Flaschenpost von einem zeitlich zwar fernen, psychologisch jedoch nahen Ufer

Ioana Crăciuns „Dekonstruktion des Bürgerlichen im Stummfilm der Weimarer Republik”

Samstag, 11. April 2015

Ioana Crăciun: „Die Dekonstruktion des Bürgerlichen im Stummfilm der Weimarer Republik”. Reihe: Beiträge Zur Neueren Literaturgeschichte, Dritte Folge, 337 Seiten, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2015, ISBN-10: 382536416X

So weit entfernt und doch so nah – oder um den Klappentext (und zugleich den letzten Satz der hier besprochenen erbaulichen „Dekonstruktion”) vorwegzunehmen: „aus naher Zeitferne”. Die Weimarer Republik. Genauer gesagt, der Stummfilm der Weimarer Republik. Akademisch aufgetischt. Szenisch abrufbar. Stets mit einem neugierigen, vorzüglich geschulten Blick ins Innerste der Handlung zielend.

Im jüngsten wissenschaftlichen Band der Bukarester Germanistik-Professorin Ioana Crăciun wird anhand einer tiefgründigen Erfassung der Bedeutungsstruktur des Bürgerlichen ein mannigfaltiges, aus der Analyse des in der bedachten Epoche zum Begriff gewordenen Massenphänomens namens Stummfilm heraus umrissenes Bild der Weimarer Republik gezeichnet, das unter einer gelungenen Aufmachung die intensiven einschlägigen Recherchen der Autorin in Frankfurt am Main, im Deutschen Literaturarchiv Marbach, in Wiesbaden und in Berlin dokumentiert und dabei einen im Kontext sinnvollen, dem Stand der Forschung zur Genüge reichenden Beitrag leisten will – in neuartiger Form, so wie er bisher noch nicht am Horizont der Filmwissenschaft sichtbar war. Um es mit Verweis auf Hugo Bettauers (in Crăciuns Studie mitberücksichtigten) Roman  „Die freudlose Gasse“ griffig auszudrücken: Was da auf die Akademikerwelt im deutschen Sprachraum und in transcarpathischen Landen zukommt, ist ein neuer „Stern am Börsenhimmel” der rumänischen Germanistik, eine klangvolle Studie zur Bildhaftigkeit vielsagender stummer Szenen und der ihnen beiwohnenden Sprachbilder.

Metaphorisch sei es denn auch zu verstehen, so die Autorin, wenn sie vom Übersetzen des Stummfilms der Weimarer Zeit spricht. „Seine stumme Botschaft erreicht uns heute wie eine Flaschenpost von einem zeitlich zwar fernen, psychologisch jedoch nahen Ufer und fordert uns heraus, sie in die Sprache unserer eigenen Gegenwart zu übersetzen. Im Akt dieser metaphorisch zu verstehenden Übersetzung entdeckt man die unvermutete Aktualität des Weimarer Stummfilms (...).”

Obige Anweisung stellt die Gleise für eine gründliche Aufarbeitung des großzügigen, hierin mit den Mitteln der akademischen Darlegung systematisch und kundig vorgestellten Stoffes. Im Laufe der wie in loser Wechselwirkung zueinander stehenden einzelnen Kapitel, die übrigens recht gut auch als selbstständige Studien gelesen werden können, wird freilich öfters erneut ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die eine oder andere Formulierung metaphorisch (bzw. symbolisch) zu verstehen sei, was wohl eilfertigen Missverständnissen und Fehlinterpretationen vorbeugen soll.

Man braucht das Buch gar nicht aufzuschlagen, um sachlich drin zu sein, um sich ein Bild zu machen, ein Bild von der beweglichen Bilderwelt, um die es hier geht. Schon auf dem Vorderumschlag wird – ein bisschen oberhalb des in groben Zügen abgebildeten, einen Anflug von geheimnisvoller Vielseitigkeit ausströmenden Zelluloidstreifens – vergegenwärtigt, wie ein Begriff auf der schönen Baustelle der Geisteswissenschaften hinterfragt, untersucht, abgebaut, abmontiert, abgetragen wird, um den Durchbruch in eine neue Epoche zu ermöglichen. Es handelt sich um den im Deutschen so ungemein wichtigen, ja identitätsstiftenden Begriff des Bürgerlichen. Der Stummfilm macht ihm den Garaus.

Dass das Prinzip der Dekonstruktion dieser Studie in ihrer vollen Ambivalenz  zugrunde liegt, widerspiegelt dabei die asymmetrische Anordnungsweise des Titel-Syntagmas, dessen vier Zeilen auf dem Vorderumschlag in jeweils unterschiedlichem Abstand eingerückt sind. Konstruktive Unordnung – oder noch besser: dekonstruktive Ordnung. Darunter ein Streifen, in den man sich hineinlesen darf.

