Film über den Freikauf der Rumäniendeutschen in Temeswar gezeigt

BZ-Gespräch mit dem Regisseur Razvan Georgescu

Mittwoch, 03. Dezember 2014

Rarvan Georgescu stellte seinen „Pass für Deutschland“ in Temeswar vor.

Der emotionale Dokumentarfilm über den Freikauf der Rumäniendeutschen im Kommunismus wurde vor Kurzem im Festsaal des AMG-Hauses vorgestellt. Zahlreiche interessierte Menschen, darunter viele Rumäniendeutsche sind gekommen, sich den Film, der ein Teil der Geschichte wiedergibt, anzusehen. Der rumänische Staat bot seine deutschen Bürger bis 1989 wie eine Ware an. Dieser „Menschenhandel“ zwischen Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland lief im höchsten Geheimnis zwischen 1967 und 1989 - Eine Viertel Million Deutscher aus Rumänien wurden in dieser Zeitspanne freigekauft.

Die Fakten über den Freikauf der Rumäniendeutschen und die Nostalgie der Ausgewanderten ihrem Heimatland gegenüber, stehen im Fokus des Films. Für rund 90 Minuten herrscht im Festsaal des AMG-Hauses Ruhe. Der Dokumentarfilm läuft. Im Saal sitzen unter anderen auch der Regisseur des Films, R²zvan Georgescu, und einer der Protagonisten: Karl Hann. Dass der deutsche Staat für seine Ausreise bezahlt hat, das hat Karl Hann erst vor einigen Jahren erfahren. Er konnte gar nicht fassen, dass die rumänische Regierung einerseits alles Mögliche versucht hat, ihn nicht aus dem Land heraus zu lassen und auf der anderen Seite sie Geld dafür kassiert hat, als er trotzdem weg durfte.

Der Rumäne Razvan Georgescu hat die Ereignisse ganz anders miterlebt. Seine deutschen Kollegen und Freunde aus Temeswar wurden ständig weniger. Was da passierte, konnte der damalige Schüler nicht verstehen. Die Aufklärung kam erst später. Über die Idee zum Film und Echos darüber führte die BZ-Redakteurin Andreea Oance ein kurzes Gespräch mit dem Regisseur Razvan Georgescu.

 

Wie kamen Sie zum Thema des Freikaufs? Wie ist eigentlich der Film entstanden?

Wenn man in Temeswar aufgewachsen ist und dabei die deutsche Schule besucht hat, auch wenn man Rumäne ist, so wie ich, kam man unweigerlich mit den Banater Schwaben in Kontakt. Sie waren meine Freunde, meine Kollegen, meine Lehrer. Und ich war Zeuge, wie sie immer weniger wurden und wie sie alle irgendwie das Land verließen. Für mich war damals die Frage: Wieso gehen sie alle weg? Meine ganze Jugend war in dieser Stimmung von Melancholie eingebettet. Es gab immer wieder Abschiedsparties, wenn die Leute ihre Pässe für Deutschland, wie man das so üblich sagte, bekamen. Dann verschwanden sie einfach. Das hat mich immer wieder über die Jahre begleitet und auch meine Biographie berührt, da ich ja meine banaterschwäbische Schulkollegin geheiratet habe. So begab ich mich später auch auf den gleichen Weg nach Deutschland, wie meine Kollegen und Freunde. Es war einfacher für mich als Rumäne. Ich kam nicht in die Heimat meiner Vorfahren zurück. Ich hatte auch keine Erwartungen. Bei ihnen war es aber anders.

Von diesem Handel erzählte mir später Kanzler Helmut Kohl, als ich in Deutschland für den BBC arbeitete. Danach habe ich angefangen zu recherchieren.

 

In Ihrer Recherche, welche der beiden Seiten war bereit darüber zu reden?

Die Rumänen haben als erste - noch vor Deutschland - mit einer Gruppe von acht Historikern eine riesige Monographie über diese Operation „Geheimsache Kanal“ geschrieben und veröffentlicht. Und das geschah zu der Zeit, als in Deutschland die Unterlagen noch unter Verschluss waren. Es ist jedoch nicht unbedingt ein Kapitel, womit man sich rühmen soll. Damals, während der Operation, hat die rumänische Seite immer auf Diskretion bestanden. Die deutsche Seite hat eigentlich nie ein Problem mit der Öffentlichkeit gehabt, aber es lag immer wieder die Drohung im Raum, wenn irgend etwas an die Öffentlichkeit gerät, dann darf keiner mehr über diesen „Kanal“ unter dem Eisernen Vorhang Rumänien verlassen. Und so hat man sich daran gehalten.

 

Der Film ist von Nostalgie geprägt. Die Rumäniendeutschen waren immer auf der Suche nach ihrer Identität. In Rumänien waren sie die Deutschen, in Deutschland waren sie die Rumänen. Was genau wollten sie durch Ihren Film in dieser Hinsicht ausdrücken?

