Foodwatch gegen die Lebensmittelindustrie

In Deutschland schauen Verbraucher zweimal hin, was sie essen

Samstag, 03. Oktober 2015

Evolution oder Involution? Ungesunde Lebensmittel werden uns im großen Stil von der Lebensmittelindustrie angedreht

Kinder können Süßwaren, Knabberartikeln und Soft-Drinks einfach nicht widerstehen. Inzwischen leiden in Deutschland 15 Prozent der Kinder an Übergewicht. Die Folgen können Erkrankungen wie Diabetes, Gelenkprobleme, Bluthochdruck und Herzkrankheiten sein. Und wer trägt die Schuld? Nicht allein die Eltern, meint die Verbraucherorganisation Foodwatch. Sie macht besonders die Lebensmittelindustrie für die hohe Übergewichtsrate bei Kindern verantwortlich.

Konzerne wie Dr. Oetker, Nestlé oder Wild versuchen durch Unterrichtsmaterialien für Schulen und Kitas, ihre Produkte an Kinder zu verkaufen. Dabei werden Tatsachen verdreht: Ritter-Sport schreibt seiner Schokolade etwa Heilkräfte zu. In seinem Grundschul-Unterrichtsmaterial heißt es, sie sei „gut für Herz und Kreislauf“, wirke „schmerzlindernd“ und die Wissenschaft habe inzwischen festgestellt, dass sie glücklich macht.

Capri-Sonne fast so süß wie Coca Cola

Auch das Fruchtsaftgetränk Capri-Sonne wurde mit fragwürdigen Aussagen beworben, inzwischen hat die Firma Wild die Werbematerialen jedoch zurückgezogen. Die Capri-Sonne erschien dort in der Ernährungspyramide ganz prominent in dem Segment Getränke. Dazu gab es eine Empfehlung für Kinder, Capri-Sonne möglichst oft zu konsumieren – obwohl der Soft-Drink rund zehn Prozent Zucker enthält und damit fast genauso süß ist wie Coca-Cola (10,6 Prozent). Gesund ist das nicht. Davon wurde aber in der Unterrichtsmappe nichts erwähnt.
Dr. Oetker bietet Arbeitsblätter für die Grundschule an, als Teil einer aggressiven Werbekampagne, um seinen „Kuhflecken“-Pudding zu vermarkten. Kinder sollten Text- und Bildaufgaben rund um Tiere lösen. Prominent vertreten waren auch das Logo des Herstellers und das Maskottchen des Puddingprodukts, die fleckige Kuh Paula.

Kinder, die optimale Zielgruppe

Kinder sind für die Lebensmittelindustrie die reinste Geldmaschine. Das sagen Werbeagenturen wie Spread Blue, die sich auf „Education-Marketing“ spezialisiert haben. Auf ihrer offiziellen Seite schreibt die Agentur: „Die Zielgruppe verfügt über mehrere Milliarden Kaufkraft und Mitsprache bei Kaufentscheidungen der Eltern. Oft sind die frei verfügbaren Mittel größer als bei den Eltern. So haben Kinder und Jugendliche (6 bis 19 Jahre) jährlich eine Summe von rund 20 Milliarden Euro zur Verfügung.“ Darum verteilt Spread Blue im Auftrag ihrer Kunden Produktproben in Kitas, überflutet Schulen mit Werbematerialien, die nach Pizza oder Schokolade duften, und füllt Schulflure mit Bodenfolien und Plakaten.

Klappt es nicht mit der direkten Werbung, versuchen sich Lebensmittelkonzerne als Sponsoren von Sportevents oder Initiatoren von Schulveranstaltungen. Der Knabbergebäckhersteller Intersnack veranstaltet etwa den Deutschen Vorlesepreis. Auf den seit 2006 stattfindenden Veranstaltungen im Rahmen des Wettbewerbs ist der Pom-Bär als Maskottchen immer präsent. Durch die Events möchten die Konzenre auf frühzeitige Aufklärung und Bildung pochen, die Verantwortung auf Schüler, Lehrkräfte und Eltern verlagern.

