Friedrich Dürrenmatt interdisziplinär

Tagungsband zum vielgestaltigen Werk des Schweizer Schriftstellers erschienen

Freitag, 12. Mai 2017

Die „Jassyer Beiträge zur Germanistik“, die im Auftrag des Germanistik-Lehrstuhls der Alexandru Ioan Cuza-Universität von Andrei Corbea-Hoişie in Jassy/Iaşi herausgegeben werden, zeichnen sich dadurch besonders aus, dass sie mit jedem neu erschienenen Band zugleich auch einen neuen Themenschwerpunkt setzen. Neben allgemeinen literaturwissenschaftlichen Fragestellungen, komparatistischen Analysen oder regionalliterarischen Untersuchungen standen immer schon auch einzelne Autoren im thematischen Fokus verschiedener Folgen dieses wichtigen Fachorgans der rumänischen Germanistik. So war beispielsweise der 1983 erschienene erste Band der Jassyer germanistischen Fachzeitschrift Johann Wolfgang Goethe gewidmet, spätere Bände dann Franz Kafka, Immanuel Weißglas, Friedrich Schiller und Gregor von Rezzori.

Vor Kurzem wurde der zwanzigste Band der „Jassyer Beiträge zur Germanistik“ veröffentlicht, der erneut einen einzelnen Künstler in den Blickpunkt rückt: den Schweizer Erzähler, Dramatiker, Hörspieldichter, Theaterregisseur, Maler, Zeichner und Grafiker Friedrich Dürrenmatt (1921-1990). Der von den Jassyer Germanisten Dragoş Carasevici und Alexandra Chiriac herausgegebene Band versammelt Studien und Aufsätze zur Rezeption des vielgestaltigen Werks des berühmten Schweizer Gegenwartsautors, die ein Vierteljahrhundert nach dessen Tod im Rahmen einer internationalen Tagung in Jassy zum Thema „Friedrich Dürrenmatts Rezeption im 21. Jahrhundert“ mündlich vorgetragen wurden und nun in den „Jassyer Beiträgen zur Germanistik“ schriftlich vorliegen.

Eröffnet wird der Tagungsband, nach einem resümierenden Vorwort der Herausgeber, durch einen persönlich gehaltenen Beitrag von Bernhard Böschenstein, in dem der Genfer Literaturwissenschaftler seine mehrere Jahrzehnte umspannenden Begegnungen mit Friedrich Dürrenmatt schildert, die bis ins Jahr 1948 zurückreichen, als der Gymnasiast Böschenstein in Bern den jungen Schriftsteller besuchte, der gerade an seiner Komödie „Romulus der Große“ arbeitete. In Böschensteins Beitrag stehen auch folgende zwei bemerkenswerte Sätze über die Berner Mundart des Schweizer Nationaldichters: „Gewichte hängen dieser Mundart an, die in Dürrenmatts Hochsprache hinüberreichen. Kaum je könnte ein Dürrenmatt-Satz aus einem andern deutschsprachigen Land stammen.“ (S. 17).

Der Tagungsband ist in fünf Sektionen unterteilt, die sich der Spannbreite des Dürrenmattschen Gesamtwerkes aus unterschiedlichen Blickrichtungen nähern. Steht im ersten Teil die interdisziplinäre Begegnung von Literaturwissenschaft und Philosophie bei der Rezeption von Dürrenmatts literarischen Werken im Vordergrund, so im zweiten Teil die kunst-, theater- und medienwissenschaftliche Perspektive auf Dürrenmatts Oeuvre. Die Teile drei und vier befassen sich mit dem vielleicht bekanntesten Theaterstück Dürrenmatts, dem „Besuch der alten Dame“, sowie mit seiner genialen Komödie „Romulus der Große“. Der fünfte und letzte Teil versammelt Rezensionen über Dürrenmatt gewidmete Sekundärwerke sowie Berichte über eine Tagung in Jassy und über eine Dürrenmatt-Inszenierung am Jassyer Nationaltheater.

