Französische Landschaften rumänischer Künstler

Ausstellung im Museum der Kunstsammlungen in Bukarest

Freitag, 13. Januar 2017

Ion Andreescu: Straße in Barbizon (1881)

Seit 25. Oktober ist im Bukarester Museum der Kunstsammlungen (Muzeul Colecţiilor de Artă) an der Calea Victoriei eine Ausstellung mit Werken rumänischer Künstler zu sehen, die auf Reisen durch und während Aufenthalten in Frankreich entstanden sind. Es handelt sich durchweg um Landschaftsgemälde, zu denen auch Seestücke und Stadtbilder zu rechnen sind. Mit Ausnahme der Gemälde von Nicolae Grigorescu und Ion Andreescu stammen alle in dieser sehenswerten Ausstellung präsentierten Werke aus dem 20. Jahrhundert, vornehmlich aus den zwanziger und dreißiger Jahren.

Die über achtzig Werke der modernen rumänischen Kunst sind im rechten Seitenflügel des Museumsgebäudes, des ehemaligen Romanit-Palastes, zu sehen. Sie stammen durchweg aus eigenen Beständen des Nationalen Kunstmuseums sowie aus den Beständen des Museums der Kunstsammlungen, das neben dem Museum Zambaccian und dem Museum Theodor Pallady zu den drei Satellitenmuseen des Nationalen Kunstmuseums Bukarest zählt. Gute Kenner der Museumsbestände werden deshalb in dieser Ausstellung keine neuen Entdeckungen machen können, mögen aber dennoch davon fasziniert sein, die in einzelne Sammlungen zerstreuten Werke der rumänischen Moderne hier in beeindruckender Weise assembliert zu sehen.

Es empfiehlt sich, den Rundgang durch die drei Ausstellungsräume im Erdgeschoss linkerhand im mittleren Saal zu beginnen. Hier trifft man auf das Gemälde von Rudolf Schweitzer-Cumpăna (1886-1975), das auch, wenngleich auf einen kleinen Bildausschnitt reduziert, das Werbeplakat zu dieser Ausstellung ziert. Es handelt sich um das Ölbild „Pariser Stadtlandschaft“ aus dem Jahre 1932, das durch seinen dicken Farbauftrag und seine kräftige Motivik besticht: Die hier wiedergegebenen Pariser Wohnhäuser wirken wie mächtige Türme, die hoch über den verlassenen Straßen thronen. Zwei in Aquarelltechnik geschaffene Werke, die aus derselben Zeit und von demselben Künstler stammen, skizzieren Passanten, die sich im Ambiente der französischen Hauptstadt bewegen.

Ein Bild Lucian Grigorescus (1894-1965), das ebenfalls im mittleren Ausstellungssaal zu sehen ist, evoziert, nach Paris, einen weiteren Sehnsuchtsort der rumänischen Künstler, die sich mit Pinsel, Palette und Staffelei ins frankophone Bruderland aufgemacht haben: den Süden Frankreichs. Das aus den Jahren 1932 bis 1935 stammende Hafenbild zeigt eine Landschaft, die auf blauem Seegrund zu schweben scheint, gleichsam vom leuchtenden Spiegel des Hafenbeckens getragen.

Eine dritte französische Region, die von zahlreichen rumänischen Künstlern der Moderne für sich entdeckt wurde, ist die Bretagne. Gemälde von Elena Popea (1879-1941) zeigen bretonische Fischerinnen, die Netze flicken, sowie eine bretonische religiöse Prozession; Bilder von Rodica Maniu (1890-1958) geben einen bretonischen Hafen wieder sowie bretonische Wäscherinnen, die mit ihren typisch bretonischen Hauben auf den Köpfen im Freien von Hand ihre Wäsche waschen; und von Max Wexler Arnold (1897-1946) können in diesem Ausstellungssaal zwei Straßenszenen im bretonischen Vitré, ein Fischerhafen im bretonischen Douarnenez sowie ein Seestück und ein Gemälde mit bretonischen Fischern bewundert werden.

