Freizeitsbeschäftigung mit Strategie

Brett-, Karten- und Gesellschaftsspiele

Sonntag, 15. März 2015

Gesellschaftsspiele als Familienspaß

Daniel Indru (Mitte) erklärt die Spielregeln.

„Mühle“ haben schon unsere Großeltern gespielt – Tausende moderne Spiele sorgen heute für Unterhaltung

Zum Verschenken, zum Vertreiben der Langeweile oder einfach für Unterhaltung mit den Freunden – Gesellschaftsspiele sind immer wieder willkommen, und das nicht nur bei Kindern oder in der Familie. Von den Klassikern wie Schach, Backgammon oder Go bis hin zu moderneren Monopoly, Die Siedler von Catan und Carcassonne - erfreuen sich Gesellschaftsspiele einer immer weiter wachsenden Beliebtheit. Schon im Altertum spielten Menschen gerne.

Auch die alten Ägypter hatten dafür eine Vorliebe - Howard Carter entdeckte 1922, als er das Grab Tutanchamuns öffnete, nicht nur die berühmte Totenmaske des ägyptischen Pharaos, sondern auch einige Exemplare des Senet-Spiels. Dieses Spiel, dessen Regeln sogar überliefert sind, erfreute sich   3000 v. Chr. großer Beliebtheit. Durch die medienwirksame Öffnung des Grabes wurde das Spiel wieder bekannt und wird heute, nicht nur in Ägypten, sogar wieder gespielt. Auch andere Klassiker waren schon zur Zeit unserer Vorfahren bekannt: Mühle gab es ab zirka 2000 v. Chr., Go ab ungefährt 500 v.Chr., Schach wird seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. in Persien gespielt und Dame wurde im 12. Jahrhundert erfunden.

Manchmal aber ist das Board-Game-Spielen mehr als nur eine nette Freizeitbeschäftigung - es wird zum Hobby und zur Leidenschaft. Daniel Indru ist 36 Jahre alt und verbringt seine Freizeit, indem er Brett- und Gesellschaftsspiele ausprobiert, ausgiebig testet und weiterempfiehlt. „Das ist das Hobby, das mich bisher am meisten begeistert hat, und ich bin der Meinung, es kann mir vieles bieten“, schwärmt der Temeswarer.

Es begann vor fast zehn Jahren, als Daniel und seine Freundin Dana ihre Freizeit mit einem weiteren Paar verbrachten. „Etwa 2005 bis 2006 haben wir an Wochenenden viele Nächte durchgemacht, indem wir stundenlang Gesellschaftsspiele spielten. So habe ich Canasta bis zum Geht-nicht-mehr gespielt. Ich wusste, dass es zahlreiche bessere Alternativen gibt“, erinnert sich der Temeswarer Software-Tester. Eine Arbeitskollegin empfahl ihm dann einige Brettspiele, die zu der Zeit sehr beliebt waren: Die Siedler von Catan, Carcassone, Ticket to Ride und Puerto Rico.

„Ich habe einige dieser Spiele dann auch gleich ausprobiert – doch keines hat mich wirklich gereizt. Ich brauchte etwas als besondere Herausforderung“, erzählt Daniel Indru. „Dann habe ich von einem Arbeitskollegen das Spiel Tigris & Euphrates ausgeliehen. Ich erinnere mich heute noch, dass ich mir bei den ersten Versuchen den Kopf zerbrach, die besten Spielmöglichkeiten auszuprobieren und mir die kühnsten Strategien einfallen ließ“, begeistert sich Daniel.

Tigris & Euphrates ist ein strategisches Brettspiel von Reiner Knizia für zwei bis vier Spieler, das vom Aufbau der Zivilisationen in Mesopotamien handelt. Erstmals erschien das Spiel 1997, im darauffolgenden Jahr gewann es den Deutschen Spielepreis und stand auf der Auswahlliste zum Spiel des Jahres 2007. Für Mitte 2015 wurde eine zweite Neuauflage des Spiels angekündigt. „Dieses Spiel hat mir Lust auf dieses Hobby gemacht und ist vier Jahre später immer noch in meiner Kollektion zu finden“, sagt der leidenschaftliche Board-Gamer.

Etwa tausend neue Spiele jedes Jahr

So begann für Daniel Indru eine spannende Zeit, in der er zahlreiche Spiele ausprobierte und testete. „Ich wollte einfach erfahren, was es da auf dem Markt in der Spieleabteilung zu finden gibt und was mich am meisten reizt“, sagt er. Und das war gar nicht leicht, wie der junge Mann schon gleich erfuhr - vor allem, weil jährlich etwa tausend neue Spiele weltweit den Markt erobern. Es gibt besondere Spiele für Kinder, Familienspiele, Strategie- und abstrakte Spiele, thematische Board-Games zu historischen Themen, etwa Kampf- und Kriegsspiele, oder sogar zu Wirtschaftsthemen, und  natürlich Partygames, die vor allem bei Feiern sehr beliebt sind. Fast alle Zeitalter dienten schon als Spielethematik: von der Stein- und Saurierzeit bis hin zu Gegenwart und Zukunft. Auch religiöse und SciFi-Themen, Sport oder Wirtschaft sorgten für Inspiration unter Spieleentwicklern. 