Den philosophischen Teil des Tagungsbandes eröffnet ein Aufsatz des Dürrenmatt-Experten Pierre Bühler (Zürich), der Dürrenmatts Werk in den geistigen Kontext von Franz Kafkas literarischem Kosmos und von Sören Kierkegaards philosophischen Betrachtungen einordnet, die auch für Dürrenmatts um ein Jahrzehnt älteren Schweizer Schriftstellerkollegen Max Frisch von großer Bedeutung waren. Hans-Jürgen Schrader (Genf) beleuchtet in seinem Beitrag mit dem Titel „Dürrenmatts Erzählung vom CERN“ die Frage der ethischen Verantwortung des Wissenschaftlers, die auch in Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ im Zentrum steht. Mit den Bildern des Labyrinths und der platonischen Höhle bei Dürrenmatt beschäftigen sich zwei Beiträge von Ioana Crăciun (Bukarest) und Gonçalo Vilas-Boas (Porto), insbesondere im Hinblick auf Dürrenmatts Ballade „Minotaurus“. Susanne Lorenz (München) untersucht auf der Basis von Norbert Elias’ und Sigmund Freuds zivilisationstheoretischen Schriften den Zusammenhang von Kulturleistung und Kontrollverlust in Dürrenmatts Erzählung „Die Panne“, während Sigurd Paul Scheichl (Innsbruck) die fiktionale Gestalt des Kommissärs Bärlach und deren literarische Darstellung in Dürrenmatts Kriminalromanen analysiert. Der Beitrag der Jassyer Germanistin Nora Chelaru über das Motiv der Eisenbahn bei Dürrenmatt, insbesondere in dessen Erzählung „Der Tunnel“, beschließt den ersten Teil des Jassyer Tagungsbandes.

Der zweite Teil versammelt Aufsätze zu weiteren Dimensionen der Person und des Oeuvres von Friedrich Dürrenmatt. Myriam Minder (Neuchâtel) gibt, mit schönen und zum Teil sogar farbigen Abbildungen, ein Porträt des Malers und Zeichners Dürrenmatt, während der Herausgeber des Tagungsbandes Drago{ Carasevici unter dem Titel „Die Klassiker dürrenmattisiert“ die Arbeit des Multitalents Dürrenmatt als Theaterregisseur, u. a. von Dramen Goethes und Büchners, untersucht. Andreas Engelhart (München) befasst sich in seinem Beitrag „Dürrenmatt im Theater der Gegenwart“ insbesondere mit der Zürcher Inszenierung von „Die Physiker“ durch Herbert Fritsch aus dem Jahre 2013, während Dieter Lohr (Regensburg) Dürrenmatts Hörspiele im hörspielgeschichtlichen Kontext untersucht, insbesondere das Hörspiel „Die Panne“, dessen Stoff in Dürrenmatts Gesamtwerk auch in Form einer Erzählung, eines Fernsehspiels und eines Theaterstücks vorliegt.

Den dritten Teil des Tagungsbandes bilden zwei englischsprachige Beiträge, die sich beide mit Dürrenmatts Drama „Der Besuch der alten Dame“ befassen. Cătălina Bălinişteanu (Bacău) analysiert dessen Hauptfigur Claire Zachanassian und ihr subversives Verhaltensinstrumentarium, das ihr dazu dient, Männer zu dominieren und sie sich zu unterwerfen, während Crina Leon (Jassy) Dürrenmatts Drama mit Ibsens gesellschaftskritischem Theaterstück „Ein Volksfeind“ unter dem Aspekt der Moralität und des sozialen Wertesystems vergleicht.

Der vierte Teil des Tagungsbandes besteht aus einem einzigen Aufsatz. Dominik Müller (Genf) widmet sich darin einem von ihm selbst geschaffenen Ankündigungsplakat für eine Aufführung der Komödie „Romulus der Große“ im Jahre 2002, wobei er besonders auf den Faltenwurf der Toga, die die Hauptfigur des Dramas trägt, näher eingeht und diesen mit Faltenwürfen aus Illustrationen von Albrecht Dürer und Félix Vallotton vergleicht.
Neben drei Rezensionen von Stela Avram (Klausenburg), Cezara Huma (Jassy) und Ana Dănculesei (Jassy) zu Sekundärwerken über Friedrich Dürrenmatt finden sich im fünften und letzten Teil des Tagungsbandes außerdem zwei Berichte. Ioana Petcu (Jassy) präsentiert Claudiu Gogas Inszenierung von Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ am Jassyer Nationaltheater aus dem Jahre 2015, und die Herausgeberin des Tagungsbandes Alexandra Chiriac berichtet über eine weitere Tagung, die vor einigen Monaten in Jassy stattfand und den Literatur- und Kulturraum Mittelosteuropa zum Thema hatte. Wir sind jetzt schon darauf gespannt, die Vorträge, die auf dieser Tagung im September 2016 von Germanisten aus ganz Europa gehalten wurden, im nächsten Band der „Jassyer Beiträge zur Germanistik“ versammelt zu sehen und eingehend studieren zu können.


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