Die acht Werke Iosif Isers (1881-1958), die ebenfalls in diesem mittleren Saal ausgestellt sind, vereinigen in sich die drei genannten Landschaftsregionen. Neben drei Landschaftsbildern aus Südfrankreich (einem Viadukt-Bild mit zwei gewaltigen Brücken, einem Vegetations-Bild mit tropischen Pflanzen und einem Bild mit Olivenbäumen vor zwei Häusern) finden sich hier zwei Strandbilder aus dem bretonischen Saint-Malo, auf denen die Strandzelte den Eindruck eines osmanischen Heerlagers evozieren, sowie drei Pariser Stadtlandschaften (zwei Ansichten der Kathedrale Notre Dame und das Bild eines Nutzgartens unter hohen Bäumen mit den Dächern der französischen Hauptstadt im Hintergrund).

Der kleinere zweite Saal versammelt Gemälde von Paul Miracovici (1906-1973), von Albert Dov Sigal (1912-1970), von Alexandru Phoebus (1899-1954), von Micaela Eleutheriade (1900-1982) sowie von dem bereits genannten Lucian Grigorescu. Besondere Erwähnung verdienen hier die aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammenden Straßenszenen „Montmartre“ und „Place Pigalle“ von Albert Dov Sigal, die Paris-Bilder von Alexandru Phoebus (darunter die Fassade der rumänischen Kirche in Paris in bemerkenswerten Grautönen und eine Ansicht der Pariser Pont Neuf, deren wuchtige Brückenpfeiler bei Phoebus so wirken, als entstammten sie der großen Säulenhalle des ägyptischen Karnak-Tempels) und die Gemälde Micaela Eleutheriades, unter denen, neben diversen Paris-Ansichten, besonders der „Taubenpavillon in Cannes“ mit den ihn umstehenden Palmen und der ihn umwuchernden tropische Vegetation besticht.

Im letzten und größten der drei Ausstellungssäle finden sich nächst dem Eingang Werke zweier rumänischer Künstler aus dem 19. Jahrhundert, die sich in die Tradition der Schule von Barbizon einreihten, also derjenigen französischen Maler, die im Dorf Barbizon beim Wald von Fontainebleau um die Jahrhundertmitte bedeutende Werke der Landschaftsmalerei schufen und dabei die Grundlagen einer Ästhetik der Moderne legten: Nicolae Grigorescu (1838-1907) und Ion Andreescu (1850-1882). Zu erwähnen sind hier Grigorescus Bild „Der Wald von Fontainebleau“ (1862-1865) und sein Porträt „Der Maler Andreescu in Barbizon“ (1879-1880), das den jüngeren Künstlerkollegen im Grünen wandelnd zeigt, in der rechten Hand eine auf einen Rahmen gespannte Leinwand und auf dem Rücken eine Staffelei nebst Sonnenschirm, solchermaßen für die Malerei unter freiem Himmel („en plein air“) bestens präpariert. Just von dem hier Porträtierten hängen in der Bukares-ter Ausstellung drei Landschaftsgemälde, darunter das beeindruckende Bild „Straße in Barbizon“ (1881).

Die Hauptattraktion dieses großen Saales sind dreizehn Werke Theodor Palladys (1871-1956), die Motive aus allen Regionen Frankreichs versammeln (Paris, Marseille, Le Havre, Saint-Tropez etc.) und durch ihre künstlerische Souveränität beeindrucken, unabhängig davon, ob es sich dabei ‚nur’ um kleine kaum kolorierte Bleistiftzeichnungen handelt, wie im Falle der „Landschaft in Südfrankreich“ (1925-1935), oder um großformatige Ölgemälde, wie bei den beiden Ansichten von der Place Dauphine in Paris (1920-1930), einmal von unten herauf vom Seine-Quai aus dargestellt, sodann aus der Vogel- oder Dachgeschossperspektive von oben herab.
Gemälde von Gheorghe Petraşcu, Ştefan Popescu (darunter das wunderbare Bild der unmittelbar an der Küste stehenden Chapelle Notre Dame de la Joi im bretonischen Penmarch aus den Jahren 1904 bis 1906), Kimon Loghi, Jean Al. Steriadi, Eustaţiu Stoenescu und Nicolae Grant runden nicht nur den starken Eindruck dieses Saales bereichernd ab, sondern zudem die gesamte Ausstellung, die den Betrachter mit lebendigen Bildeindrücken und wunderbaren Farbenerinnerungen nach Hause entlässt. Die sehenswerte Schau von französischen Landschaftsbildern rumänischer Künstler ist noch bis zum 31. Januar dieses Jahres im Bukarester Museum der Kunstsammlungen zu genießen.

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