Es ist schon eine traumatische Erfahrung, eine 850-Jährige Kultur und Tradition, wie im Falle der Siebenbürger Sachsen, zurück zu lassen; im Falle der Banater Schwaben ungefähr 300 Jahre. Wer kann sich in Rumänien schon einen Stammbaum, der 850 Jahre alt ist, vorstellen? Die Deutschen können das! Und das alles zurückzulassen, sich auf den Weg zu machen, das ist nicht einfach und eine traumatische Erfahrung wirkt bei vielen noch nach. Auch die manchmal demütigenden Erfahrungen in den letzten Jahren der kommunistischen Prägung, das lässt nicht so einfach los. Der Film beginnt auch mit den über 800 Jahren alte Eichen, die von den Sachsen gepflanzt wurden. Sie waren hier die Deutschen, sie hatten das deutsche Herz in sich gehabt. Jedoch in Deutschland angekommen, mussten sie schon mit einigen Vorurteilen kämpfen. Es war ja auch so, dass sie sehr gut Deutsch sprachen, im Gegenteil zu den Deutschen aus Schlesien oder aus Russland, dennoch haben sie nicht das Gefühl gehabt, dass sie nach Hause oder in die alte Heimat zurückkehren. Diese Identitätsfragen haben lange gedauert, bis sie Antworten darauf gefunden haben.

 

Der Ehrenvorsitzende des DFDB Karl Singer hat nach der Filmvorführung gemeint, dass ihm die Perspektive der Zurückgebliebenen fehlt. Sie antworteten, dass diese Perspektive eine Folge wert sei...

Definitiv ist es eine Folge wert! Wie bei jedem Abschied, sind die, die es am meisten trifft, die Angehörigen, die zurück geblieben sind. Diese Kategorie verdient einen eigenen Film. Ich musste mich aus dramaturgischen und narrativen Gründen auf etwas fokussieren und so blieb ich bei dem Thema des Menschenhandels und der Geschichten der Ausgewanderten. Die Zurückgebliebenen bloß beiläufig zu erwähnen, das wollte ich nicht. Sie verdienen einen eigenen Film!

 

Der Dokumentarfilm wurde bereits in verschiedenen rumänischen Großstädten, wo viele Rumäniendeutschen lebten, vorgeführt. Welchen Weg wird nun der Film einschlagen?

Der Film lief in rumänischen Kinos aus Hermannstadt, Klausenburg, Kronstadt, Temeswar und Bukarest. Dann wird er im rumänischen (seit dem 27. November) und polnischen Fernsehkabelnetz (HBO) gezeigt. Später soll die Reise durch Europa folgen. Im Februar des nächsten Jahres erscheint dann eine DVD-Ausgabe des Films mit viel Bonusmaterial und Extras – Protagonisten, die in dem Film keinen Platz mehr gefunden haben, aber die nicht uninteressant sind und ein Gesamtbild ergeben, das hiermit vollständiger ist, als diese 90 Minuten-Version.

 

In Deutschland lief eine kurze Fassung des Filmes für die ARD. Diese Ereignisse sind wahrscheinlich für die Deutschen eher unbekannt gewesen. Wie nahm das deutsche Publikum die Geschichte an?

Die kürzere und technischere Fassung des Films war weniger emotional. Die Protagonisten sind da gar nicht aufgetreten. Die Reaktion war überwältigend, was das Medienecho betrifft. Es war etwas Neues. Die deutsche Bevölkerung weiß so gut wie gar nichts über das Schicksal der deutschen Gemeinschaften in Osteuropa, weder über die Rumäniendeutschen, noch über die anderen deutschen Volksguppen. Ich habe ein Interview mit Peter Miroschnikoff (deutscher Journalist und langjähriger Mittel- und Südosteuropa-Korrespondent der ARD) geführt und er meinte, dass eigentlich die Geschichte der Deutschen aus Osteuropa in deutschen Lehrbüchern eingeführt werden soll. Die Geschichte ist dermaßen reich und beeindruckend. Die ersten Krankenhäuser, die ersten Schulen und Altenheime gab es damals nicht im ehemaligen Reichsgebiet des 14. Jahrhunderts, sondern in Siebenbürgen. Und darüber weiß man in Deutschland so gut wie gar nichts.

 

Haben Sie denn nicht befürchtet, dass die Deutschen die Rumäniendeutschen mit anderen Augen sehen werden und ihnen Vorwürfe machen würden und andere Erwartungen von ihnen haben, damit sie das bezahlte Geld wert sind?

Die Deutschen aus Rumänien kamen sehr entschlossen in Deutschland an. Sie haben sich hervorragend eingelebt und integriert. Ein wichtiger Vorteil war, dass sie auch sehr gut die deutsche Sprache beherrschten, im Vergleich zu anderen Deutschen aus Osteuropa. Wenn man bedenkt, dass in den letzten fünf Jahren zwei Banater Schwaben Nobelpreisträger geworden sind und mit denen sich sowohl Deutschland als auch Rumänien pralhen, dann glaube ich, dass die Deutschen, die aus Rumänien eingewandert sind, ihre „Schulden“ tausendfach zurück gezahlt haben.

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