Freiheit am Ende des Maisfelds

Lebenserinnerungen: Wie ein bodenständiger Bayer dazu kam, eine Flucht aus Rumänien zu organisieren...

Sonntag, 21. September 2014

Erinnerung an die Fahrt mit der Wassertalbahn: die Musiker posieren mit den Gästen des Zipsertreffens.

Reinhard Reissner

Den herrlichen Tag umarmen möchte der Kapellmeister im Bahnhof von Paltin im Wassertal.

Einer der Höhepunkte des Zipsertreffens war das Konzert der bayrischen Bläsergruppe in der katholischen Kirche St. Anna in Oberwischau.

Im Sturm erobern die Lederhosen den letzten, offenen Waggon. Aus den Fenstern ragen Filzhüte, goldene Trichter, eine deutsche und eine bayrische Flagge. Dann wird die riesige Trommel auf die Plattform gehievt, hinterher steigt schnaufend Kapellmeister Reinhard Reissner, der Leiter des bayrischen Musikvereins „Heinrichsheim“ aus Neuburg an der Donau auf. Einen Sitzplatz findet er nicht – oder leibt er stehen, weil er gleich dirigieren muss? Träge setzt sich die Dampflok in Bewegung. Als der Zug aus dem Bahnhof von Paltin im wildromantischen Wassertal rollt, erschallen die ersten Töne. Touristenaugen folgen ungläubig dem beflaggten, klingenden Zug, als dieser seine Rückfahrt nach Oberwischau/Vişeu de Sus antritt.

Ich zwänge mich auf einen Sitzplatz, will meinem Nachbarn entschuldigend zulächeln – und blicke in den Schlund einer riesigen Posaune!  Über den Witz von der „goldenen Toilette“ kommen wir lachend ins Gespräch... Unter den Bläsern sind einige Siebenbürger Sachsen, verrät Dirigent Reinhard Reissner, der das Orchester seit zwei Jahren leitet. Seit langem wünschten sie sich diese Musikreise nach Rumänien, die sie über Großwardein/Oradea und Sathmar/Satu Mare zum Zipsertreffen nach Oberwischau führte.  „Was ihr heute seht, ist ein Urerlebnis!“ hatte er vor allem den Jüngeren vor der Fahrt ins Wassertal angekündigt. „Wasser. Zug. Berge. Das müsst ihr einatmen, die Sinne einschalten!“ Dann zu mir: „Deshalb war unser erstes Lied heute bei der Einfahrt in den Bahnhof Paltin ‚Großer Gott wir loben dich‘!“

Ein langjähriger Siebenbürgenfan

Tatsächlich hatte Reissner das Rumänienfieber schon vor 50 Jahren gepackt.  Weil seine Mutter aus Agnetheln/Agnita stammt, reiste er als 18-Jähriger 1964  erstmals nach Siebenbürgen, um die Verwandtschaft kennenzulernen. „Es war ein Urerlebnis“, schwärmt der Bayer: „Erstmals Wasserbüffel! Erstmals Zigeuner – diese riesigen kräftigen Männer mit Blecheimern und schwarzen Hüten!“ Faszinierend auch, wie er von eigentlich fremden Leuten – Oma, Opa, Tanten – immer wieder eingeladen wurde: „Eine Gastfreundschaft, die man von zuhause her nicht kennt.“ Von da an reiste er fast jedes zweite Jahr nach Siebenbürgen.
1985 lernte er bei einer Hochzeit in Hundertbücheln/Movile eine junge Sächsin kennen. Seither verbrachte der Lehrer alle Ferien in Rumänien, bereiste mit seiner Verlobten das ganze Land. „Da wurden die wohl auf mich aufmerksam - denn als wir den Antrag zur Heirat stellten, wurde es plötzlich schwierig“, erklärt Reissner.

Um die Sache zu beschleunigen, wandte er sich über CSU-Parteifreunde an den damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. „Der wollte mir helfen, aber vielleicht war das schlecht“, musste er erkennen, denn nun ging gar nichts mehr voran. Statt dessen rief ihn bei Nacht und Nebel der Pfarrer von Neustadt/Noiştat zu sich: Zweimal hätte ihn die Securitate bereits aufgesucht – er sei in Lebensgefahr, warnte er den jungen Mann! Auf einmal stellten sich ihm gewisse Dinge ganz anders dar: Die Fotos, die er vom Haus seiner Schwiegereltern in Richtung Kirche geschossen hatte, zufällig lag dahinter der militärische Übungsplatz. „Ich bin ein mutiger Mensch“, lachte Reissner, „bin auch schon mit dem Auto aus Spaß durchs Polygon gefahren. Und nun sagt mir der Pfarrer, mein Leben sei gefährdet...“ „Schauen Sie, dass Sie Ihre Freundin rausbringen!“ rät ihm der Kirchenmann eindringlich.