Foodwatch verleiht Negativpreis

Foodwatch findet die Werbemaschen der Lebensmittelkonzerne einfach nur dreist. Darum hat der Verein 2013 fünf Produkte für den „Goldenen Windbeutel“ nominiert, die an Kinder vermarktet werden. Die Negativauszeichnung vergibt Foodwatch seit 2009, 2013 fiel der Fokus erstmals auf Kinderlebensmittel. Dadurch möchte Foodwatch auf die Mitverantwortung der Lebensmittelindustrie für Übergewicht und Fehlernährung bei Kindern hinweisen.
Fünf Kandidaten waren im Rennen. Auf der offiziellen Seite konnten Verbraucher ihre „Favoriten“ wählen. Auf die Nominierten-Liste schafften es Wilds Capri-Sonne, Ehrmanns Monster-Backe Knister, Intersnacks Pom-Bär, Nestlés Kosmostars und Dr. Oetkers Paula. Gewonnen hatte die Capri-Sonne mit 120.000 Stimmen. „Capri-Sonne & Co. sind Dickmacher ersten Ranges, das ist wissenschaftlich erwiesen. Dennoch fixt Wild Kinder auf allen Kanälen an, immer noch mehr Zuckergetränke zu konsumieren – im Internet, Fernsehen, in der Schule, bei Sportveranstaltungen und sogar als Kinderbetreuer in Ferienanlagen,“ schreibt Foodwatch auf der offiziellen Seite.

Zuckergehalt kleingerechnet

Nestlés Cerealien „Kosmostars“ sollen „weniger als neun Gramm Zucker pro Portion“ enthalten. Dabei setzt das Unternehmen laut Foodwatch auf einen altbewährten Portionstrick: Eine Portion wird auf gerade einmal 30 Gramm festgelegt und dadurch wird der Zuckergehalt klein gerechnet.

Ehrmann vermarktet seine überzuckerten Joghurts als Spielzeug. Sie locken mit Knisterzucker, der bei Berührung mit dem Joghurt prickelt und laut zischt. Zudem gibt es eine Zungenfärber- und Blubber-Brause-Variante, die die Zunge färbt oder den Joghurt aufschäumen lässt.

Sämtliche Kandidaten werben für ihre Produkte durch Unterrichtsmaterialien in Schulen oder durch das Sponsoring von Veranstaltungen. Dabei versuchen die Hersteller von der Tatsache abzulenken, dass ihre Produkte für Kinder ungeeignet sind, weil sie zu viel Zucker enthalten und dick machen. Pom-Bär-Chips sind zum Beispiel fünfmal so salzig und doppelt so fettig wie die Pommes frites von McDonald’s. Der Zuckergehalt der Kosmostars-Flocken liegt bei 25 Prozent. Der Monster-Backe Knister-Joghurt enthält je nach Sorte 17,5 bis 19 Prozent Zucker.

Zwei Millionen übergewichtige Kinder

Es sind Kalorienbomben für Kinder, die ohnehin immer dicker werden. In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der dicken Kinder um 50 Prozent erhöht. In Deutschland gelten rund zwei Millionen Jugendliche und Kinder als übergewichtig. Eine ungesunde Ernährung ist zwar nicht der einzige, aber ein maßgeblicher Grund dafür.
Lebensmittelkonzerne weisen gerne auf andere Faktoren hin, wie zum Beispiel Sport. Doch laut Ernährungsexperten ist Sport allein kein Rezept gegen Übergewicht. Nur die Mischung aus gesunder Ernährung und Bewegung garantiert langfristige Erfolge. Das würde aber heißen, dass die Hersteller von Junk-Food auf Healthy-Food umsteigen müssten.