Es gibt Spiele, die zwischen 15 und 20 Minuten dauern und solche, die zwei bis drei Stunden oder sogar mehr in Anspruch nehmen. Die Spielzeit hängt natürlich von der Anzahl der Spieler und von der Schwierigkeit ab. Dabei handelt es sich um Brettspiele oder Kartenspiele in verschiedenen Kombinationen. Es gibt aber auch Spiele, die einfach mit Papier und Bleistift funktionieren, solche mit Glückselementen anhand von Würfel oder Karten, oder solche, bei denen es auf reine Strategieentwicklung ankommt. Hinzu kommen Geschicklichkeits- und Memory-Spiele; Spiele, wo man Rechnungen ausführen muss oder Pantomimen.

Webseiten über „Boardgames“

Für all diese gibt es auch ein Zuhause im Internet – BoardGameGeek, eine Webseite, die viele Informationen bereithält. Diese ist eigentlich eine Datenbank für Brettspiele weltweit und beinhaltet ein Forum, wo sich Spieler austauschen können. Hier werden Diskussionen geführt, Spiele online gespielt, Wettbewerbe veranstaltet und Spiele getauscht.

 www.boardgamegeek.com bietet rund 65.000 registrierte Spiele und etwa 10.000 Erweiterungen und Zubehör. Über eine Million Nutzer haben sich auf dieser Fach-Webseite registriert.

Sie löste auch in Daniel Indru den Wunsch aus, das Spielen nicht bloß als Hobby auszuüben, sondern seine persönliche Meinung dazu zu äußern und Empfehlungen abzugeben. So entstand 2009 seine eigene Webseite www. goingcardboard.ro. Hier werden schriftliche und gefilmte Spielreviews hochgeladen und veröffentlicht, über Spielsessionen erzählt, Spielregeln erklärt und Strategien diskutiert. „Diese Spielergesellschaft ist in Rumänien noch klein und zerstreut, aber durch ein Board-Game-Forum können sich die Leute kennenlernen.

Sie besprechen ihr gemeinsames Hobby und planen Gamer-Treffen“, erklärt der 36-Jährige. „Für mich ist es ein Privileg, solche Leute kennenzulernen. Man lernt sie übrigens sehr schnell kennen, denn am Spieltisch agieren die Leute auf besondere Weise und offenbaren Verhaltensaspekte, die man in einer ‚normalen‘ zwischenmenschlichen Beziehung nicht so schnell entdeckt. Bringe einen Menschen in die Lage, zu gewinnen oder zu verlieren, dann siehst du, wie er reagiert und welchen Charakter er hat“, sagt Daniel Indru. Er liebt es, spielend Charakterzüge seiner Mitmenschen zu diagnostizieren. „Man kann Leute, mit denen man den Spieltisch für zwei, drei Stunden teilt, leichter einschätzen, als wenn man mit ihnen eine ganze Woche verbringt“, fügt er hinzu.

Spielbegeisterte wie Daniel Indru gibt es in Rumänien nicht viele, erzählt der Temeswarer. Daher gibt es landesweit nur wenige Webseiten, die Brettspiele zum Hauptthema haben: boardgamer.ro, ce-jucam.ro, boardgames-blog.ro und forumboardgames.ro.

„Spielekarawane“ landesweit unterwegs

Daniel Indru liebt es, Spiele zu empfehlen. So trat er in Verbindung mit einem Hobby- und Spielzeuggeschäft in der Temeswarer Iulius-Mall. Der Laden bietet Kindern neben einer Handarbeitswerkstätte seit einiger Zeit auch Board-Games-Nachmittage. Doch nicht nur Kinder kommen, sondern auch Erwachsene verschiedenen Alters. Hier können Familien, Gruppen oder einzelne Menschen zusammenkommen und miteinander Gesellschaftsspiele spielen. „Es gibt so viele Kinder, die in ihrer Freizeit vor dem Computer, dem Tablet oder dem Fernseher abhängen. Sie könnten stattdessen ihre Zeit mit der Familie, mit Freunden oder Kollegen verbringen und gleichzeitig ihr logisches Denken oder ihre Geschicklichkeit üben“, meint Indru. „Durch Spiele kann man auch viel mehr über Geschichte, Geografie und Tiere erfahren, als im Unterrricht“, davon ist der junge Mann überzeugt.

Bei Happy-Color können Leute am Wochenende, aber auch an Wochentagen zusammenkommen und spielen. Zwischen 18 und 22 Uhr dürfen sie sich ein Spiel oder mehrere auswählen, bekommen die Regeln erklärt oder können zu einem anderen Spiel wechseln, wenn es sie nicht weiter reizt. 12 Lei kostet diese Erfahrung für den gesamten Nachmittag, der Preis beinhaltet auch ein Getränk.

Zusammen mit dem Inhaber, Valentin Mihai, arbeitet Daniel Indru an einem umfangreichen Projekt, das Gesellschafts- und abstrakte Spiele für Kinder landesweit fördern möchte. Eine NGO soll hierfür gegründet werden, erzählt Indru, die Spielekarawane („caravana cu jocuri“). Sie soll durch ganz Rumänien reisen und bei Festivals, in Buchhandlungen und an Orten, wo viele Leute zusammentreffen, Spiele vorstellen. Derzeit werden freitags und samstags bei Happy Color auch Spiel-Wettbewerbe veranstaltet.

Wenn Daniel Indru gerade nicht selbst spielt, bereitet er seine nächsten Aktionen vor: Er liest Reviews, verfolgt Video-Vorstellungen, dreht seine eigenen und lernt neue Spielregeln. „Mehr als die Hälfte meiner Freizeit geht dafür drauf“, bekennt er stolz. „Mein Leben ist wie in einem Scherz aus den 80ern: ‚Was machst du, wenn du nicht Musik hörst? Ich spule zurück!‘“

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