Fluchtpläne

„Ich bin Lehrer, Kommunalpolitiker, CSU-Mitglied, Hausbesitzer – und jetzt soll ich eine Flucht für meine Freundin aus Rumänien organisieren?“ sinnierte Reissner. Wie fängt man sowas an? Ratlos erzählt er es ein paar Freunden. Mal sehen, mal sehen... „Zum Schluss hatte ich drei Möglichkeiten – alle ziemlich abenteuerlich“, schüttelt er den Kopf. Über einen rumänischen Mechaniker in Ingolstadt lernte er die richtigen Leute kennen: Wenn es so weit sei, würde man ihm ein paar Zeitungsschnipsel als Teil eines Puzzles schicken. Damit solle er eine Adresse in Temeswar/Timişoara aufsuchen. „Ich übergab die Schnipsel in einem Hinterhof. Der Mann öffnete ein versiegeltes Päckchen Kaffee, da waren auch Schnipsel drin. Sie passten.“ Nun konnte es losgehen. Zu Fuß sollte seine Verlobte die Grenze nach Serbien passieren.

Er musste inzwischen über ein rumänisches Paar in Nürnberg ein Fluchtauto mit serbischem Kennzeichen organisieren. Vor seiner Rückkehr traf er noch einmal seine Freundin, zusammen mit  einem weiteren fluchtwilligen Paar  studierten sie die Landkarten. Wo keine Grenzstation existierte,  hörte die Straße vor der rumänischen Grenze einfach auf. Doch wenn auf serbischer Seite eine solche eingezeichnet war, konnte man darauf hoffen, auf diese zu stoßen. Die Flüchtenden würden durch ein Maisfeld kommen, so die Instruktionen. Er solle auf der anderen Seite bei einer Pappelgruppe warten. Dass Reissner den vagen Angaben nicht traute, war letzlich die Rettung. Die nächstgrößere Stadt auf der Karte war Bela Crkva, Weißkirchen auf Deutsch. „Da muss eine Kirche sein,“ meinte er zu seiner Verlobten. „Egal ob sie weiß ist oder nicht - falls wir uns verfehlen, gehst du da hin!“

In letzter Minute

Während er auf der serbischen Seite den Treffpunkt suchte, näherten sich die Flüchtenden bereits  in einem Jeep der rumänischen Grenze.  An einem Bauernhof machten sie halt und wurden in den Schweinestall gesperrt. Nach Einbruch der Dunkelheit wolle sie der Bauer mit einem grasbeladenen Pferdewagen holen, worin sie sich verstecken sollten.  Bei Nacht und Nebel lud er sie an einer Sennhütte ab. Dahinter erstreckten sich Maisfelder bis zum Horizont. Dort sollte die Grenze sein. Reinhard hatte inzwischen auf seiner Seite eine Pappelgruppe vor den Maisfeldern entdeckt. Dann noch eine, und noch eine. Welche war nun die Richtige? Ratlos fuhr er nach Bela Crkva, um die Kirche ausfindig zu machen und parkte dort sein deutsches Auto, bevor er sich mit dem Fahrer des Fluchtwagens auf den Weg machte. Ratlos fuhren sie vor den Pappelgruppen auf und ab, bis die Morgendämmerung anbrach. Bald würde es zu gefährlich sein. „Dietlinde!“ rief der Verliebte immer wieder in die Maisfelder. Keine Antwort.

Erschöpft bemerkten die Flüchtenden auf der anderen Seite, dass sie im Kreis gelaufen waren! Nach endlos scheinender  Nacht kam ein Ortsschild mit einem Namen, der nicht mehr rumänisch klang. Vor einem Haus entdeckten sie ein Auto. Leise brach es einer der Flüchtlinge, der Mechaniker war, auf, erst schoben sie es ein Stück, dann schloß er die Zündung kurz. Unbehelligt passierten sie so einen serbischen Kontrollposten.
Als Reinhard Reissner enttäuscht  von der letzten Patrouille zurückkam, wartete seine Dietlinde bereits neben seinem deutschen Auto vor der Kirche! Verliebt fuhren sie an die Grenze zu Österreich, fast vergaßen sie diese letzte Hürde. Dietlinde kauert sich hinter den Fahrersitz, bedeckt von Decken und Körben. Reinhards Nerven waren zum Zerreissen gespannt.  „Wenn der Zöllner die Hintertür geöffnet hätte – ich hätte einfach Gas gegeben!“lacht Reissner. Ende gut, alles gut. Nur ein Punkt ist noch offen, schmunzelt der heute glückliche Ehemann. Den Besitzer des „geliehenen“ serbischen Autos möchte er unbedingt mal aufsuchen, um ihm nach fast 30 Jahren zu erklären, warum sein Wagen auf einmal ein paar Kilometer weiter stand...

Milch und Honig

Dietlinde Reissner hat mit ihrer Flucht ein Kapitel abgeschlossen. Nur die beiden Söhne begleiten den Kapellmeister auf dieser Reise. „Mein Vater hat hier meine Mutter kennengelernt, als Soldat im Zweiten Weltkrieg“, sagt Reinhard Reissner. „Damals  hat er nach Hause geschrieben: Das ist ein Land, wo Milch und Honig fließen.“ Und fügt nachdenklich an: „Das ist auch heute noch so. Hier gibt es doch alles! - Und man kann sich hier noch selbst erfinden.“ Der Mangel des einen ist eben manchmal der Reichtum des anderen...

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