Eine gewisse Unschärfe der methodologischen Herangehensweise des überaus anspruchsvollen, anregenden und vielversprechenden interdisziplinären kulturwissenschaftlichen Unterfangens der Bukarester Germanistin wird u. a. mittels des Conjunctivus potentialis reflektiert: „Unschwer ließe sich diese Dekonstruktion des Bürgerlichen im Sinne einer Hermeneutik der auf Eigentum basierenden Industriegesellschaft (...) anhand einer Fülle von unterschiedlichsten Stummfilmen demonstrieren, die sich thematisch und ästhetisch wenig berühren und lediglich durch ihre schwarz-weiße Stummheit ein und demselben Kulturphänomen angehören.”

Der Rezipient wird reichlich mit Hintergrundinformationen versorgt – und er kann sich leicht in die Weimarer Zeit versetzen und sich wenn schon nicht die besprochenen Filme, so doch wenigstens die von der Autorin zweckmäßig aufgetriebenen Abbildungen in aller Muße anschauen. Es fehlt dem über dreihundert Seiten starken Band nämlich ganz gewiss nicht an Anschaulichkeit, und schon gar nicht an Weltanschauungen.

„Jedes Kapitel der vorliegenden Untersuchung ist thematisch strukturiert und setzt sich mit der Dekonstruktion des Bürgerlichen in den Stummfilmen der Weimarer Republik aus einer jeweils anderen Perspektive auseinander”, erläutert Ioana Crăciun schon in der Einleitung, ohne vorerst zu verraten, was für eine Bewandtnis es denn mit diesen jeweils anderen Perspektiven habe. Und ehe man’s sich versieht, starren einen hundert schwarzweiße Figuren aus einem unendlichen, in sich zusammenhängenden Streifen von einer anderen Zeit her an: aus der Weimarer Republik.
Man merkt schon, die in der Danksagung hervorgehobenen Auslandsaufenthalte und die damit verbundene mühsame Forschungsarbeit der Autorin haben in der Tat wo hingeführt. Zwar fällt es am Anfang verhältnismäßig schwer, das dekonstruierbare Gestell und die begriffliche Argumentationslinie aus der in all ihrer zumutbaren Zündkraft in Angriff genommenen komplexen Struktur des Begriffs des Bürgerlichen bzw. des Begriffs „Dekonstruktion des Bürgerlichen” zu erschließen, doch die unverkennbare Folgerichtigkeit zahlreicher einzelner Gedankenzüge und Darstellungen tut ihre Schuldigkeit. Eine Welt ist wieder da, so richtig da: eine Welt, die nicht mehr da ist.

Hier liegt ein nützliches Handbuch für Fachleute vor. Man findet sich darin problemlos zurecht und gewinnt je nach dem jeweils spezifischen Interessenschwerpunkt leicht einen entsprechenden Überblick. Besonders wer etwas für das so facettenreiche, an sich eigenartige und im Rahmen (nicht nur) der deutschen Kulturgeschichte wesentliche Moment der Weimarer Republik und der aus ihr hervorgegangenen mutierenden Mentalität und Begrifflichkeit übrig hat, wird sich in einem solchen Büchlein (um es unvermittelt mit Goethe zu sagen) ein fundiertes, erzähltechnisch und metaphorisch dekonstruierbares Zuhause zusammenbasteln wollen. Der Stummfilm der Weimarer Republik, der stumme Film einer Zeit, in der man noch hundertprozentig hinblicken musste, um die Handlung mitzubekommen, um in Erfahrung zu bringen, was so alles innerhalb des Bürgerlichen liegt: Hier kommt er zur Sprache.

Inhaltlich tut sich recht viel im Rahmen dieser Dekonstruktion. Das erste Kapitel dreht sich um „Die Großstadt und ihre Psychopathologie”, das zweite um „Die Darstellung der männlichen Homosexualität”. Darauf folgen Auseinandersetzungen mit der Gestalt des Doppelgängers bzw. mit Kindergestalten und Kinderschicksalen, und das letzte Kapitel ist dem Thema Verbrechen und Verbrecher gewidmet. Sehr aufschlussreich. Sehr detailliert. Wohldokumentiert.

Alles in allem sind lediglich die in der Einleitung und in den  „Abschließenden Bemerkungen” versprengten Angaben zur strukturellen Einheit und zur interdisziplinären Zweckmäßigkeit dieser Studie in ihrer begrifflichen Beweisführung eher vage verankert, dabei immerhin in ihrer metaphorischen Ausgewogenheit sehr ansprechend geraten. Die mehr oder weniger geheime Intention, etwa durch ein sprachlich ausgeklügeltes Finis coronat opus der breit ausgerichteten Untersuchung mehr Schwung zu verleihen (nicht dass sie das bräuchte), ist und bleibt lobenswert, selbst wenn das Versprechen einer potenzierten Wirkung in Hinblick auf die Erfassung der zentralen These und der methodologischen Folgerichtigkeit der einzelnen Kapitel am abschließend rückblickenden Erwartungshorizont der Bedeutungsstruktur der „Dekonstruktion” nur zum Teil eingelöst wird.

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