Frauenbilder

Werke von Abdellatif Kechiche beim Kinofestival „Les Films de Cannes à Bucarest“

Sonntag, 10. November 2013

Beim Kinofestival „Les Films de Cannes à Bucarest“, das im Jahre 2010 von dem rumänischen Regisseur Cristian Mungiu ins Leben gerufen wurde und das Ende Oktober nun bereits zum vierten Mal in drei Kinosälen der rumänischen Hauptstadt (Cinema Studio, Cinema Elvira Popescu und Cinema Pro) stattfand, war in diesem Jahr auch der tunesisch-französische Filmregisseur Abdellatif Kechiche nicht nur mit zweien seiner kinematografischen Werke vertreten, sondern darüber hinaus persönlich als Gast anwesend.

Die beiden jeweils fast dreistündigen Spielfilme Abdellatif Kechiches, die bei der Cannes-Präsentation in Bukarest gezeigt wurden, waren „Vénus noire“ (Schwarze Venus) aus dem Jahre 2010 und „La Vie d’Adèle – Chapitres 1 & 2“ (Das Leben Adèles – Kapitel 1 & 2), ein vor Kurzem entstandener Film, der viel Furore machte und bei den Filmfestspielen von Cannes im Mai dieses Jahres mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Beide Filme rücken Frauenbilder ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit, eine Tatsache, die verschiedentlich die Frage aufgeworfen hat, ob ein männlicher Regisseur überhaupt in der Lage sei, weibliche Gestalten glaubhaft zu inszenieren und sie gleichsam von innen heraus überzeugend zu schildern. Zumindest beim ersten der beiden genannten Filme Kechiches geht diese Überlegung an der Sache vorbei, denn „Schwarze Venus“ ist die Filmbiografie einer historischen Frauengestalt, ein Biopic, das absichtlich und bewusst gänzlich aus männlicher Perspektive erzählt und filmisch inszeniert ist. Der Film will gar kein spezifisch weibliches Frauenbild zeigen, sondern er demonstriert die Verhinderung weiblicher Selbstbestimmung aus gendermotivierten, kolonialhistorischen und exotismusbezogenen Gründen.

„Schwarze Venus“ erzählt die Geschichte von Sarah Baartman, einer um 1790 in Südafrika geborenen Angehörigen der indigenen Bevölkerung, die schon in ihrem Heimatland ihr Geld damit verdiente, vor europäischen Seeleuten und Soldaten als ‚Hottentotten-Venus’ aufzutreten und mit ihren anatomischen Besonderheiten (große Körperfülle, ausladender Busen, gewaltige Gesäßpartie) Kasse zu machen. Ein geschäftstüchtiger Bure bringt sie im Jahre 1810 nach Europa, zuerst nach London und später nach Paris, wo sie von verschiedenen Schaustellern als Ausbund hemmungsloser Erotik und ungezügelter Wildheit einer erschreckt-lüsternen Öffentlichkeit präsentiert wird.

Niemals gelingt es Sarah freilich, sie selbst zu sein, ständig wird sie von anderen Menschen, Männern wie Frauen, in Rollen gedrängt, die nicht mit ihrem Selbstbild harmonieren, sondern ihr von außen aufgezwungen werden: die einen wollen von ihr Gruselschocks und Horrorerlebnisse, die zweiten Erotik und Lust, die dritten Geld und Erfolg. Selbst die Pariser Königliche Französische Medizinakademie ist nicht am Menschen Sarah Baartman, sondern nur an ihrem Körper interessiert. Sie bemächtigt sich seiner nach Sarahs Tod 1815 gleich auf mehrfache Weise: Durch die Präparierung ihres Skeletts, durch die Konservierung ihres Gehirns und ihrer Genitalien sowie durch die Anfertigung eines Gipsabgusses in Lebensgröße, der im Nationalen Naturgeschichtlichen Museum in Paris ausgestellt wurde wie etwa zur selben Zeit der ausgestopfte schwarze Kammerdiener Angelo Soliman im Kaiserlichen Naturalienkabinett in Wien.

