Franz Liszt im Banat

Zum 200. Geburtstag des Klaviervirtuosen

Sonntag, 23. Oktober 2011

(Auszug)

...Franz Liszt war auf der Höhe seines Ruhmes angekommen und wollte 1846 nur noch eine letzte Konzerttournee durch kleinere Orte seiner ungarischen Heimat unternehmen und für seine Landsleute spielen. Diese Konzertreise wurde durch seinen Sekretär Jean Belloni in die Wege geleitet und begann bereits im Frühjahr 1846 in Wien und in Pest (die beiden Stadtteile Ofen und Pest waren damals noch getrennte Städte). Es folgten Konzerte in Prag, Agram/Zagreb, Oedenburg/Sopron mit dem Besuch seines Heimatdorfes Raiding, Grätz, Fünfkirchen/Pécs und Szekszárd, wo man auf dem Anwesen seines Freundes und Gönners, Baron Antal Augusz, seinen 35. Geburtstag gefeiert hat. Nach diesem glänzenden Fest ging die Reise Ende Oktober 1846 weiter nach Banlok/Banloc, wo er auf dem Gute des Grafen Guido Karácsony wie ein Fürst empfangen wurde. Damit kam er im Banat an, begleitet von den bedeutenden ungarischen Magnaten Teleki, Batthyány, Karácsony und später auch Ambrozy.

 

In Temeswar

 

Das Temesvarer Wochenblatt kündigt Mitte des Jahres 1846 bereits die große Konzerttournee Franz Liszts an, von einem Auftritt in der Banater Metropole selbst war noch keine Rede: „Liszt wird, bevor er seine Reise nach Constantinopel antritt, am 19. September in einer von Lazar v. Petrichevich-Horváth arrangirten musikalischen Akademie sich hören lassen. Der Betrag soll für wohltätige Zwecke verwendet werden. Ob er wohl Temesvár auch beglücken würde?“

Die Banater Metropole erlebte ihren ersten kulturellen Aufschwung unter dem Kapellmeister Franz Limmer; Künstler aus der ganzen Monarchie konzertierten damals in Temeswar...Seit 1845 bestand der Temeswarer Musikverein, dessen Ziel es war „die Kunst der Musik zu verbreiten“. Dieser Musikverein eröffnete 1846, als Liszt nach Temeswar kam, eine eigene Musikschule. Ihr Siegel bestand aus einem Musiker an einer Orgel spielend und darunter die Inschrift in deutscher Sprache Temeswarer Musikverein. Das Temesvarer Wochenblatt galt als ständiger Begleiter der damaligen Temeswarer Musikszene...

Am 1. November 1846 konnte Liszt schließlich von einer großen Menschenmenge auf dem Domplatz erwartet werden. Desiderius Braun schreibt darüber: „Die Banater Metropole prangte in Blumenschmuck und Kerzenbeleuchtung. Siegestore waren aufgestellt, das Publikum festlich gekleidet...“...

Das Programm seines ersten Konzertes bestand aus Paraphrasen nach der Opern Donizettis und Bellinis (Lucia de Lammermoor, Norma), Andante mit Variationen von Beethoven, den beiden Klavierbearbeitungen Ave Maria und Erlkönig von Franz Schubert, Ungarische Melodien und dem effektvollen Rákóczy-Marsch. Der Erfolg war einmalig: „Schon bei seinem Erscheinen im Konzertsaal sowie nach dem Vortrag jeder Komposition wollte der Beifallsturm kein Ende nehmen, den Liszt allenthalben fand“. Dieser Komitatssaal befindet sich im heutigen Barocken Palais auf dem Domplatz... Liszt musste für das zweite Konzert in den etwas größeren Saal des städtischen Theaters ausweichen. Dieser stand damals auf dem Platz des heutigen Lenau-Gymnasiums. Auch dieses Konzert mit einem veränderten Programm brach alle bis dahin erlebten Konzertereignisse Temeswars...

Am 5. November wird Liszt auf Einladung seines Freundes Guido Karácsony dessen Gut in Großremete/Remetea Mare neben Temeswar/Timişoara besuchen und hier musizieren. Das schlossartig erbaute Landhaus ist auch heute noch von der Straße aus, die von Temeswar nach Lugosch führt, zu sehen. Nach den beiden folgenden Konzerten in Arad wird Liszt am 13. November 1846 ein drittes und letztes Konzert in Temeswar geben, diesmal als Benefizkonzert zugunsten der Armen der Stadt, dem Musikverein und der neu zu gründenden evangelischen Schule. Bei diesem Konzert trat aber Liszt nicht alleine auf: der Geiger und Dommusiker Michael Jaborszky trat auf, der Chor des Temeswarer Musikvereins unter Franz Limmer und der aus Budapest mitgereiste Redakteur des Blattes Honderü, Lazar Petrichevich-Horváth  trug Gedichte vor. Auch bei diesem Konzert wollten die Begeisterungskundgebungen des Publikums kein Ende nehmen. Franz Liszt wurde am Ende dieses Konzertes zum Ehrenmitglied des Temeswarer Musikvereins ernannt...

Diese letzte Konzertreise Liszts fand in einer Zeit statt, in der bereits die revolutionären Ereignisse von 1848 vorauszusehen waren... So kann man sich auch vorstellen, was für Gefühle der von ihm bearbeitete und vorgetragene Rákóczy-Marsch in den Reihen des ungarischen Publikums erwecken konnte...

 

In Arad

 

Zwischen dem 7. und 11. November 1846 befand sich Franz Liszt in Arad. Bereits in Orczydorf wurde er von berittenen Husaren und einer Delegation der Stadt Arad auf offener Straße empfangen. Ihm wurde der Schlüssel der Stadt überreicht und ein Lorbeerkranz aufs Haupt gelegt...

