vater Gh. I.C. und forderte 14.039 Lei zurück (der Rest waren fiskalische und Verwaltungsausgaben). Dieser Prozess läuft noch.

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