Frage aufgeworfen: Was ist ein “soziales Unternehmen”?

Finanzielle Selbstständigkeit für benachteiligte Personen und NGO

Freitag, 05. Dezember 2014

„Concordia Bakery“ (www.concordia-brutarie.ro) bei der „Messe der Sozialen Unternehmen“, Bukarest, 2013. Die Mission der humanitären Organisation Concordia ist es, Kinder und Jugendliche, die aus benachteiligten Familien oder direkt von der Straße kommen, erneut in die Gesellschaft zu integrieren. Concordia bietet ihnen nicht nur Schutz, sondern auch die Gelegenheit zu einer professionellen Entwicklung und letztendlich einen Job.

Einer Studie der Stiftung für Entwicklung der Zivilgesellschaft (FDSC) nach, die 2014 veröffentlicht wurde, gab es 2012 in Rumänien ungefähr 10.000 Wirtschaftsstrukturen, die als soziale Unternehmen beschrieben werden konnten. Davon 4.058 Vereine und Stiftungen mit wirtschaftlichen Tätigkeiten, 2.228 Kooperativen, 2.845 gegenseitige Hilfskassen und 903 Unternehmen, die zu über 50 Prozent im Besitz von sozialen Organisationen sind. „Das Interesse an sozialer Wirtschaft und sozialen Unternehmen wächst in Rumänien von Jahr zu Jahr”, so Despina Iancu, Manager für Unternehmensentwicklung (Enterprise Development Manager) bei NeSst Rumänien, eine Stiftung, die sich für die Entwicklung sozialer Unternehmen in Ländern aus Ost-Europa und Lateinamerika einsetzt.

Wenn nicht der Profit diktiert

Aber was ist eigentlich ein soziales Unternehmen und warum würde eine Organisation solch ein Unternehmen gründen wollen? Despina Iancu klärt uns auf: „Wenn das Business vom Konzept her ein soziales Problem lösen möchte und sich dieser Wunsch auch weiterhin im Geschäftsmodell widerspiegelt, dann kann die Organisation als soziales Unternehmen beschrieben werden“. Zum Beispiel eine NGO, die sich für behinderte Kinder einsetzt und ihnen Arbeitsplätze in einer Werkstatt für Dekorationen oder in einem Copy-Center anbietet (Pentru Voi-Stiftung, Temeswar – www.pentruvoi.ro). Oder eine Umweltorganisation, die den verantwortungsvolleren Verbrauch fördert und dafür Leinentaschen produziert, die von Frauen mit physischen Behinderungen genäht werden (ViitorPlus, Bukarest - http://atelieruldepanza.ro/). Oder das Cafe CUIB aus Jassy/Iasi (www.incuib.ro) das vom Verein „Mai Bine“ gegründet wurde und ebenfalls als Hauptziel den umweltbewussten Konsum hat: die Beseitigung von Plastikflaschen durch das Benutzen von Wasserfiltern und ein Menü, das exklusiv aus lokalen und Fair-Trade-Produkten zusammengesetzt ist. Das Unterstützen einer Gemeinschaft in einem Ort, wo es geringe Anstellungs-Möglichkeiten gibt, kann auch Ziel eines sozialen Unternehmens sein. Nehmen wir zum Beispiel die Initiative „Sanatate Dulce“ (www.sanatate-dulce.ro), die vom lokalen Unternehmen S.C. Valea Barc²ului S.R.L. durchgeführt wurde und wodurch neue Arbeitsplätze in der Gegend generiert werden. Sie verarbeiten und verkaufen Honigprodukte – der Honig kommt von Bienenzüchtern aus der Valea-Barcaului-Gegend – und 50 Prozent der Einkommen reinvestieren sie in die Bildung und professionelle Weiterentwicklung für die benachteiligten Kinder und Jugendlichen, die auf dem Land leben.

Doch der Einsatz für das eine oder andere soziale Problem ist nicht die einzige Motivation einer Organisation, um ein soziales Unternehmen zu gründen. Finanzielle Selbstständigkeit ist auch ein wichtiger Faktor: So werden sie allmählich unabhängig von Spenden oder von staatlichen Geldern, zumal der Staat ohnehin verstärkt die Tendenz zeigt, sich aus der Unterstützung sozialer Projekte zurückzuziehen. „Meistens haben die Organisationen sporadisch Fonds zur Verfügung. Damit können sie nicht all ihre Kosten decken – besonders nicht ihre administrativen Kosten. Deshalb wird ein soziales Unternehmen als eine Gelegenheit gesehen, um zur finanziellen Selbständigkeit zu kommen, ohne dass man die Mission der Organisation ändern oder hinten anstellen muss“, so Despina Iancu. Am meisten sind es NGOs, die diese Form wählen, aber das muss nicht immer so sein: Jeder kann ein soziales Unternehmen gründen, „aber in Rumänien haben wir bis jetzt kein Business vorgefunden, dass erst den Profit als Ziel hatte und sich danach in ein soziales Unternehmen umgewandelt hat“, so Despina Iancu von NeSst.