Abdellatif Kechiches „Schwarze Venus“ zeigt in dem Frauenbild, das er von Sarah Baartman entwirft, genau die Verhinderung des Selbstentwurfs einer weiblich determinierten Existenz aufgrund von Sexismus und Ethnozentrismus, aufgrund von Einstellungen und Verhaltensweisen also, die Männer ebenso wie Frauen an den Tag legen. Ironische Pointe dieses pervertierten Spiels der Selbstverwirklichung ist die Londoner Gerichtsszene, in der Sarah die rettende Hand der 1807 gegründeten, gegen Sklaverei und Unterdrückung afrikanischer Völker kämpfenden African Institution ausschlägt und sich vor Gericht, statt als ausgebeutetes Objekt, als autonomes und selbst bestimmtes Subjekt präsentiert.

„Muss ich eine Frau sein, um über Liebe zwischen Frauen zu sprechen?“ Diese Frage stellt Abdellatif Kechiche den Kritikerinnen seines Filmes „Das Leben Adèles“, der – basierend auf dem 2010 erschienenen Comicroman von Julie Maroh „Le bleu est une couleur chaude“ (Blau ist eine warme Farbe) – die mehrere Jahre umspannende Geschichte einer lesbischen Liebe zwischen der Schülerin und Erzieherin Adèle und der Kunststudentin und aufstrebenden Malerin Emma erzählt.

Aber auch in diesem Film geht es weniger um den Entwurf eines Idealbildes von Frauenliebe oder um die Inszenierung einer spezifisch weiblichen Sexualität, sondern um die Darstellung von Faktoren, die weiblicher Selbstbestimmung hindernd entgegenstehen: Disparatheit von Lebensentwürfen, gesellschaftliche Differenzen, Bildungsunterschiede, Verschiedenheit von Rollenbildern, Andersartigkeit der Haltung zur Bisexualität, Unterschiedlichkeit der Vorstellungen von Partnerschaft. Abdellatif Kechiche pointiert seine Gesellschaftskritik noch dadurch, dass er in seinem Film die schärfste Kritik an lesbischem Dasein Frauen in den Mund legt, nämlich den unbarmherzig urteilenden Mitschülerinnen und Freundinnen Adèles.

Unablässig arbeitet der Film „Das Leben Adèles“ an Frauenbildern: Im Schulunterricht wird über Frauengestalten von Sophokles (Antigone) und Marivaux (Marianne) diskutiert; in Emmas Künstlerkreisen spricht man über Frauenporträts von Egon Schiele und Gustav Klimt; Emma und Adèle besuchen das Kunstmuseum von Lille und erfreuen sich gemeinsam an Frauenakten in klassizistischer Skulptur und orientalisierender Malerei. Ja, auch die Sexszenen folgen bildhauerischer Logik und artistischer Imagination und ordnen sich so der Gesamttendenz des Filmes unter, der am wenigsten distanzlosen Naturalismus sucht, sondern weit eher subtile Gesellschaftskritik und philosophische Reflexion (was z. B. auch die häufigen Anspielungen auf Sartre zeigen).

„Das Leben Adèles“ – und dies gilt auch für „Schwarze Venus“ – besticht durch die Intensität seiner Darstellung, die den Zuschauer in die gezeigten Frauenschicksale gleichsam magisch und schweigend hineinzieht, ohne dass diese von sich aus zur Sprache fänden. Gleichsam atemlos folgt man dem Reigen der Bilder, die durch ihre Kraft und Präsenz die Überlänge beider Filme gänzlich vergessen machen.

Abdellatif Kechiche ist ein Meisterregisseur, dem man, wie anderen Meisterregisseuren auch, Paranoia, Tyrannei und Despotie vorgeworfen hat. Ob Kechiche seine beiden Hauptdarstellerinnen bei den Dreharbeiten zu „Das Leben Adèles“ gequält hat, wie sich Tippi Hedren einst von Alfred Hitchcock gequält fühlte, mag dahingestellt bleiben. Dem Film selbst ist jedenfalls davon nichts anzumerken, vielmehr strahlt er eine berauschende Leichtigkeit und gelöste Natürlichkeit aus, die durch geniale Kameraführung und grandiose Regieeinfälle noch veredelt wird. Wunderbar die filmische Wiedergabe eines Fests in Emmas Garten: Adèle tanzt mit einem jungen Mann, während ihre Liebhaberin Emma mit einer anderen Frau flirtet. Die eifersüchtigen, ängstlichen, erschreckten, verzweifelten Blicke Adèles werden dabei kommentiert von Sequenzen eines Stummfilms, der im Hintergrund auf einer Leinwand zu sehen ist. Alleine für diese Szene lohnt sich der Besuch des Films, der auch noch nach dem Ende des Cannes-Festivals in verschiedenen Bukarester Kinos zu sehen ist.

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