Forumsvorsitzender als Stadtführer unterwegs

Arad: Gebäude erzählen die Geschichte des Ortes an der Marosch

Mittwoch, 03. Februar 2016

Ein Stadtsymbol: die Trajansbrücke

Blick auf die Römerstraße in Arad

Am Platz zum Roten Ochsen: Im Hof des Altbaus ist ein Einkaufszentrum, das „Zum Roten Ochsen“ heißt.
Fotos: Adrian Ardelean

Die Gebäude einer Stadt sagen vieles über die Geschichte des Ortes und der darin lebenden Gemeinschaft aus. In dieser BZ-Ausgabe setzen wir die Serie über die Arader Orte und Bauten fort. Stadtführer ist Michael Szellner, der Vorsitzende des Deutschen Forums in Arad, Schulleiter a.D. des Adam-Müller-Guttenbrunn-Lyzeums in Neuarad und ehemaliger Stadtrat seitens der deutschen Gemeinschaft. Ihn treffen wir diesmal im Urzentrum von Arad am Platz Zum Roten Ochsen und setzten unseren Stadtrundgang fort.

 

„Vom Römerplatz oder dem Platz ´Zum Roten Ochsen´ startet die Römerstraße Richtung Neuarad und setzt über die Trajansbrücke fort. In den 1960-er Jahren, als die Hochhäuser gebaut wurden, hat man in 1,10 Meter Tiefe Pflastersteine aus der ehemaligen alten Römerstraße mit dem Abzeichen der XIV. Legion gefunden, die hier stationiert war und deren Soldaten an der Straße gearbeitet haben“, sagt Michael Szellner. Die Straße ist also sehr alt, sie stammt aus dem Altertum, und es hat im Laufe der Zeit Brücken bzw. Fähren gegeben, die den Marosch-Fluss überquerten. Die Alte Brücke war aus Steineichenholz gebaut. „Als in der Zeitspanne 1999-2003 die Pfeiler der gegenwärtigen Brücke repartiert wurden, hat man die alten Pfosten heraus genommen, die seit mindestens 150 Jahren im Wasser gestanden und immer noch nicht verwest waren. Eigentlich war die Marosch bis 1712 die Grenze zwischen dem Osmanischen und dem Habsburgerreich. Dann hat Prinz Eugen von Savoyen die Kampagne gegen die Osmanen neu gestartet, die vier Jahre lang gedauert hat. Und zu jener Zeit hat man ein Zollhaus errichtet“, erläutert Szellner. Das Zollhaus steht bis zum heutigen Tag und es ist zur Zeit ein Wirtshaus, die Leute kennen es nach dem alten Namen in deutscher Mundart: „Zum Zollheisl“.

„Prinz Eugen von Savoyen hat bereits 1687 die Osmanen aus Großwardein besiegt und verjagt, durch den ersten Vertrag von Passarowitz sind sie dann auch südlich der Marosch gezogen, aber dieses Territorium war eigentlich Niemandsland, von beiden Militärmächten beansprucht und von niemandem besetzt. Um das Gebiet zu verwalten, wurden in Einvernehmen serbische Söldner angeheuert, die dieses Grenzgebiet bewacht haben – das, was wir heute als Friedenserhaltungstruppen bezeichnen würden. Für diese Dienste haben die serbischen Söldner samt ihren Familien Wohnrecht von den Habsburgern erhalten und so kommt es, dass gleich von allen Anfängen an in Arad eine serbische Bevölkerung vorhanden ist“, erläutert der Stadtführer.

 

Wir kehren am Platz zum Roten Ochsen vor dem ehemaligen Postamt zurück. Im Hof des alten Gebäudes ist ein Einkaufszentrum in Betrieb, das den alten Namen „Zum Roten Ochsen“ trägt. Michael Szellner setzt seine Präsentation fort:

„Schon hier ist es zu bemerken, dass von diesem zentralen Platz aus die Stadt mit strahlenförmigen Straßen ausgebaut wurde. Die Habsburger waren Meister der Systematisierung und sie haben sich selbst als Nachkommen der Römer empfunden, durch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, dessen Kaiser das Heilige Reich aufgegeben hat, um sich selber zum Kaiser des Habsburger Reiches zu küren. Das war Franz I. und er hat dann verfügt, dass man die Symbolistik der Römer übernimmt. Allerdings 1716 hat Prinz Eugen die Osmanen bei Belgrad auf der Vogelwiese endgültig besiegt, die Osmanen haben sich weiter nach Süden zurückgezogen und dann wurde auch schon Temeswar als die neue Hauptstadt des Banats anerkannt“, sagt Michael Szellner. Da aber Prinz Eugen infolge einer Verletzung und der Pestinfektion gestorben ist, wurde vorher noch Graf Mercy als Gouverneur der Provinz eingesetzt. „Von ihm gibt es ein Zitat auf einer in Gußeisen gegossenen Wandtafel in der Arader Festung, die vom inzwischen leider verstorbenen Geschichtelehrer Daniel Schemmel entziffert und auch veröffentlicht wurde. Da steht es auf Latein: ‚Imperim Romanum dixit: divide et impera.‘ Dann wird der Text fortgesetzt in österreichischem Deutsch: ‚Aber ich sage Euch: teilet allen ihr Teil und besteuert sie alle.‘ Das war die österreichische Auslegung des römischen Spruches, eine viel interessantere Auslegung, als sie es sich die Römer selbst gemacht haben. Aus diesem Grund wurde die Stadt sternförmig konzipiert“, sagt Szellner.

„Die Habsburger haben auch scharf darauf geachtet, dass es überhaupt keine Mehrheit gibt. Zu ihrer Herrscherzeit gab es keine deutsche oder deutschsprachige Mehrheit, zur Zeit der serbischen Besatzung gab es keine serbische Mehrheit, zur Zeit des ungarischen Königreiches hat trotzdem die Krone in Wien darauf geachtet, dass die ungarische Bevölkerung nicht mehrheitlich wird, auch die jüdische Bevölkerung hat nie mehr als etwa 18 Prozent betragen und sogar nach dem Übergang des Banats und Siebenbürgens an Rumänien 1920 nach dem Ersten Weltkrieg und der großen Vereinigung hat es keine rumänische Mehrheit gegeben bis gegen 1954, als die kommunistische Regierung bewusst und absichtlich durch Zwangskolonisation der Bauern aus den Vororten und deren Umwandlung in nicht qualifizierte Arbeiter durch die Zwangsindustrialisierung eine rumänische Mehrheit geschaffen wurde. Trotzdem war es aber noch bis in den 1960-70 Jahre üblich, dass jeder Arader mindestens drei Sprachen beherrschte, wenn nicht vier oder gar fünf.“

Von dem Forumsvorsitzenden Michael Szellner erfahren wir anhand des Stadtbildes und der Bauwerke die wichtigsten Momente der Ortschaftsgeschichte. Den Stadtrundgang durch Arad setzen wir in der nächsten Auflage der Arader Seite in zwei Wochen fort. Wenn Sie aber inzwischen an den Gebäuden vorbeigehen, nehmen Sie sich die Zeit und schauen Sie etwas genauer hin: sie sind auch Teil Ihrer eigenen Lebensgeschichte.

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