Produkte werden an andere Unternehmen verkauft

Die Temeswarer Stiftung „Pentru Voi“ hat schon seit 2007 ein soziales Unternehmen, das Menschen mit intellektuellen Behinderungen Arbeitsstellen anbietet. In einem Copy-Center machen sie digitale Prints, wie Broschuren oder Flyer. In einer anderen Werkstatt schaffen sie Dekorationen (für Ostern, Weihnachten, oder Broschen). All diese werden im Nachhinein an andere Unternehmen verkauft. „Wir haben Verträge mit 40 Unternehmen, für die wir verschiedene Aktivitäten durchführen. Unser größter Kunde ist Kromberg & Schubert, für den wir Plastiktüten recyceln“, so Laila Onu, Direktorin der Stiftung „Pentru Voi“. 35 Personen mit intellektueller Behinderung sind legal bei „Pentru Voi“ angestellt und bekommen einen Lohn, „der höher als der Mindestlohn in Rumänien“ ist, so die Direktorin der Stiftung. Nachdem die Löhne ausgezahlt werden, geht der Rest des Einkommens zurück an die Stiftung. „Wir haben bis jetzt noch nie mit Verlust gearbeitet und wir konnten immer die Löhne bezahlen. Das ist letztendlich das Wichtigste, denn sonst hätten diese Menschen keinen Job“, fügt Laila Onu zu. Ein weiteres Projekt, das durch EU-Gelder finanziert wird, soll die Aktivität des sozialen Unternehmens „Pentru Voi“ erweitern. 2015 werden unter dem Namen „Pentru Voi Advertising“ 13 Menschen arbeiten – davon fünf Personen mit intellektuellen Behinderungen und vier Frauen, die auf den Arbeitsmarkt als benachteiligt eingestuft sind. Ihr Sitz wird in Sackelhausen/Sacalaz sein, ein Dorf in der Nähe von Temeswar, dort, wo sie mit einem speziellen Printer für Textilien verschiedene Produkte bedrucken werden, zum Beispiel T-Shirts oder Kissenbezüge.

Betreuung für junge soziale Unternehmen

Doch nicht alle sozialen Unternehmen haben einen festen Kundenstamm, so wie „Pentru Voi“. Um auf den Markt überleben zu können, müssen sie, genau wie alle andere Unternehmen auch, einen realistischen Businessplan haben, die Konkurrenz gut kennen und sich den Regeln des freien Arbeitsmarktes unterwerfen, damit sie ihre Produkte verkaufen können. NeSsts Aufgabe ist es, den Organisationen all diese Sachen beizubringen – eine Art langfristiges Consulting: über zwei bis fünf Jahre. Jedes zweite Jahr organisieren sie einen Wettbewerb für soziale Unternehmen, wodurch sie den Teilnehmern Betreuung für die Entwicklung eines Geschäftsplanes anbieten. Am Ende wählen sie die besten Ideen aus und laden die Organisationen zum NeSst „Inkubations-Portfolio“ ein. Das heißt, dass NeSst diese langfristig intensiv betreuen wird. 18 rumänische Unternehmen wurden bisher schon von NeSst betreut und neun davon befinden sich noch in „Inkubation“, das heißt, in der Entwicklungsphase.

In diesem Dezember ist es wieder so weit. Ein neuer Wettbewerb wird gestartet. Die Auswahlkriterien werden gleichzeitig mit dessen Bekanntgabe auf der Webseite von NeSst (www.nesst.org) angekündigt, aber Despina Iancu verrät uns schon die wichtigsten Punkte: eine gute Argumentation für die Gründung eines sozialen Unternehmens (die Mission), Erfahrung mit der benachteiligten Gruppen von Menschen, denen das Unternehmen helfen soll, Unternehmungsgeist und eine realistische Vision (wie soll das Unternehmen funktionieren) und natürlich auch das Potenzial des sozialen Unternehmens, um eine bedeutsame Auswirkung in der Gemeinschaft zu haben. Einen korrekten, legal einwandfreien, transparent nachvollziehbaren und sauberen Werdegang muss die sich bewerbende Organisation selbstverständlich auch haben. „2007, als wir den ersten Wettbewerb organisiert haben, hatten wir 52 Bewerbungen. 2013 führten wir gleichzeitig zwei Wettbewerbe durch und erhielten dafür insgesamt fast 600 Bewerbungen“, so Despina Iancu. Wie viele es in diesem Jahr sein werden, können wir bald schon erfahren.

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