Rumänien noch ein Paradies für Hersteller

An Vereinen wie Foodwatch fehlt es in Rumänien, obwohl inzwischen die meisten Produkte, über die Foodwatch in Deutschland aufklärt, auch in Rumänien zu haben sind. Rumänische Verbraucher sind ein gefundenes Fressen für die Lebensmittelindustrie. Der Grund: Es mangelnd an Aufklärungskampagnen für Eltern. Selbst Softdrinks wie Coca-Cola, die in westlichen Industrieländern längst auf  die schwarzen Listen verbannt wurden, werden in Rumänien von Kindern konsumiert. Meistens erlauben es die Eltern. Auch in Schulen werden die Produkte verkauft. Darum leiden auch immer mehr rumänische Kinder an Fettleibigkeit. Die mangelnde Nahrungskontrolle bedeutet, dass Lebensmittelhersteller alles machen können. Kampagnen, die in Deutschland zum Beispiel als „dreist“ gelten, finden in Rumänien großen Anklang.

Noch herrscht der Mythos vor, dass manche Lebensmittel für Kinder gesund sind, nur weil sie als solche beworben werden - ohne dass man auf das Kleingedruckte auf der Verpackung schaut.  Es fehlt eine kritische Haltung gegenüber der Ernährung. Noch werden rumänische Verbraucher von der Fülle und der Vielfalt an Produkten verblendet. Das durch Ceauşescus Mangelgesellschaft verursachte Trauma einer Generation ist immer noch nicht überwunden. Die Schönfärberei der Lebensmittelhersteller wird gerade deswegen unkritisch angenommen, weil sie willkommene Illusionen erzeugt. Nachdem die Menschen jahrelang in einer tristen, farblosen Gesellschaft ausharren mussten, in der es mehr Verbote als Chancen gab, möchte man nun die verschwendete Kindheit und Jugend nachholen. Das bedeutet auch, dass man sich einer gewissen Verantwortung entzieht.

Im Grunde wollen Eltern nur das Beste für ihre Kinder - oft heißt das im heutigen rumänischen Alltag, ihnen zu gönnen, was man selbst nicht hatte. Darum wird seltener auf die Rückseite der Verpackung geschaut und immer wieder auf die Vorderseite, wo eine Fantasiewelt kreiert und verkauft wird.

Kommentare zu diesem Artikel

dan, 07.10 2015, 10:21
Rumänien war und ist das Tor für die Giftkonzerne dieser Welt, um z.B. in die Agrarindustrie in der EU einzudringen.
Das geht einfach, weil in Rumänien Monsanto, Pioneer & Co. sehr leicht anhand der Bestechlichkeit der Staatsdiener z.B. ihre Genpflanzen, ihre Dünger und Gifte- welche teils in der EU gar nicht zugelassen waren/sind--- verkaufen.
Doch da diese US-Konzerne mehr Macht haben als ein kleiner Staat in der EU, sind in Rumänien nun mehrheitlich die einheimischen Agrarpflanzen nicht mehr existent-- bzw. ersetzt worden, durch genmanipulierte Pflanzen.
Die Folgen für Rumänien: Zerstörung der Lebensgrundlagen für Kleinbauern, Vernichtung derselben- wie das schon in der EU mehrheitlich realisiert worden ist-
Vernichtung der Unabhängigkeit Rumäniens als Lebensmittelproduzent. Abhängigkeit von der internationalen Agrarmafia.
Verteuerung der Lebensmittel in Rumänien.
Veschlechterung der Qualität der Lebensmittel in Rumänien.

Foodwatch ist nur ein kleiner David gegen die weltweite Agrarmafia.
In Rumänien verstehen die meisten Bürger anhand der seit 1990 realisierten Verdummung nur noch: Masse statt Qualität... und kaufen inzwischen billigste, verpfuschte, manipulierte "Lebens"-mittel ein, die oft besser mit Krank-mittel beschrieben werden könnten.
Und alle Politiker in Rumänien und fast alle in der EU klatschen Beifall...

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