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Donnerstag, 07. Februar 2013

Symbolfoto: sxc.hu

Der gefaltete Zettel, Din-A-5 Format, vorne und hinten mit mikroskopischen Glyphen bis in die letzte Ecke bedruckt, liest sich wie eine Horrorstory. Häufige Nebenwirkungen: Geschwüre im Verdauungstrakt mit Blutungen, mit oder ohne Perforation. Diese können plötzlich und ohne Vorwarnung auftreten und zum Tode führen. Entzündungen des Darms mit Divertikelbildung, Perforation oder Fistelbildung.

Mikro-Einblutungen, die zur Anämie führen können. Senioren sind besonders häufig von diesen Begleiterscheinungen betroffen. Noch häufiger als häufig also. Doch was bedeutet überhaupt „häufig“? Der Beipackzettel verrät auch dies: Einer bis zehn von hundert Patienten! Huch – einer von Zehn? Oder bloß einer von Hundert? Gilt ersteres für tatterige Senioren und letzteres für robuste, kräftige Mannsbilder? Und wo darf ich mich auf der Skala einordnen?

Hierüber schweigt sich der schlaue Zettel aus. Wär ja auch gar kein Platz mehr.
Wen obiges Damoklesschwert nicht trifft, der hat immer noch eine reichhaltige Auswahl unter den „weniger häufigen“ bis „seltenen“ Begleiterscheinungen. Letztere treffen immerhin nur einen bis zehn von 10.000. Beruhigt? Von wegen! Wäre dies die Wahrscheinlichkeit für einen Lotto-Hauptgewinn, die Leute würden für ein Los Schlange stehen...

Die Tombola des Grauens bietet in dieser Kategorie: Erblindung. Akute Leberentzündung. Nierenversagen. Halluzinationen, Depressionen und Orientierungsstörungen. Lupus erythematodes – eine schwere Autoimmunkrankheit, die als unheilbar gilt. Noch größer stehen die Chancen – nämlich mit einer Trefferwahrscheinlichkeit zwischen 1:100 und 1:1000 – auf Asthmaanfälle oder Hautausschläge. Trostpreise kann sogar schon jeder zehnte gewinnen: Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen und Brennen in der Brust. Und anders als beim Glücksspiel gibt es hier keinesfalls die Einschränkung, dass man nur einmal ziehen darf. Außerdem sind unter den Losen fast keine Nieten.

Für „empfindliche Menschen“ und Senioren besteht zudem die Chance auf Funktionsstörungen der Nieren, Herzschwäche und Bluthochdruck, ganz ohne entsprechende Vorgeschichte, also aus dem blauen Nichts heraus. Woher weiß ich dann, ob ich empfindlich bin? Hmpf?!? Allgemein ist auch das Risiko für Herzinfarkt und Gehirnschlag erhöht. Na bitte, wenn die Güter auf der Welt schon ungleich verteilt sind, die Pharmaindustrie denkt gerechterweise an alle. Es ist wirklich für jeden etwas Nettes dabei.

Nun aber die geradezu phantastische Nachricht: Das Mittelchen kann man problemlos rezeptfrei in der Apotheke erwerben, für läppische 13 Lei die Packung! Ein Wunder, weil doch laut europäischer Richtlinie zur Verwendung traditioneller und pflanzlicher medizinischer Produkte (THMPD) sogar der Verkauf von Naturprodukten stark eingeschränkt werden soll. Gewarnt wird vor unsachgemäßer Anwendung von Arnikasalbe und Kamillentee!

Auch Heu wird man bald in der Apotheke kaufen müssen, weil da haufenweise Heilkräuter drin sind, und am besten daher auf Rezept. Das Medikament in der silbernen Packung mit dem fröhlichen, sonnengelben Kometen drauf wird statt dessen im Fernsehen in den allerhöchsten Tönen für die ganze Familie empfohlen. Ach so – wofür es überhaupt gut sein soll? „Für leichte bis mittlere Schmerzen, Menstruationsbeschwerden, Zahnweh und Fieber“, so der Einzeiler unter dem Titel „Anwendungen“.

Hurra, welch ein unglaublicher Segen für die Menschheit! Nie wieder Regelbauchweh. Endlich keine Kopfschmerzen mehr bei Föhnwetter oder nach dem Saufen. Ha, dafür nimmt man doch eine kleine lebensgefährliche Magenblutung oder so einen läppischen Herzinfarkt locker lächelnd in Kauf...

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