Franz Liszt spielte in Arad im Festsaal des Hotels „Zum Weißen Kreuz“ (heute Hotel Ardealul). In diesem Hotel wohnte er in diesen Tagen. Eine Zigeunerkapelle hat ihn bereits in seinem Zimmer empfangen und hat für ihn gespielt. Nachdem der Primás (Kapellmeister der Zigeunerkapelle) ihm die Hand geküsst hat, bedanke sich Liszt mit einem Kuss auf dessen Stirn. Auch hier ereigneten sich nach den beiden Konzerten die gleichen Vorkommnisse wie in Temeswar: Blumenregen nach jedem vorgetragenen Klavierstück, Widmung zahlreiche Gedichte, die ihm auf Zetteln zugeworfen wurden, Serenade von der Regimentsmusik, Feuerwerk, Fackelzüge, usw. Liszt improvisierte bei diesen Konzerten auch nach Themen, die ihm vom Publikum mitgeteilt wurden. Auf der Bühne des Arader Saales standen zwei Klaviere, die speziell aus Wien geliefert wurden...

Hier in Arad lernte Franz Liszt den damals bedeutendsten Banater Orgelbauer Anton Dangl kennen. Dieser wird später von Liszt den Auftrag erhalten, die erste Orgel der neu errichteten Budapester Musikhochschule zu erbauen. Liszt bedankte sich bei ihm mit einem Brief und einer Widmung...

Unweit der Stadt Arad liegt der Ort Hellburg/Siria (damals Vilagós), mit dem Landsitz der Baronin Antonia von Bohus... Hier wurde 1849 der Friedensvertrag zwischen den siegreichen russischen und österreichischen Militärs und den besiegten ungarischen Aufständischen unterschrieben. Bekanntlich wurden 13 ungarische Generäle vor der Festung Arads auf Befehl des Wiener Hofes hingerichtet. Liszt widmete diesem ungarischen Freiheitskämpfern seine Komposition Les funérailles.

Während der 48er Revolution wurde Graf Teleki, der Liszt auf seiner letzten Konzertreise begleitet hat, wegen seiner Teilnahme am Kampf gegen die Habsburger in Arad verhaftet und in ein Gefängnis geworfen, konnte aber nach kurzer Zeit entkommen und nach Konstantinopel fliehe.

Baron Bodog Orczy war ebenfalls ein naher Freund Liszts, dessen Familie gehörte das Gut um die Banater schwäbische Gemeinde Orczydorf. Dieser war auch als Komponist tätig, die Ouvertüre zu seiner Oper Il Renegato wurde am 15. Dezember 1867 von der Budapester Philharmonie unter seiner Leitung aufgeführt. Liszt selbst schätzte dieses Werk sehr hoch, das er am 5. April 1875 in sein Konzertprogramm aufgenommen hatte... Zu den Förderern Liszts gehörte auch Kardinal Lorenz Schlauch (1824-1902), ein gebürtiger Neuarader...

 

In Lugosch

 

Das Konzert in Lugosch/Lugoj soll der Budapester Journalist Lazar Petrichevich-Horvath in die Wege geleitet haben, der darüber in einer ungarischen Zeitung kurz berichtet hat...

Am 14. November 1846 kam Liszt in Lugosch an. Vermutlich verblieb er 2-3 Tage hier, was bisher leider noch nicht belegt werden konnte. Bisher konnte keine einzige primäre Quelle über dieses Konzert gefunden werden. Wir wissen nur, dass am Abend des 14. November gemeinsam mit der Elite der Stadt Lugosch ein Abendessen im Hause Jakabfy stattgefunden hat. Nach dem Konzert vom 15. November fand im Hause der Baronin Ida Kiss ein festlicher Empfang statt, bei welchem 70 Personen teilgenommen hatten. In dieser Stadt an der Temesch soll Franz Liszt den ersten Kontakt zu rumänischen Bauern gehabt haben, die an dem triumphalen Empfang des Künstlers teilnahmen und von ihm Unterstützung verlangten. Diese stoppten bei der Einfahrt in die Stadt die Fuhrwerke und Liszt musste all die bedrückenden Sorgen dieser Bauern sich anhören. Diese freuten sich, dass ein solch „hoher Herr“ zu ihnen gekommen sei, um „ein wenig Gerechtigkeit zu schaffen.“ Einer weiteren Quelle nach, soll Franz Liszt in Lugosch beim Apotheker Franz Galliny übernachtet haben, wo er mit Otilia und deren Tochter Irma (Mutter und Tochter) musiziert haben soll.

Wir kennen auch den Ort des Lugoscher Konzertes: es war das erste Theater der Stadt, das nur einige Jahre davor, 1835, von Seilermeister Anton Liszka erbaut wurde. Die Fassade des damaligen Theaters, gelegen in der Kirchengasse (neben der ehemaligen Konditorei „Liliacul“), ist bis heute teilweise erhalten geblieben und erkennbar. Liszt wurde danach von Baron Guido Karácsonyi nach Temeswar begleitet, wo er sein drittes Konzert gegeben hat.

Bereits im Jahre 1868 wurde Franz Liszt zum Ehrenmitglied des Lugoscher Gesang- und Musikvereins ernannt. Die Urkunde konnte bisher sowohl in Budapest wie in Weimar leider nicht entdeckt werden...

Mit dem Namen Franz Liszt ist auch die Tätigkeit der Lugoscher Komponistin, Schriftstellerin und Folkloristin Sofia Vlad-Rădulescu (1851-1943) verbunden, die, einigen Berichten zufolge, zu dessen Schülerkreis gehörte...

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